In Frankfurt nichts Neues: Tendence 2009

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Text: Claudia Simone Hoff


Bei schwülwarmen Wetter herrschte am ersten Tag nur wenig Andrang auf der diesjährigen „Tendence“, die vom 3. bis 7. Juli in Frankfurt am Main stattfand und nur für das Fachpublikum ihre Pforten öffnete. Nach der „Ambiente“ die wichtigste Konsumgütermesse der Welt, bot die „Tendence“ auf 83.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche bedauerlicherweise nur wenig Neues auf den drei Fachmessen „Living“, „Giving“ und „Collectione Preview Spring + Summer“. Während in den meisten Hallen viel Kitschiges, Unnützes, zuweilen gar Absurdes und allerlei Scheußlichkeiten angeboten wurden, war für den Design-Afficionado fast ausschließlich Halle 6.1 von Interesse.



Denn dort stellten neben dem förderungswürdigen Nachwuchs auch einige namhafte Hersteller aus, darunter die italienische Designschmiede Alessi. Eine der präsentierten Neuheiten des Unternehmens war die wunderbare, fast lyrisch anmutende Kollektionen von Schalen namens „La stanza dello Scirocco“ des Designers Mario Trimarchi. In Edelstahl, weiß oder schwarz kommen sie daher und machen sich in ihrer durchbrochenen Optik gut in Küche oder Wohnzimmer. Dass hinter diesem Produkt die schöne Geschichte des „Scirocco-Zimmers" – in dem man sich bei starkem Wüstenwind in den Landhäusern im italienischen Süden zurückzog – steht, macht diese Schalen umso interessanter. Gut in die Küche oder auf den Esszimmer-Tisch passt neben Robin Platts Schale „Eve“ für Koziol auch das Untersetzer-Set „Hot Barock“ des französischen Designers Philippe Tyberghien für den Accessoire-Hersteller Konstantin Slawinski. Die kombinierbaren Untersetzer aus Silikon kommen – wie der Name des Produkts bereits andeutet – stark ornamentiert daher. Die Idee dahinter: Stuck auf dem Tisch statt an der Decke. In der Produktauswahl, die Slawinski auf der Messe zeigte, stellten diese Schnörkel allerdings eine Ausnahme dar.

Während sich die deutschen Hersteller mit Designanspruch rar machten, präsentierten sich die skandinavischen Unternehmen Stelton, Menu, Iittala und Kähler Design unter dem Marketingtool „Nordic Design Stand“. Hier waren – ganz in der Tradition des skandinavischen Designs – funktionale, schlicht gestaltete Produkte mit Fokus auf Haltbarkeit und Qualitätsanspruch angesagt, auch von jüngeren Designern wie Louise Campbell oder Søren Thygesen. Und während Iittala seine Designklassiker „Origo“ und „Essence“ ausstellte – beide Serien wurden vom Schweizer Designer Alfredo Häberli entworfen – wartete Stelton mit seinem neuen, akkubetriebenen Espresso-Kocher „Simply Espresso“ auf. Daneben durfte auch das Flagschiff des Unternehmens, die Thermoskanne von Erik Magnussen, nicht fehlen: immerhin in einer neuen Farbpalette. Traurig, aber wahr: viel mehr am Markt etablierte Unternehmen mit Designanspruch waren es dann auch nicht, die auf der „Tendence" ihre Produkte vorstellten.  

Neue Gesichter

Und während die Besucher mit der Hoffnung auf Neues durch die eher leere Halle schlenderten (und meist enttäuscht wurden), warteten die Jungdesigner mit ersten Produkten und Kleinserien auf ein interessiertes Publikum. Dem Nachwuchs wurde auf der „Tendence“ reichlich Platz eingeräumt mit den Sonderschauen „YDMI“ vom Rat für Formgebung, „Talents“ und „Next“. Auf den „Talents“ konnten sich junge Designer kostenfrei auf einer eigenen kleinen Ausstellungsfläche präsentieren, dieses Jahr genau zwanzig an der Zahl. Die Ausstellungsfläche „Next“ hingegen richtete sich an junge Unternehmen mit Designhintergrund, die bereits über erste unternehmerische Erfahrungen verfügten – im Interior Design, Produktdesign für Kinder oder Schmuckdesign. Und so gab es auf den Ausstellungsflächen der Newcomer die wohl interessantesten Dinge der gesamten Messe zu entdecken: egal ob es sich um die „Spießermöbel“ von Hannes Grebin, die experimentellen Papiermöbel „structure and skin“ von Studenten der Fachhochschule Aachen und Hochschule Coburg, den Schalenturm „Babel 2.0“ des Berliner Designers Steffen Schellenberger oder den Hocker „Lem“ von Westosteron handelte.

