Imm cologne 2015: Brombeeren mit Zuckerguss

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Text: Norman Kietzmann

Die 66. Kölner Möbelmesse imm cologne ist am 25. Januar nach fünf Fachbesucher- und zwei Publikumstagen zu Ende gegangen. Mit 146.000 Besuchern konnte das Ergebnis von 2013 leicht übertroffen werden, als die Möbelschau zuletzt von der Küchenmesse LivingKitchen begleitet worden war. Doch trotz der positiven Zahlen: Die Möbelhersteller inszenieren eine Wohnwelt von gestern – und schneiden sich damit auf Dauer ins eigene Fleisch.

Ein wenig erinnert die Szenerie an das Märchen Des Kaisers neue Kleider. Das Möbelvolk fährt wie jeden Januar an den Rhein, um sich die Neuheiten anzuschauen. Doch was es dort zu sehen bekommt, ist lediglich ein alter Hut. Weil sich niemand die Blöße geben möchte, diesen Umstand zuzugeben, wird das Alte kurzerhand für neu erklärt. Ganz so, als wären die Zeiger der Uhr auf null zurückgestellt worden.

Schon nach einem kurzen Rundgang beschleicht einen das ungute Gefühl, für einen Moment dem Gedächtnisschwund verfallen zu sein: Man trifft lauter neue Freunde, die einem aber irgendwie bekannt vorkommen. Natürlich ist es vermessen, davon auszugehen, dass die Welt jedes Jahr neu erfunden wird. Doch selten hat eine Branche derart geschlossen in die Vergangenheit zurückgeblickt wie auf dieser Messe.

Rückwärts in der Zeitschleife
„Retro wird als Lösung gesehen, um Ängste loszuwerden. Eine Utopie, die früher kein sicherer Wert war, ist heute mitunter ein sicherer Wert geworden“, sagt der Designer Clemens Tissi, der früher selbst eine Galerie für historisches Design in Berlin führte. Worum es ihm dabei ging, war vor allem die Haltung, die hinter den Klassikern der Moderne stand. Die retrogespulten Neuheiten dieser Messe tun das genaue Gegenteil: Sie greifen eine Form auf, ohne deren Kontext einzubinden und verlieren sich damit in Beliebigkeit. Sieht so die Strategie aus, mit der sich die krisengeschüttelte Branche wieder erholen will?

Schwelgen am Nierentisch
Am Stand von Walter Knoll empfängt die Besucher ein seltsam-organisches Gebilde. Tama heißt der marmorne Beistelltisch des Wiener Designteams EOOS, der den Eindruck erweckt, als hätten Alexander Calder und Henry Moore einen gemeinsamen Möbelworkshop veranstaltet. Die weichen, abgerundeten Ablagen werden von durchlöcherten Füßen getragen. Alles scheint im tektonischen Fluss – nur die Zeit will dabei nicht mitmachen. Der Clou des Entwurfs, so erfahren wir später, steckt in seiner Oberfläche. Der Marmor wurde nicht einfach nur geschnitten und glatt geschliffen. Er wurde solange „geledert", also mit Leder behandelt, bis seine Oberfläche samtig-weich ist. 

Beistelltisch Tama von EOOS für Walter Knoll
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Wohnen mit Tastsinn
Auf Zeitreise in die Epoche der Nierentische begeben sich auch die Polsterhersteller, die den Lounge-Sessel zum Star dieser Messe gekürt haben. Als Solitär mit hoher Rückenlehne und breiten Ohrenschützern lädt er zum Versinken sein. Seine Aufwertung verändert zugleich die Hierarchie des Wohnzimmers. Großformatige Sofas schrumpfen mehr und mehr zu kompakten Zweisitzern, die nicht nur in kleineren Räumen Verwendung finden. Ebenso wie der Lounge-Sessel sind sie damit flexibler einsetzbar als eine Sitzlandschaft und können problemlos in die nächste Wohnung mitgenommen werden.

Neue Materialien
Vor allem der Tastsinn wird auf dieser Messe gefordert. Flauschig-weiche Bezüge laden dazu ein, mit den Fingern betrachtet zu werden. Neben naturbelassenen Lederhäuten kommt auch Mohair zum Einsatz – das kostbarste aller natürlichen Wollgewebe. Der Verarbeitungsprozess des hochflorigen Materials ist durchaus mit Kürschnerarbeit vergleichbar und erfordert enormes Fingerspitzengefühl und handwerkliches Können. „Geheimer Glamour“ wird die haptische Aufwertung bei Cor genannt, die in warmen Farben wie Brombeere, Altrosa, Olive und Senf umso verführerischer zu Geltung kommt.

Neben Kupfer, Messing und Marmor sind Steinzeug, Schiefer und Beton auf dem Vormarsch, die in erster Linie bei Tischoberflächen und Sideboard-Ablagen Verwendung finden. Steht dabei vor allem die Entwicklung einer langfristigen Patina im Mittelpunkt, setzen Platten aus Hochdruck-Laminat Fenix-NTM auf eine weiche, samtene Haptik. Die Bezeichnung NTM steht für Nano Tech Mat, einer extrem matten und hoch belastbaren Oberfläche, die resistent gegen Kratzer, Abrieb, Hitze oder Flecken ist und problemlos mit Reinigungs- und Lösungsmitteln behandelt werden kann. Die Botschaft: Langlebigkeit lässt sich nicht nur mit natürlichen Rohstoffen erzielen, sondern auch mit den neuesten Kreationen aus den Chemielabors. 

