Im falschen System: Kill your Darlings

Text: Stephan Burkoff

„Dazu muss erst einmal gesagt werden, dass es für den Kapitalismus keine Rechtfertigung gibt. Er ist ein durch und durch absurdes System, und das bist Du ja auch.“ In seinem Stück „Kill your Darlings“ schreibt René Pollesch über das, was fehlt – wenn das System alles vorgibt. Überlegungen zum Status quo der Möbelbranche.

Die Kölner Möbelmesse begann für mich mit einem sonntäglichen Abendessen mit dem Direktor des Het Nieuwe Instituut (HNI) aus Rotterdam. Guus Beumer war wegen der Ausstellung „Domestic Affairs“ nach Köln gereist. Er berichtete, wie er als Leiter des HNI, das seit 2013 die niederländischen Institute für Architektur, Design, Tanz und Medien zusammenfasst, immer wieder aufs Neue seine Sprache, seine Inhalte und seine Agenda an die Zielsetzung der Behörden anpassen muss, um entsprechende Förderungen zu erhalten. Einerseits, weil es verschiedene Ansprechpartner gibt. Andererseits aber auch, weil sich die politische Agenda schneller wandelt, als ein Ausstellungsprogramm es je könnte.

Das HNI mit Guus Beumer an der Spitze ist Teil eines Systems, das durch variable Rahmenbedingungen geprägt ist und von den Akteuren verlangt, sich zu verändern, um weiterhin mitzuspielen. Systeme – oder mehr noch: das System – war eines der Themen auf der diesjährigen Kölner Möbelmesse. Auch wegen der vielbeachteten Ausstellung zum Systemdesign im Museum für Angewandte Kunst Köln. Ebenso aber, weil in den Messehallen deutlich wurde, in welchen Systemen die Möbelbranche gefangen ist.

System Neuheiten
Es ist nicht das Ziel der imm, mit einem Feuerwerk an neuen Entwürfen aufzutrumpfen. Das bleibt traditionell dem Salone del Mobile in Mailand vorbehalten. Die Kölner Möbelmesse ist vor allem eine Order-Messe und ein Branchentreff. Dennoch versuchen viele etablierte Hersteller, mit wenig überraschenden „Neuheiten“, Reeditionen, bekannten Entwürfen in neuen Farben und in neuen Materialien Jahr für Jahr Innovation zu verkaufen. Dass die Information, es gäbe diesen Stuhl oder jenen Tisch jetzt wieder neu oder als Variante in Leder, Textil, mit Drehfuß, nur wenig mediale Aufmerksamkeit erregt, wird enttäuscht aufgenommen und letztlich den Journalisten zum Vorwurf gemacht. Andere Hersteller hingegen glauben,  jedes Jahr gleich mit einer Vielzahl neuer Produkte anreisen zu müssen, um Händler und Kunden glücklich zu machen. Doch die Neuheit als Reflex unterscheidet sich sehr von der Neuheit aus einem bestimmten Willen heraus. Dass dabei am Ende mehr Überflüssiges als Wertvolles auf den Messeständen zu finden ist, liegt in der Natur der Sache.

System Gruppenzwang
Auch in diesem Jahr lassen sich keine eindeutigen Trends ablesen. Und doch gibt es immer wiederkehrende Elemente, die wiederholt zum Einsatz kommen. Das mag ein bekannter Textilhersteller sein, der fast alle Polstermöbelhersteller zu beliefern scheint, die ewige Riege der zehn angesagten Designer, von denen jeder bei mindestens drei Firmen mitspielt, oder eben Produktgattungen, die plötzlich überall auftauchen.

Dem Textilhersteller mag niemand einen Vorwurf machen. Er hat offenbar ein gutes Produkt und kann sich glücklich schätzen, als Lieferant erfolgreich zu sein – sogar, wenn es die Möbel zumindest dem äußeren Anschein nach austauschbar macht. Natürlich wollen die Hersteller auch mit großen Namen werben. Das ist eine sichere Nummer: lieber mit einem der fünf bis zehn großen Designer zusammen arbeiten als eigene Persönlichkeiten aufbauen! Das gilt ebenso für den Einsatz von bewährten Farben oder Materialien. Sicherheit bietet das, was alle machen: Die mehrheitsgesteuerte Gleichschaltung findet man nicht nur in der Möbel- oder Modebranche, sie ist allgegenwärtig. Niemand möchte etwas verpassen. Manche drohen sich selbst dabei zu vergessen.

