Hugo França: Botanische Archäologie

22

Text: Norman Kietzmann

Hugo França ist ein Meister der Holzverarbeitung. Aus den mächtigen Wurzeln Jahrhunderte alter Bäume fertigt er außergewöhnliche Möbel. Selbstverständlich war dieser Weg nicht: Der Brasilianer begann seine Karriere ursprünglich als Computer-Ingenieur.

Sie sieht aus wie ein riesiger, asymmetrischer Ring, ist 2,4 Meter breit und 1,68 Meter hoch. 380 Kilogramm bringt sie auf die Waage und kostet stolze 95.000 US-Dollar: Die aus Pequi-Nussbaum gefertigte Chaiselongue
Curimbó ist gewiss kein gewöhnliches Möbelstück: eine Skulptur zum Sitzen, archaisch, wild, als wäre sie allein von der Natur erschaffen worden. Das stimmt jedoch nur zur Hälfte. Denn es war der Brasilianer Hugo França, der einen Blick dafür hatte, eben jenes Wurzelwerk aus dem Boden zu graben, es vor dem Verbrennen zu bewahren und schließlich so zu bearbeiten, dass die Schönheit und Kraft der Natur vollendet zur Schau gestellt werden.

Charakter durch Fehler
„Ich finde immer etwas im Inneren des Holzes, das ganz anders als von außen aussieht. Möbel aus solchen Hölzern sind voller Fehler. Es gibt Löcher, Unebenheiten, Markierungen: Eigenschaften, die für die Möbelindustrie ein Problem sind. Doch für mich sind sie wesentlich, weil sie diesen Möbelstücken Charakter und Lebendigkeit verleihen“, sagt Hugo França, der 1954 in Porto Alegre geboren wurde. Ein Entwurf beginnt für ihn nicht mit einer vorab angefertigten Zeichnung. Er ist stets von den Formen und Strukturen des Holzes abgeleitet.

Archäologischer Prozess
Hugo França fährt in die Wälder und kauft die Wurzeln riesiger Bäume von den Farmern. „Die organischsten Kurven haben sich im Inneren der Erde entwickelt. Es ist ein geradezu archäologischer Prozess, diese Wurzeln auszugraben. Für mich liegt das Wichtigste genau an dieser Stelle: Licht ans Holz zu bringen, das für so viele Jahre im Erdreich verborgen war“, erklärt Hugo França. Er unterhält zwei Werkstätten in Trancoso im Bundesstaat Bahia und in Louveira im Bundesstaat São Paulo. Die fertigen Arbeiten werden im eigenen Showroom inmitten der 12-Millionen-Metropole gezeigt.
Dialog mit der Natur 
Wenn das richtige Wurzelstück gefunden ist, beginnt der zweite Teil der Arbeit: Hugo França greift dann tatsächlich zum Stift, jedoch zeichnet er nicht auf Papier, sondern direkt auf dem Holz. „Es ist ein Dialog zwischen mir und dem rohen Material. Wenn ich die ersten Zeichnungen mache und das Holz schneide, kommen ganz neue Dinge zutage. Und so verändere ich den Entwurf. Ein vorstehendes Element wird plötzlich etwas ganz anders, als es zunächst gedacht war“, sagt Hugo França, der seine Arbeiten auch auf Sammlermessen wie der Design Miami präsentiert.

Der andere Blick
Als Teenager hatte er einen anderen Plan. Er wollte Ingenieur werden und begann ein entsprechendes Studium. Sein Bruder war Künstler und brachte ihn in dieser Zeit mit einer weniger auf Zahlen basierenden Welt in Kontakt. Die Faszination fürs Kreative war da. Und doch ging er seinen Weg weiter. „In den Achtzigern habe ich fünf Jahre lang in einem Unternehmen gearbeitet. Es war am Anfang des brasilianischen Computer-Booms. Doch ich war so unglücklich“, erinnert sich Hugo França. 

Also begann er Möbel zu entwerfen, worin er schon als Kind die ersten Erfahrungen gesammelt hatte. „Die ersten Stücke waren für mich und meine Freunde. Dann meinte jemand, ich müsse sie in einer Ausstellung zeigen. Das tat ich und wurde entdeckt“, sagt Hugo França, für den die vorherigen Jahre keineswegs umsonst waren. „Mein Ingenieursdenken hat mir geholfen, die Prozesse in der Werkstatt besser zu koordinieren. Heute kann ich beides zusammenfügen: den technischen und den kreativen Teil meiner Arbeit.“
Botanische Zeitreise 
Nachdem França seinen Job als Ingenieur an den Nagel gehangen hatte, ging er in den Regenwald. „Ich verließ São Paulo und kam in einem Dorf ohne Elektrizität und Kanalisation an. Es war ein Schock. Und doch hat es Sinn gemacht. Ich wusste, dass ich an diesen Ort gehöre und den Kontakt zur Natur brauche“, erklärt Hugo França. Dass Holz im brasilianischen Möbeldesign eine so zentrale Rolle einnimmt, liegt für ihn auf der Hand. „In den nordischen Wäldern gibt es 17 verschiedene Holzarten, im tropischen Wald hingegen mehr als 3.000 verschiedene Arten. Sie sind Teil von unserer Kultur und unserem Erbe. Einige Bäume, die ich bearbeite, sind über tausend Jahre alt“, sagt Hugo França.

Ganz bewusst verwendet er die Kettensäge als Werkzeug. „Sie ist das Symbol für den irrsinnigen Raubbau, der am Regenwald vorgenommen wird. Ich finde es wichtig, die Bedeutung umzudrehen, indem ich den Holzstücken, die normalerweise als Abfall betrachtet werden, mit dieser Säge ein neues Leben gebe.“ Im Holz hat Hugo França sein Metier gefunden. „Am Anfang habe ich versucht, Materialien zu mischen. Etwas aus Eisen oder ab und an etwas aus Glas. Doch meine Spezialität ist Holz. Ich würde gerne einmal von einem meiner Möbel einen Bronzeabguss zu machen. Es wäre spannend, die Formen und Strukturen des Holzes auf diese Weise zu sehen. Doch das Thema Holz möchte ich nicht mehr verlassen.“

Weitere Artikel 13 - 25 von 39 Best-of: Outdoor 2019 Rough im Quadrat – Fliesen in Betonoptik Die Teppichweber von Cogolin Pretziada: Sardische Essenz Koloman Moser: Der Universalgestalter 50 Jahre Mondlandung: <br />
Richtungswechsel im Design Museo del Design Italiano: Götter und Giganten  Vorschau Salone del Mobile 2019: Alle auf Los! Die Anti-Provokanten: Nachwuchs auf der imm Design Miami Basel 2019: Grüne Welle Radical Craft: Ist das Handwerk noch zu retten? imm cologne 2019: Das Haus – Living by Mood

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.