Verflechtung von Wohnen und Arbeiten
Galt der Sekretär lange Zeit als Relikt des 18. Jahrhunderts, ist er auf dieser Messe zum ständigen Begleiter geworden. Von spielerischer Leichtigkeit zeigt sich das Modell Fju, das vom Kölner Designbüro Kaschkasch für Living Divani entwickelt wurde. Dient das Möbel im hochgeklappten Zustand als Zeitschriftenhalter, verwandelt es sich beim Herunterklappen in eine besonders breite Ablage. Einen Raum im Raum inszeniert die französische Designerin Marie Christine Dorner mit Koya für Ligne Roset. Dessen Stärke liegt in der Interaktivität: Die Schreibfläche wird von einem hölzernen Käfig umschlossen, der mit Stoffbahnen, Seidentüchern oder Schals individualisiert und jederzeit wieder verändert werden kann. Ebenfalls an der Schnittstelle von Wohnen und Arbeiten agieren schmale Konsolen, die an die Rückseite des Sofas angedockt werden. Wer arbeiten oder surfen will, muss sich nun nicht mehr in eine gesonderte Ecke zurückziehen, sondern bleibt im Mittelpunkt des Raumes.

Holz mit Netzanschluss
Im Accessoire-Segment können die Ablagen kleiner Beistelltische über Sessel oder Sofas hinweggeschoben werden und dienen als Fläche für Laptops oder Tablet-Computer. Wie Holz den Anschluss an die Gegenwart meistert, zeigt der Audiomöbelhersteller Spectral mit dem Beistelltisch Connect, der dank eines Universaldocks zum Aufladen mobiler Apple-Geräte geeignet ist. Referenzen an die technikvernarrten 80er-Jahre bringt Desalto mit einer Weiterentwicklung des TV-Halter-Programms Sail ins Spiel. Der Bildschirm ruht ohne eine zusätzliche Bodenplatte auf einem zylindrischen Fuß, der wahlweise mit der Wand verbunden oder zwischen Fußboden und Decke eingespannt wird. 
Treasure Box von James Irvine für Schönbuch
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Die Wohnung als Setzkasten 
Auch eine weitere Möbelkategorie feiert ein Comeback: der Setzkasten. Posthum hat Schönbuch das Modell Treasure Box herausgegeben, das James Irvine kurz vor seinem Tod im Januar 2014 entworfen hatte. Das aus massiver, naturbelassener Esche gefertigte Objekt dient als Bühne für Souvenirs und persönliche Schätze und kann einzeln oder als Reihe an der Wand platziert werden. Wer es etwas üppiger mag, wird bei beim Leuchtenhersteller Gera fündig. Das thüringische Unternehmen präsentiert ein Lichtregal, dessen Böden mit sensorgesteuerten LED-Feldern bestückt sind. Das Möbel misst die Helligkeit im Raum und passt die Beleuchtungsstärke automatisch an. Der Effekt: Nicht nur Bücher und Objekte werden wirkungsvoll in Szene gesetzt. Auch die Lichtstimmung des gesamten Raumes kann mit dem Möbel gesteuert werden – was hoffentlich das Fenster nicht ersetzen wird. 

Ganzheitliche Serien
Ein konstantes Wachstum erlebt die Kategorie der Reeditionen. Überraschendes hatte diesmal der Möbelhersteller Spectrum im Gepäck mit dem Press Room Chair von Gerrit Rietveld. Den voluminösen Lounge-Sessel hatte der Niederländer 1958 für den Presseraum des Pariser UNESCO-Gebäudes entwickelt, das Möbel fiel jedoch im letzten Moment dem Rotstift zum Opfer. Das Unternehmen komplettiert mit dieser „Weltpremiere“ seine bestehende Rietveld-Reihe – eine Strategie, der auch andere Hersteller folgen. Gubi baut mit dem Sofa Modern Lines (1948) seine Kollektion von Arbeiten der schwedisch-amerikanischen Designerin Greta M. Grossmann aus. Und Ligne Roset erweitert die bestehende Pierre-Paulin-Palette um acht weitere Entwürfe – vom Polstermöbel bis zur Aufbewahrung. Die Bandbreite der Reeditionen verschiebt sich damit immer mehr von exponierten Einzelstücken zu vollständigen Serien, mit denen ganze Räume komponiert werden können. 

Stunde der Eintagsfliegen
Was bleibt von dieser Messe? Trotz vereinzelt schöner Lösungen fällt das Fazit vage aus. Sicherlich ist der Zugewinn an Haptik ein Schritt in die richtige Richtung. Doch das Wohnen darf nicht nur den Fingern überlassen werden. Die zuckersüße Behaglichkeit, die viele Hersteller auf ihren Ständen inszeniert haben, verfehlt ihre Wirkung. Schließlich machen die Entwürfe keinen Appetit auf sich selbst, sondern auf den unerschöpflichen Fundus an Vintage-Stücken, die über Authentizität und Patina bereits verfügen – Qualitäten, die die Retro-Eintagsfliegen von heute kaum erzielen werden.

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