Index:Award 2007

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Text: Norman Kietzmann

Designpreise gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Die einen bedeuten etwas, die meisten jedoch nicht viel. Eine Sonderrolle nimmt hierbei der erst 2005 ins Leben gerufene Index Award ein, der im Zweijahresrhythmus in Kopenhagen verliehen wird. Das Besondere an ihm ist nicht nur das Preisgeld von 100.000 Euro für jeden prämierten Entwurf, was ihn zum weltweit höchst dotierten Designpreis macht, sondern vielmehr die Kriterien, nach denen die eingereichten Produkte beurteilt werden: Bei diesen geht es nicht nur um die ästhetische Qualität als um die Frage, inwieweit die Entwürfe das Leben von möglichst vielen Menschen verbessern können. Getreu dem Motto „Design to improve life“ wurde der Preis nun am 24. August zum zweiten Mal in der dänischen Hauptstadt verliehen.
Dass Design mehr ist als nur Form und ebenso von einer ethischen Seite her bewertet werden kann und muss, ist bekannter Maßen keine rein skandinavische Erfindung. Schon in den Fünfziger Jahren wurde Design an der Ulmer Hochschule für Gestaltung über die Ästhetik hinaus gedacht und gleichrangig mit Themen wie Nachhaltigkeit oder sozialer Verantwortung behandelt. Der erstmals 2005 verliehende Index Award setzt an dieser Designauffassung erneut an und möchte jenen Produkten ein Forum bieten, die bei konventionellen Designpreisen kaum eine Chance haben. Bewertet wird dabei vor allem die Innovationstärke der Ideen, welches Potential sie besitzen und wie viele Menschen damit erreicht werden können. Ob die Entwürfe bereits den Weg in die Produktion geschafft haben oder noch als Prototypen darauf warten, einen Hersteller zu finden, spielt eher eine untergeordnete Rolle. Diese Besonderheit der Zulassungskriterien führt dazu, dass sich beim Index Award weltbekannte Designer wie Alberto Meda und Studenten auf Augenhöhe begegnen und messen können. Ein Umstand, der im prestigesüchtigen Awardgeschäft, das die Namen der Preisträger häufig wichtiger nimmt als deren Produkte, eine Ausnahme bildet.
Bewertung in Fünf Kategorien
Die elfköpfige Jury, der unter anderem die Designerin Hella Jongerius, die Designchefin des Museum of Modern Art in New York Paola Antonelli sowie der Designstratege Robert Ian Blaich beisaßen, prämierte insgesamt fünf Produkte in den Kategorien BODY, HOME, WORK, PLAY sowie COMMUNITY, die zusätzlich mit einem Preisgeld von 100.000 Euro belohnt wurden. Dass ausgerechnet ein Designpreis für verantwortungsvolles Design mit dem weltweit höchsten Budget ausgestattet ist, hat einen ganz konkreten Sinn: Nur so kann vielen der prämierten Entwürfe der Weg zur Marktreife oder das oft langwierige Aufbauen von Vertriebsstrukturen ermöglicht werden. Gerade viele junge Designer scheitern oft an dieser Stelle und können wegen unzureichender Liquidität ihre Ideen nicht auf den Markt bringen, selbst wenn diese beste Chancen auf Erfolg hätten. Die Bewertung der Jury berücksichtigt daher auch die Möglichkeiten einer späteren Realisierbarkeit.
1. Preisträger In der Kategorie COMMUNITY: 100 Dollar Laptop „XO“ von OLPC / Yves Behar
Der erste Preis in der Kategorie Community wurde an ein Projekt verliehen, das seine Anfänge am MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Cambridge nahm und schließlich in der Gründung der „One Laptop per Child“ Stiftung (OLPC) mündete: Ihr Ziel: ein Laptop zu entwickeln, das speziell auf Kinder zugeschnitten ist und nicht mehr als 100 Dollar kosten soll. Geplant ist, diese an Schulen in Entwicklungsländern zu liefern, die diese wiederum ihren Schülern kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die Kinder können mit ihnen arbeiten, spielen, Nachrichten austauschen oder, wenn sie mehrere Rechner via Bluetooth vernetzen, zusammen zeichnen oder spielen. Ansatzpunkt ist der Umstand, dass bisher 99 Prozent der Schulabgänger in Entwicklungsländern noch nie Kontakt mit einem Computer hatten und folglich auch nur begrenzte Möglichkeiten in ihrem späteren Berufsleben haben. Das Design des XO Laptops wurde vonYves Behar so gestaltet, dass die Tastatur wasserdicht ist, das Gehäuse besonders widerstandsfähig, der Bildschirm zur Seite gedreht werden kann und so viel Leuchtkraft besitzt, dass er auch bei Sonnenlicht lesbar ist. Bisher haben bereits Staaten wie Argentinien, Brasilien, Nigeria oder Thailand Bestellungen aufgegeben, an die ab Oktober die ersten Modelle ausgeliefert werden sollen. Zwar liegt der Preis mit derzeit 135-175 US-Dollar noch deutlich über dem gewünschten Ziel, doch bis 2008 wird damit gerechnet, die 100 Dollar-Marke zu erreichen.
