Im Aufbruch: Vorschau auf die Orgatec 2010

9

Text: Jasmin Jouhar


Die Orgatec 2010 markiert einen Wendepunkt: Nach einem schwierigen Jahr 2009 mehren sich in der Büromöbelbranche die Anzeichen für eine Besserung der wirtschaftlichen Lage. Sowohl Hersteller wie auch Handel vermelden steigende Auftragszahlen für 2010. Die Messe selbst wird dennoch im Zeichen der Krise stehen: Denn die Entwicklung von Produktneuheiten dauert bekanntlich länger als ein oder zwei Geschäftsquartale, und längst nicht alle Hersteller können bereits Entwarnung auf ganzer Linie geben. Das Angebot an Neuheiten und die Gestaltung der Stände werden dieses Mal also kaum so üppig ausfallen wie 2008.


Wenn nächste Woche, am 26. Oktober, die wichtigste Büro- und Objektausstattungsmesse Europas in Köln ihre Tore öffnet, werden positive Geschäftszahlen und Prognosen die Stimmung an den Ständen prägen. Während das Jahr 2009 mit Umsatzeinbußen im zweistelligen Bereich katastrophal für die Branche ausfiel, meldete der Verband Büro-, Objekt und Sitzmöbel (bso) für das zweite Quartal 2010 ein Umsatzplus von 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr: Der Aufschwung scheint in den Unternehmen anzukommen. Auch der sogenannte Büroimmobilienbedarfsindex (BIBX) des Deutschen Instituts für Wirtschaft in Köln zeigt kontinuierlich nach oben. Und wenn Bürogebäude gebaut oder zumindest saniert werden, dann werden neue Möbel gebraucht.

Unter ganz anderen Vorzeichen

Die diesjährige Ausgabe der Orgatec fällt also in eine Aufbruchssituation und steht damit unter ganz anderen Vorzeichen als vor zwei Jahren. Damals, im Oktober 2008 zu Beginn der Krise, herrschte große Unsicherheit über deren mögliche Auswirkungen. Zugleich hatten die Hersteller „fette Jahre“ mit steigenden Umsätzen sowohl im In- wie Ausland im Rücken – entsprechend viele und ambitionierte Neuheiten hatten sie zur Messe mitgebracht. Große und aufwändig inszenierte Stände prägten das Bild. In diesem Jahr dürfte der ein oder andere Auftritt krisenbedingt sparsamer ausfallen.

Design auf dem Rückzug aus den Messehallen?

Manche designorientierten Hersteller wie Dynamobel aus Spanien, Richard Lampert aus Deutschland oder Bulo aus Belgien sind in diesem Jahr gar nicht mehr mit einem eigenen Stand dabei, sondern präsentieren sich auf der kurz vorher beginnenden Messe Interieur im belgischen Kortrijk. Dynamobel allerdings zeigt zumindest sein Stuhlprogramm am Stand von Kinzo und Bau-Art. De Sede aus der Schweiz wiederum – 2008 mit einem großen Stand vertreten – beschränkt sich auf eine kleinere Präsentation in der direkt neben dem Kölner Messegelände gelegenen Design Post, einem Designzentrum mit Showrooms internationaler Hersteller. Auch der wichtige Stoffproduzent Kvadrat aus Dänemark und das deutsche Unternehmen Schönbuch stellen 2010 nicht mehr auf der Orgatec selbst, sondern nebenan in kleinerem Rahmen aus. Neben dem finanziellen Argument mag da auch eine Rolle spielen, dass designorientierte Unternehmen die gediegenere Atmosphäre der Design Post einer trubeligen Messehalle vorziehen. Steelcase setzt seine schon traditionelle Messeabstinenz fort, nutzt aber die Aufmerksamkeit der in der Stadt anwesenden Fachwelt für Vorträge in seinem Kölner Showroom.

Trotz Krise: Bedeutung der Orgatec ungebrochen

Die Bedeutung der Orgatec als wichtigster Branchentreff in Europa bleibt aber trotz Krisenjahr 2009 ungebrochen: Wichtige Unternehmen wie Wilkhahn, Vitra, Walter Knoll, Sedus, Interstuhl, Bene oder Herman Miller bespielen wieder große Flächen. Zudem kann die Messegesellschaft prominente „Rückkehrer“ wie Philips, USM, Haworth und COR/Interlübke begrüßen. Insgesamt rechnen die Organisatoren mit rund 600 Ausstellern auf etwa 105.000 Quadratmetern Fläche – im Vergleich zu 665 auf 112.000 Quadratmetern im Jahr 2008.

