Ideen sitzen – 50 Jahre Stuhldesign

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Text: Claudia Simone Hoff


Es sitzt sich nicht in jedem gut. Denn manch einer sieht einfach nur schön aus, doch mangelt es ihm an Bequemlichkeit. Andere wiederum sind komfortabel, aber hässlich wie die Nacht. Worum es geht? Um den Stuhl. Dieser steht im Mittelpunkt einer Ausstellung, die derzeit im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg unter dem Titel „Ideen sitzen – 50 Jahre Stuhldesign“
einlädt zum Schauen, Staunen und Sitzen.


Betritt der neugierige Besucher das frisch restaurierte Foyer des altehrwürdigen Museums, darf er gleich Platz nehmen. Nein, nicht irgendwo, sondern auf veritablen Klassikern des Stuhldesigns: auf dem durchsichtigen Louis Ghost von Philippe Starck, dem Zick-Zack-Stuhl von Gerrit Rietveld, dem knallgelben Traktorsitz-Schwinghocker Mezzadro von Achille Castiglioni,  dem Dreibeiner B1 von Walter Papst oder dem Chair One mit Betonfuß von Konstantin Grcic.

Von alten Hüten und neuen Stühlen

Der Entwurf eines Stuhls wird bestimmt von ganz unterschiedlichen Faktoren wie Nutzen, Markt, Zielgruppe, Firmenphilosophie, Material, Herstellungsverfahren und technologischem Fortschritt. Und auch wenn manch einer darüber erstaunt sein mag: Der Entwurf eines Stuhles gehört noch immer zu den gestalterischen Herausforderungen eines Designers, auch 150 Jahre nach der Erfindung des legendären Kaffeehausstuhls Konsumsessel Nr. 14 der Firma Thonet. Man könnte denken, es gäbe bereits genug Stuhlmodelle, aber neuartige Materialien und Herstellungsverfahren bieten immer wieder neue Möglichkeiten. Und gerade darin besteht der Reiz für viele Designer, auch im 21. Jahrhundert noch einen Stuhl zu entwerfen.

Der Schweizer Designer Jörg Boner, der zwei wunderbar zeitgemäße Stühle für den Hersteller Wogg gestaltet hat, hat eine Begründung für diesen Reiz parat: „Im Jahr 2010 gibt es gar nicht so viele Stühle und noch viel weniger Stühle, die auch so ausschauen, als wenn sie 2010 gemacht wurden. Mich interessiert vor allem: Wie muss etwas aussehen, damit es etwas Zeitgemäßes an sich hat, und wie muss es konstruiert und gebaut sein, damit es dieses Zeitgemäße auch ökonomisch und ökologisch wiedergibt – dann gibt es komplett neue Möglichkeiten.“ Ähnlich hat es auch der Architekt und Designer Mario Botta formuliert: „Einen Stuhl zu entwerfen bedeutet, ein neues geheimnisvolles Bild zu erfinden, das geeignet ist, die Gefühle und Hoffnungen einer Zeit auszudrücken.“

Bitte setzen Sie sich doch!

Und es sind nicht nur diese Möglichkeiten, die die Designer beschäftigen, es dürften auch diese Zahlen sein: Wir sitzen neun Stunden am Tag, während wir uns nur sechs Stunden bewegen und acht Stunden schlafen – im Durchschnitt. Auch in der Ausstellung ist diese Verteilung von Sitzen und Bewegen kaum anders, denn kaum hat man die Stühle im Entree ausprobiert, anschließend die Stufen der großem Freitreppe erklommen – vorbei am extravagant-ausladenden Lounge-Sessel Sunball von Günter Ferdinand Ris und Herbert Selldorf aus den späten sechziger Jahren – erwartet einem im ersten Stock des Museums ein wahres Panoptikum an Stuhlentwürfen. Ein speziell für die Ausstellung produzierter Film zum Thema kann betrachtet werden und zwar logischerweise wiederum im Sitzen: Entweder kuschelt sich der Besucher in Erwan und Ronan Bouroullecs Alcove Love Seat oder sitzt, allerdings weitaus unbequemer, auf den schwarzen oder weißen Kunststoffhockern Elephant von Sori Yanagi.