System Range Extension
Auffällig ist, wie viele Möbelhersteller sich neuerdings auf Accessoires verlassen, um ihren Umsatz zu stabilisieren. Der Grund: Kleine Dinge wandern schneller über den Conceptstore-Ladentisch. Dass man sich oftmals nicht mehr sicher sein kann, ob der Fokus auf den ausgestellten Regalen oder deren Inhalt liegen soll, ist nur einer der zu befürchtenden Kollateralschäden. Wenn Möbelunternehmen ihre Produktpalette mit Kissen, Vasen und niedlichen Holzfigürchen ausschmücken, erinnert das stark an den Merchandising-Wahn der Neunziger. Der dahinter liegende Kommerz wirkt kleingeistig und hinterlässt einen faden Nachgeschmack. Ebenso wunderlich sind Hersteller, die ihr Portfolio mit Objekten ergänzen, die gar nicht zu ihnen passen, ja fremd wirken. Man möchte meinen, so lange es keine Softdrinks einschlägiger Möbelmarken gibt, ist die Welt – oder das System, noch in Ordnung. Aber wenn ein Spezialist für Bugholz- und Stahlrohrmöbel einen gepolsterten Ohrensessel mit verstellbarer Rückenlehne vorstellt, ist es schon so, als könnte man bei Porsche einen Kombi kaufen.

Falsche Impulse
Sozialwissenschaftlich betrachtet, bewegen wir uns alle in Systemen. Das Konzept „System“ hilft, Zusammenhänge zu verstehen und in einen Kontext zu setzen. Nun besteht zwischen kulturellen Einrichtungen und der Möbelindustrie ein gewaltiger Unterschied. Kulturinstitutionen schaffen immaterielle Werte. Diese kosten Geld, bringen aber keine Gewinne. Möbelunternehmen hingegen haben ein Produkt, das sie verkaufen. Damit verdienen sie Geld.

Es ist Teil unserer Konsumgesellschaft, dass immer weniger nützliche oder gar nachhaltige Dinge ver- und gekauft werden. Obwohl alle das Gegenteil behaupten. Man darf die Umsatzziele nicht vergessen, denen sich vor allem große Unternehmen unterwerfen müssen. Für sie bestimmt die Nachfrage das Angebot. Der Dividende zuliebe.

Für die Industrie sollte es Ziel sein, bessere Möbel, besseres Design zu schaffen. Produkte, die länger als ein Jahr im Sortiment bleiben – im besten Fall auch jahrelang beim Käufer verweilen, aber auch höhere Erlöse erzielen. Marken müssen begehrlich werden. Das gelingt nicht mit kurzfristigen Aktionen. Es erfordert Vertrauen in die eigenen Stärken, Authentizität und den Mut, Fehler zu machen. Der Geschmack der Massen erzeugt keine Individualität. So entstehen Einheitsprodukte, für die es keinen Grund mehr gibt, eine Messe zu veranstalten. Die Individualisten, die Charaktere, die Visionäre fehlen.

Systemanalyse
Der funktional-strukturelle Ansatz der Systemtheorie des frühen Niklas Luhmann fragt nach der Funktion von Systemen und dann erst nach der dafür notwendigen Struktur. Was frei interpretiert bedeutet, dass Systeme als Konstruktion verstanden werden müssen, die keinen Automatismus haben, sondern dynamisch entstehen. Es gibt also keinen Grund sich bestehenden Strukturen auszuliefern: Sie können jederzeit geändert und angepasst werden. In der Biologie ist ebenfalls von Systemen die Rede. Allerdings sind diese selbstregulierend und einzig vom Überlebenswillen des Einzelnen und den äußeren, natürlichen Umständen, also von Imperativen geprägt.


Für das Het Nieuwe Instituut und Guus ist die Lage so, dass er kaum Chancen hat, seinem System zu entkommen. Das Wesen kultureller Einrichtungen bleibt finanziell defizitär und ist stets auf Unterstützung aus Wirtschaft und Politik angewiesen. Sie sind Teil eines eher biologischen Systems und tun gut daran, aufmerksam auf ihre Umwelt zu achten, sich zu wandeln und die richtige Geschichte zu erzählen. Der Clou ist, dabei trotzdem seine inhaltlichen Vorstellungen zu verwirklichen. Neben vielen anderen Fertigkeiten ist dies eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Kulturprogramm und wird, nebenbei bemerkt, von Guus Beumer hervorragend erfüllt.

In der Möbelindustrie sieht es hingegen übersichtlicher aus. Ihr System funktioniert strukturell: Menschen müssen wohnen, sie benötigen dafür Möbel; Möbeldesigner und -hersteller schaffen Möbel, die sie verkaufen, um zu überleben. Wie jedes einzelne Unternehmen und die Branche aus diesen Parametern ihr System gestalten, bleibt den Akteuren selbst überlassen. Und es gibt durchaus Beispiele von Herstellern, denen es gelingt, sich den Mechanismen der Branche zu entziehen und ihren eigenen Weg zu gehen. Ich wünsche mir, dass wieder mehr Unternehmen ihre Geschichte erzählen und das System für sich selbst definieren. Wir sind gern Teil dieses Systems und wir lieben Design. Von mir aus darf sich alles ändern.

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