Gegen den Strom geschwommen

Manche Unternehmen haben bewusst, wie es in der Managementsprache heißt, „antizyklisch“ gehandelt. Sedus beispielweise, im vergangenen Jahr wie viele andere mit signifikanten Umsatzrückgängen konfrontiert, hat in eine „Produktoffensive“ investiert. Überzeugt davon, dass die Talfahrt nicht lange anhalten würde, hat der süddeutsche Hersteller seit Ende 2009 mehrere neue Produkte auf den Markt gebracht, unter anderem den Bürostuhl sedus of course und das Schranksystem gran slam. Zur Orgatec nun wird diese Offensive zum Abschluss gebracht, die Zahl der Neuheiten wird sich damit auf insgesamt zehn summieren. Auch Wilkhahn aus Bad Münder hat mitten in der Krise die aufwändige und kostenintensive Entwicklung des Stuhls Chassis von Stefan Diez vorangetrieben und kann nun in Köln neben einigen Programmerweiterungen und einem noch geheimen Prototypen das serienreife Modell des Vierbeiners vorstellen. Die Manufaktur Züco aus der Schweiz bringt unter anderem eine Version für den Außenbereich ihres Loungesessels Perillo mit.

Ein großes Geheimnis oder viel Aufmerksamkeit vorab?

Nicht alle Hersteller verraten gerne vorab, womit sie die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen wollen; Interstuhl aus Deutschland oder Blå Station aus Schweden beispielsweise halten sich lieber bedeckt. Vitra dagegen hatte bereits Anfang September nach Weil am Rhein zur Orgatec-Vorschau eingeladen. Im Anschluss an eine Podiumsdiskussion über die Gestaltung von Großraumbüros präsentierte der Hersteller in seinem „Musterbüro“ Citizen Office auf dem Werksgelände die diesjährigen Neuheiten wie den Projekt-Arbeitstisch Kuubo von Naoto Fukasawa, der mit einem diskreten, aber praktischen Innenleben aufwartet. Auch ein neuer Stuhl von Jasper Morrison und Erweiterungen zum erfolgreichen Alcove-Programm werden in Köln zu sehen sein. Der Messe-Rückkehrer COR bringt die Neuentwicklung Scope mit, eine modulare Sitzmöbelfamilie für den Objektbereich, die mit hohen Rückenlehnen geschützte Bereiche schaffen kann. Offecct aus Schweden hat einen Stapelstuhl mit Namen Lite angekündigt. Herman Miller aus den USA setzt weiterhin auf eine technoid anmutende Ästhetik, wie der neue Drehstuhl Sayl von Yves Béhar beweist. Thonet stellt unter anderem den luxuriös anmutenden Konferenztisch S 8000 von Hadi Teherani vor.

Prominente Namen, wichtige Themen

Mit bekannten Namen wirbt auch die Design Post: Bei de Sede präsentiert Matteo Thun eine neue Polstermöbel-Familie. Das Büromöbel-Label Prooff des Rotterdamer Designers Jurgen Bey kann mit Ben van Berkel auch einen prominenten Gestalter vorweisen: Als Gast in der Design Post zeigt Prooff van Berkels SitTable – einen ungewöhnlichen Arbeitstisch mit eingebauter Sitznische. Die zweite Neuheit der Niederländer ist Phonebox, eine interessante Lösung für diskrete Telefongespräche im Großraumbüro. Überhaupt zeigt sich anhand vieler Neuentwicklungen, dass die Arbeit im Open Space nach wie vor ein wichtiges Thema für die Hersteller ist. Schließlich organisieren vor allem viele große und internationale Unternehmen ihre Büros in offenen Räumen – schon aus Kostengründen. Aber lassen sich Begleiterscheinungen wie Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten oder mangelnde Privatsphäre in den Griff bekommen? Die Vorschläge gehen da von akustisch optimierten Bodenbelägen über Rückzugsmöbel bis hin zu flexiblen Blendensystemen. Flexibilität ist ohnehin das andere zentrale Stichwort der Branche, bringen doch mobile Kommunikationsmittel oder Projekt- und Teamarbeit ganz unterschiedliche Arbeitssituationen mit sich. Beispielsweise Vitras Tisch Kuubo oder Prooffs SitTable sind als Antwort auf diese Herausforderungen der zeitgenössischen Bürowelt konzipiert. Doch wie auch immer Hersteller sich zu solchen Themen auf der Messe positionieren werden, die wichtigsten Fragen der Orgatec werden zweifellos wirtschaftlicher Art sein: Kommt der Aufschwung wirklich in der Branche an, und wie steil geht es dann bergauf?


Mehr zur Orgatec 2010, zahlreiche Neuheiten und Veranstaltungstipps rund um die Messe finden Sie in unserem Special:www.orgatec-special.de
Weitere Artikel 13 - 14 von 14 Studio Visit: Kuehn Malvezzi Gentle Monster: Eine Fashion-Dystopie

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.