Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs

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Text: Adeline Seidel

Mit der Ausstellung „Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs“ möchte das Vitra Design Museum eine neue Debatte über das private Interieur und die Innenarchitektur anstoßen. Wo also stehen wir heute?

Die Absicht, die das Vitra Design Museum verfolgt, ist höchst willkommen: „(…) während soziale und architektonische Themen wie die Frage nach bezahlbarem Wohnraum heute lebhaft debattiert werden, findet eine ernsthafte gesellschaftliche Auseinandersetzung über das Wohninterieur nicht statt. Das überrascht umso mehr, als sich in unseren Interieurs stets auch wichtige gesellschaftliche Themen unserer Zeit widerspiegeln.“, ist im Vorwort des Ausstellungskatalogs zu lesen.

In der Welt der Design-Medien, mit ihren zahlreichen Blogs, Onlinemagazinen und Zeitschriften ist tatsächlich ein Diskurs-Vakuum entstanden. Gezeigt wird alles, was gut geklickt wird. Ganz oben in der Like-Parade sind Bilder von „Wohlfühloasen“ und Lifestyleorte, die ein klein wenig „edgy“ sind. Blogger, Stylisten und Influencer zeigen, wie man mit ein paar „Design-Pieces“ den Altbau styled. Und bewährte Magazine schweigen, wenn es darum geht, sich kritisch mit Wohnräumen und Produkten auseinanderzusetzen, sie einzuordnen und zu kommentieren – die letzten Anzeigenkunden sind schnell verprellt.

Zwanzig Ikonen
„Wir möchten untersuchen, welche gesellschaftlichen, technischen und politischen Einflüsse das Interieur Design in der Vergangenheit beeinflussten und heute beeinflussen.“, erklärt der Kurator Jochen Eisenbrand die Intention der Ausstellung. Hierfür nimmt sich das Vitra Design Museum viel vor und reduziert 100 Jahre Innenarchitektur-Geschichte auf beispielhafte 20 Projekte. Streng chronologisch wird die Relevanz dieser anhand von Plänen und Zeichnungen, Modellen und Produkten, Fotos und Filmaufnahmen aufgezeigt. Zu den 20 „Ikonen“ gehört auch – wer hätte es gedacht – die „Villa Tugendhat“ (1929) von Ludwig Mies van der Rohe. Sie steht beispielhaft für alle modernistischen und offenen Grundrisse der 1920er Jahre. Das Wohnhaus (1941) von Finn Juhl ist geprägt von Naturmaterialien und organischen Formen. Es ist ein wichtiger Bezugspunkt für die skandinavische Moderne, die in dieser Form auch noch heute für viele Möbelproduzenten, Designer und Innenarchitekteneine wichtige Referenz ist.

Technikbegeisterung im Space Age
Das „House of the Future“ (1956) von Alison und Peter Smithson – eine Mischung aus Höhle und Raumkapsel – steht für die Technikbegeisterung der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Neue Materialien wie Kunststoff erlaubten neue Formen. Maschinen aller Art sollten die Arbeit der Hausfrau erleichtern. Der Wohnraum wurde zum modularen Massen- und Lifestyleprodukt und wie das Automobil in Maßen individualisierbar. Ganz im Gegenteil dazu die Beispiele aus der 1970er Jahren, in denen sich der politische Umbruch spiegelte: Claude Parents eigenes Wohnhaus (1971), in dem es praktisch keine horizontale Fläche gab, sondern man nur auf Schrägen saß, aß und lag.

Keine Ikonen in den 1990ern?
Und natürlich fehlen in der Ausstellung auch nicht die Entwürfe der Memphis Gruppe. Als Ikone der Postmoderne steht beispielhaft Michael Graves „Reinhold Apartment“ (1981) – eine Wohnung die unverkennbar Graves in Farben, Formen und Materialkombinationen atmet. Soweit, so bekannt: All diese Projekte sind bereits vielfache rezipiert, untersucht und in der Design- und Architekturgeschichte verortet worden. Wie aber hat sich das Wohninterieur nach der Postmoderne entwickelt? Und welche gesellschaftlichen, technischen und politischen Umbrüche lassen sich ablesen? Dazu bleibt die Ausstellung wage, überspringt die Neunziger und landet sogleich im 21. Jahrhundert – um hier nur drei exemplarische Projekte zu zeigen.

Gemeinsam ist ihnen, dass sie allesamt den Bestand transformieren. Da wäre Arno Brandlhubers „Antivilla“: Ein roher Ort, in dem sich Texturen und Oberflächen zu einem farblich wie räumlich entsättigten Raum zusammenfügen. Und dessen nutzbarer Raum sich je nach Jahreszeit durch einen Vorhang verändert. Für den derzeitigen Mangel an Wohnraum steht das Projekt „Yojigen Poketto“ vom spanischen Büro Elii. Die 33 Quadratmeter große Wohnfläche mit flexiblem Stauraum und Einbauschränken ist wandelbar wie ein Wohnwagen. Für „Co-Creation“ und „Design ohne Autorschaft“ steht das Projekt „Granby Four Streets“ in Liverpool von der Architektengruppe Assemble. Gemeinsam mit der Bewohnerschaft bewahren sie die Wohnanlage aus dem viktorianischen Zeitalter vor dem Abriss. Gemeinsam gestalten sie Räume und Möbel, die den Anforderungen der Bewohner entsprechen.

Mehr Substanz weniger Style
Das streng chronologische Vorgehen der Ausstellungsmacher vermittelt etwas Lehrbuchhaftes – und verwehrt übergreifende Erkenntnisse, mit denen sich aktuelle Projekte und heutige Entwicklungen differenzierter einordnen lassen. Wie hat sich die Vielfalt der Wohnräume verändert? Wo es noch vor 100 Jahren ein Zimmer für die Dame gab, in der sie Freundinnen empfing und ihren Hobbys nachging, so gibt es heute noch nicht einmal mehr die Fernsehecke. Welche Möbel und Wohnräume stehen für eine Generation, die sich Nachhaltigkeit und Mobilität auf die Fahnen schreibt und von einer globalisierten Ästhetik geprägt ist? Hier bietet „Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs“ nicht den erhofften Diskurs zur jüngsten Geschichte der Innenarchitektur. Das ruft nach einer Fortsetzung der Ausstellung. Und fordert uns Medien auf, endlich ebenfalls den Zeitgeist der jüngsten Vergangenheit auf gesellschaftliche, technische und politische Einflüsse abzuklopfen.

Eines aber muss anerkannt werden: Hätte es Instagram schon 1900 gegeben, alle 20 Ikonen hätten sich sicher erstaunlich gut zur Verbreitung über diesen Kanal geeignet, wären vielfach geliked und gerne reposted worden.

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