Imm cologne 2016: Kuscheln in Köln

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Text: Norman Kietzmann

Die 67. Kölner Möbelmesse imm cologne ist nach fünf Fachbesucher- und zwei Publikumstagen zu Ende gegangen. Während die Formen auf sicheren Retro-Pfaden der fünfziger und sechziger Jahre wandeln, laden Naturmaterialien und haptische Oberflächen zum Berühren ein. Für Aufsehen sorgen weniger die etablierten Marken als eine Vielzahl kleinerer Hersteller, die souverän am Rhein nach vorne drängen.

Das neue Möbeljahr hat seinen Auftakt gemeistert. Trotz Kälte sind 120.000 Besucher auf die Kölner Möbelmesse gepilgert. Das sind zwar 26.000 weniger als im Vorjahr, als die imm cologne von der zugkräftigen Küchenmesse LivingKitchen begleitet wurde. Gegenüber 2014 konnte jedoch ein leichtes Plus von fünf Prozent verbucht werden. Von Hektik war hingegen in den Hallen nichts zu spüren. Es blieb Zeit für Gespräche – und auch die Neuheiten wirkten wie Lehrstücke in punkto Entschleunigung. 

Multiple Anknüpfungspunkte
Mit natürlichen Materialien, haptischen Oberflächen und sinnlichen Details wird eine warme, atmosphärische Welt in Szene gesetzt. Für eine Steigerung des Wohlfühlfaktors sorgen retroaffine Formen, die Anklänge an die 1950er und 60er Jahre mit verführerischen Bonbonfarben verbinden. Anstatt die Neuheiten mit singulären Inszenierungen herauszuheben, werden sie in realistisch anmutende Wohnensembles eingebunden. Der Gang von einem Stand zum anderen erinnert so an einen dutzendfachen Hausbesuch – und nicht an eine typische Produktpräsentation. 

Dass Möbel mit zahlreichen Accessoires zusammentreffen, ist kein Zufall. Schließlich soll ihre Alltagstauglichkeit an Ort und Stelle unter Beweis gestellt werden. Die Folge: Allzu Auffälliges oder gar Schräges fällt aus. Die neuen Dinge zeigen sich als zahme Teamplayer, die stilistische und formelle Anknüpfungspunkte zu ihrer Umgebung suchen und Zeitgeist in erster Linie durch eines ausdrücken: Zeitlosigkeit. Das schafft Vertrautheit und macht die Produkte leichter zugänglich – aber eben auch ein Stück weit langweilig. 

Schalen- und Vasenserie Shade von Anne Jørgensen für Muuto
Materielle Vielfalt
Der Bezug zur Gegenwart offenbart sich vor allem in der Wandelbarkeit. Kompakte Dimensionen und zurückhaltende Formen erlauben leichte Anpassung an unterschiedliche räumliche Umgebungen. Eine Strategie, die viele Hersteller verfolgen, liegt im Schmieden materieller Allianzen. Walter Knoll zeigt das Sofa Isanka von EOOS Design, dessen stoffbespannte Polster von einer schützenden Schale aus Sattelleder eingefasst werden. Auch der Palette Desk, den Jaime Hayon für &tradition entworfen hat, setzt auf das stimulierende Zusammenspiel unterschiedlicher Werkstoffe. Ein schlankes Gestell aus schwarzen Stahlröhren trägt Ablagen aus Marmor, Messing sowie natürlichem oder gefärbtem Holz. Ganz gleich, wo dieses Möbel aufgestellt wird: Mit seinem warmen Materialmix fügt es sich überall spielend ein.

Handwerk und Natur
Ein zentrales Thema dieser Messe sind natürliche Materialien. Conmoto stellt den von Peter Maly entworfenen Eichentisch Tension Solid Oak vor, der ganz ohne metallische Verbindungselemente auskommt. Tischplatte und Seitenwangen werden von Schwalbenschwanzverbindungen zusammengehalten, die den handwerklichen und zugleich auch rustikalen Charme des Möbels betonen. Einen besonders schönen Stuhl aus Nussbaum und japanischer Weißeiche präsentiert Conde House mit Kamuy von Naoto Fukasawa. Auch hier nimmt sich die Formensprache betont zurück und lässt dem Material und seiner Verarbeitung Vortritt. Der Trend zur Natur hinterlässt unterdessen auch hinter den Kulissen deutliche Spuren. So haben Hersteller wie Team7, More oder Living Divani mit dieser Messe ihre Lederbezüge auf ein umweltschonendes Gärbungsverfahren mit Olivenöl umgestellt – was nicht nur das Gewissen entlastet, sondern ebenso einen angenehmen Duft verbreitet. 