100 aus 300 Sitzgelegenheiten

Doch dann endlich geht es laufend, schlendernd oder stehend weiter. In den Ausstellungsräumen werden die Sitzobjekte flankiert von Plakaten und Accessoires wie beispielsweise Lampen oder Kleider aus der jeweiligen Epoche – diese angestrebte historische Verortung funktioniert aufgrund des fehlenden, vertiefenden Hintergrunds jedoch nur bedingt. Es ist übrigens die letzte Ausstellung, die unter dem scheidenden Kurator Rüdiger Joppien entstanden ist. Ausgestellt werden einhundert Stuhlklassiker aus der über dreihundert Stücke umfassenden Sammlung des Museums, Anlass ist der Ankauf von zwanzig Schlüsselwerken wie Corallo von den Campana-Brüdern, Petit Jardin von Tord Boontje oder den Well Tempered Chair von Ron Arad durch die Stiftung für die Hamburger Kunstsammlungen

Die Ausstellung ist chronologisch geordnet: Jeder Raum widmet sich einer Epoche und reicht von den sechziger Jahren bis in die Gegenwart. Während die organisch angehauchte Ausstellungsarchitektur von Hauke Stölken und die Ausstellungsgrafik von Andreas Torneberg schlicht gehalten sind – verschiedene, teils grelle Farben an den Wänden stehen symbolisch für eine Gestaltungsepoche – stehen die Exponate zumeist auf flachen Sockeln oder sind ausnahmsweise auch mal an die Wand gehängt. Leider haben es die Ausstellungsmacher versäumt, den Besucher mit mehr als den absolut notwendigen Informationen zu versorgen. Und so steht er ein wenig alleingelassen vor den – zugegebenermaßen zuweilen recht spektakulären – Objekten.

Der Stuhl als Zeitzeuge

Die Ausstellung möchte Einblick geben „in verschiedene gestalterische Ansätze und Motivationen aus fünf Jahrzehnten“, wobei „der Stuhl als Zeitzeuge, etwa als Ausdruck einer Utopie oder als Instrument politischen Protests, als Reaktion auf ökologische Veränderungen oder als kühle Geschäftsidee, als Experiment mit neuen Technologien oder als skulpturales Kunstwerk“ dargestellt werden soll, wie das Museum betont. Wie stark das verwendete Material oder auch neue Technologien wie Rapid Prototyping Einfluss nehmen auf die gestalterische Arbeit der Designer, wird an verschiedenen Punkten der Ausstellung deutlich. Im ersten Raum beispielsweise werden Stühle und Objekte aus den sechziger Jahren ausgestellt, die vorwiegend durch die Verwendung von Kunststoffen auffallen – so beispielsweise der in einer Stuhl-Ausstellung unvermeidliche Panton Chair von Verner Panton, das Modell BA 1171 von Helmut Bätzner oder Joe Colombos Stapelstuhl 4867. In den sechziger Jahren war es erstmals möglich, Stühle aus Kunststoff im Spritzguss-Verfahren aus einem Stück herzustellen. Hätte man in der Hamburger Ausstellung – wie parallel gerade in der Zürcher Schau Make up – Design der Oberfläche – den hochglänzenden Panton Chair aus den sechziger Jahren eine aktuell erhältliche, matte Version gegenübergestellt, wäre deutlicher geworden, welchen Einfluss die Beschaffenheit der Oberfläche auf die Wirkung eines Stuhls hat.

Vom Funktions- zum Kunstobjekt

Oder aber das Experiment des holländischen Entwerfers Joris Laarman namens Bone Chair, das mittels Rapid Prototyping entworfen und anschließend aus Aluminium hergestellt und poliert wurde. Der Stuhl ist allerdings weniger eine veritable Sitzgelegenheit, als dass er irgendwo zwischen Design und Kunst changiert und damit einen Solitärcharakter entwickelt. Oder wie es der Designer festhält: „Ich habe einen Weg gefunden, die Evolution ziemlich präzise zu rekonstruieren. Gemeint ist hochtechnisierte Bildhauerei mit den Werkzeugen von Mutter Natur. Die Ironie des Ergebnisses ist, dass eine gewohnte, fast historische Eleganz herauskommt und sich als weit effizienter erweist, verglichen mit modernen geometrischen Formen.“

Etwas Süßes zum Schluss

Viel weniger technisch anmutend ist das Ende des Hamburger Ausstellungsparcours’, bei dem es dann noch Herzerwärmendes zu sehen gibt: eine Sammlung von Kinderstühlen. Und da kann sich der Besucher erfreuen an Objekten wie der Schaukelplastik von Walter Papst oder dem spacigen Kinderstuhl 4999/5 von Richard Sapper und Marco Zanuso – jenseits der langweiligen Massenentwürfe eines gelb-blauen schwedischen Möbelhauses.


Weitere Informationen

Ideen sitzen. 50 Jahre Stuhldesign

bis 13.3.2011
Museum für Kunst und Gewerbe
Steintorplatz, Hamburg
Öffnungszeiten: Di – So 11 –18, Do 11 – 21 Uhr

Zur Ausstellung ist ein Booklet erschienen:

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Hrsg.):
Ideen sitzen. 50 Jahre Stuhldesign 1960 – 2010. 100 Sitzmöbel aus der Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg.
Hamburg 2010, 5 Euro
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