Mundwinkel nach unten

Ob sich die gerade diplomierten Designer wohl Gedanken machten über die derzeitige Wirtschaftslage? Falls ja, dürfte ihnen folgendes nicht gefallen haben: Die Lage innerhalb der Konsumgüterbranche wird von den deutschen Branchensprechern als ernst bezeichnet. Während die deutsche Möbelindustrie im ersten Quartal 2009 einen Umsatzrückgang von 12,7 Prozent verbüßte, die Branche „Tisch, Hausrat und Wohnkultur“ in den ersten Monaten des Jahres hingegen vom wiederbelebten Trend des Cocooning, des Rückzugs in die eigenen vier Wände, profitierte, hat auch die Geschirrindustrie mit Umsatzeinbußen zu kämpfen. Dieser Negativtrend spiegelt sich auch auf der „Tendence“ wider: Die Zahl der Aussteller sank um sage und schreibe 27 Prozent. Fast 800 Aussteller weniger waren es 2009, genau 2.091. Deutschland schickte insgesamt nur 913 Hersteller ins Rennen, fast 300 weniger als im Jahr zuvor. Auch die Besucherzahlen mit 50.000 Fachbesuchern gingen dieses Jahr um 20 Prozent zurück.

Shop until you drop

Wenn schon diese Zahlen nicht zur guten Laune beigetragen haben dürften, dann wenigstens einige interessante Nebenschauplätze der Messe. Dazu gehörten die zwei räumlich gegenüberliegenden Rauminstallationen, die unter dem Begriff „Personal Shopper“ zusammengefasst waren. Normalerweise sind Personal Shopper vor allem in der Mode tätig und versorgen meist prominente Kunden mit einer gezielten Auswahl an Kleidung und Accessoires, die einen bestimmten Lifestyle repräsentieren. Diese Idee hat sich die Messeleitung der „Tendence“ zu eigen gemacht und beauftragte zwei Designbüros mit der Aufgabe, ein Interieur zu schaffen – quasi eine ganz persönliche Warenwelt – in dem dann ausgewählte Produkte der Messeaussteller in Szene gesetzt werden sollten.

Erdacht hatten sich diese Raumkojen dieses Jahr die Designbüros Polka aus Wien – 2005 noch als Aussteller auf der „Talents“ vertreten – und Doshi/Levien aus London. Insbesondere das Londoner Ehepaar begeisterte dabei: So gab es hier beispielsweise Stefano Giovannonis schrille „OrienTales“ für Alessi, einen Topfuntersetzer von Menu und eine Tasche von Stefan Diez für Authentics zu bestaunen. Eingebettet waren diese ausgewählten Schönheiten, die laut Doshi/Levien die Welt der Bourgeois Bohème – kurz Bo Bos genannt – präsentieren sollten, in ein kunterbuntes stimmiges Ambiente mit volkskundlichen Anklängen – wenigstens hier war gute Laune garantiert.

Ende gut, alles gut

Und mit dieser guten Laune im Gepäck ging es dann weiter zum zweiten Highlight der Messe in Halle 4.2. Denn dort hatte der umtriebige Schweizer Design-Tausendsassa Alfredo Häberli ein Café namens „Birds Place“ gestaltet – ein Lichtblick in den ansonsten öden gastronomischen Einrichtungen auf der Messe. Mit einem Espresso in der Hand das Messebuch durchblätternd, konnte man sich niederlassen in den Holznischen des Cafés und abtauchen aus der hektischen Messewelt unter einem Himmel aus Wolken-Lampen und Holz-Papageien. Herrn Häberli sei Dank!

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