Haptische Aufwertung
Sinnlichkeit wird auch an anderer Stelle groß geschrieben. Samtene Bezüge verwandeln Polstermöbel in schimmernde Wohlfühlzonen, die Dandy-Grandeur mit flauschig-weicher Haptik zusammenbringen. Galt für Schränke lange Zeit das Ideal des cleanen Monolithen, ist auch hier ein Wandel zu beobachten. Knopflose Fronten werden zunehmend durch klar erkennbare Griffe oder feine, herausstehende Lederlaschen ersetzt. Eine Mischung aus Verbergen und Offenbaren hat der Londoner Designer Mathias Hahn mit seinem Schranksystem Kin für Zeitraum realisiert. Die Massivholzmöbel sind mit grifflosen Tip-On-Beschlägen ausgestattet. Doch dafür markieren runde, konkave Druckfelder, wo die Fronten fingerschmeichelnd geöffnet werden. 

Farbliche Eingriffe
Farbe ist die verlässliche Allzweckwaffe, um Vertrautes aufzufrischen und Neues schmackhaft zu machen. Gebrochene, erdige Töne wie Graubeige, Graubraun und Anthrazit treffen auf Petrol, Rosa, Terrakotta, Senfgelb und Royalblau. Es ist eine leckere Palette, die an Bonbons oder Macarons erinnert und den Mangel an formellen Einfällen galant übertüncht. Auch hier wird Uniformität zugunsten einer Kombination von unterschiedlichen Materialien und Farben aufgegeben. Ein harmonisches Zusammenspiel erzeugt beispielsweise die Schalen-Serie Capsule von Carsten Gollnick für Schönbuch, bei der ein Deckel aus geöltem Eichenholz mit einem vanillefarbenen Korpus kombiniert wird. 
Beistelltisch January von Harri Koskinen für Nikari 
Verschiebung des Retro-Fokus
Farbliche Vielfalt ist auch beim Beistelltisch Pli von Classicon anzutreffen. „Ich hatte ein Chamäleon im Sinn, das seine Farbe in jeder Umgebung verändert", erklärt die französische Designerin Victoria Wilmotte ihren Entwurf. Der metallene Fuss ist in leicht unregelmäßige Facetten unterteilt, deren schimmernde Farben an das Gefieder eines tropischen Vogels erinnern. Changierende Stoffe waren auch beim Sitzprogramm Manarola zu sehen, das Philippe Nigro für Ligne Roset entworfen hat. Die kräftigen Polster werden von zwei rückseitigen Klammern umfasst, die direkt auf dem Boden aufliegen und dem Möbel Leichtigkeit verleihen. Interessant ist die Verschiebung der stilistischen Vorlage. Während die meisten Neuheiten dieser imm cologne von den fünfziger und sechziger Jahre beeinflusst sind, übersetzt Philippe Nigro die Sitzmöbel der Siebziger in die Gegenwart.

Von dieser Wechselwirkung aus gestern und heute hätte man gerne mehr gesehen. Der Großteil der Aussteller zieht sich dagegen fast vollständig in die bequeme Retro-Ecke zurück. Für eine Branche, die noch immer mit schwächelnden Umsätzen zu kämpfen hat, ist diese Haltung durchaus nachvollziehbar – ebenso wie eine klare Ausweitung der Accessoire-Palette. Doch es fehlt der Mut, eigene Akzente zu setzen, weswegen der Überblick verloren geht. Kaum auszudenken, was passieren würde, wenn jemand über Nacht die Logos an den Ständen abmontiert hätte. Inmitten all der austauschbaren Produkte und Inszenierungen hätte selbst manch Aussteller Mühe, den eigenen Stand wiederzufinden. 

Neue Vielfalt
Die Gewinner dieser Messe sind letztlich weniger die großen Marken. Es sind vor allem die zahlreichen kleinen und jungen Hersteller aus Ländern wie Frankreich, Finnland, Bosnien und Herzegowina, Slowenien oder Tschechien. Viele von ihnen sind mit ihrer ersten oder zweiten Kollektion an den Rhein gekommen und sorgen mit erstaunlich umfangreichen Produktpaletten für Aufsehen. Accessoires und Kleinmöbel sind für sie kein Zusatzgeschäft, sondern ein Sprungbrett, um ins Terrain der etablierten Namen vorzudringen. Dass auch diese jungen Marken auf sicheren Retro-Pfaden wandeln, kann man ihnen kaum verdenken – schließlich nutzen sie so die kommerzielle Gunst der Stunde. Fest steht jedoch: Die Platzkarten der Einrichtungsbranche werden soeben neu gemischt.

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