2. Preisträger in der Kategorie HOME: „Solar Bottle“ von Alberto Meda und Fransisco Gomez Paz
„Solar Bottle“ ist ein kostengünstiges Produkt zum Desinfizieren von Trinkwasser und wurde entworfen von Altmeister Alberto Meda zusammen mit dem argentinischen Designer Fransisco Gomez Paz. Noch immer sterben derzeit 4.500 Kinder pro Tag an Krankheiten wie Cholera, Typhus oder Hepatitis A, die sie durch verunreinigtes Trinkwasser aufnehmen. Dabei ist die Lösung dieses Problems sehr einfach: Mittels des sogenannten SODIS-Verfahrens braucht Wasser in transparenten Glasflaschen für mindestens sechs Stunden direktem Sonnenlicht ausgesetzt werden, schon werden die gefährlichen Keime abgetötet. Meda und Gomez haben mit ihrer „Solar Bottle“ das Verfahren weiter verbessert und die optimale Hülle dazu entwickelt. Die besonders dünne aber breite Flasche mit einem Fassungsvolumen von vier Litern besteht aus einer transparenten Vorderseite und einer aluminiumfarbenen Rückseite, die die hindurch fallenden Sonnenstrahlen reflektiert und somit verstärkt. Mittels eines integrierten Griffs kann die Flasche dem jeweiligen Einfallswinkel der Sonnenstrahlen angepasst werden. Es ist ebenfalls möglich, mehrere Flaschen zu stapeln oder als Pakete zu bündeln.
3. Preistäger in der Kategorie PLAY: Tesla Roadster
Einen ganz anderen Ansatz verfolgt das Team um den Autobauer „Tesla Motors“, das den ersten komplett elektrisch angetriebenen Roadster entwickelt hat. Im Gegensatz zu vielen anderen Anbietern von Elektroautos startet Tesla seine Marktoffensive nicht im mittleren oder unteren Preissegment, also der Ebene der Kleinwagen oder Mittelklassewagen, sondern im Luxussegment gehobener Sportwagen. Die Idee: Elektroautos vom Image der niedlichen Keinstwagen zu befreien, das noch immer viele (männliche) Kunden vom Kauf abhält. Um dies sicherzustellen, verfügt der Tesla Roadster über Fahreigenschaften eines richtigen Sportwagens und kann in vier Sekunden von Null auf Einhundert Km/h beschleunigen. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von über 200 km/h entsprechen seine Fahreigenschaften beinahe denen eines Benziners und bieten jenen Fahrspaß, den Elektroautos bisher immer vermissen ließen. Bereitgestellt wird der Energiebedarf durch eine Bündelung von Akkus, die normalerweise Laptops zum Laufen bringen. Zu den ersten Käufern, die den ab Oktober lieferbaren Roadster bereits bestellt haben, gehören unter anderem Schauspieler wie George Clooney oder Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger. Tesla erhofft sich durch die dadurch gewonnene Aufmerksamkeit bald auch in erschwinglicher Marktsegmente expandieren zu können und Elektroautos zu einem festen Bestandteil des Straßenbildes zu machen.
4. Preisträger in der Kategorie WORK: „Tongue Sucker“ von Philip Greer, Lisa Stroux, Graeme Davies und Chris Huntley
Die Idee zu „Tongue Sucker“ kam den vier Studenten des Londoner Royal College of Arts, als während der Bombenanschläge im Juli 2005 in London mehrere Menschen starben, weil professionelle medizinische Hilfe zu spät vor Ort war. Das Problem: Häufig rutscht bewusstlosen Opfern beim Liegen die Zunge in den Hals und blockiert die Atemwege. Wenn nicht innerhalb von vier Minuten Hilfe eintrifft, kann die betroffene Person sterben oder einen schweren Hirnschaden erleiden. „Tongue Sucker“ oder zu Deutsch „Zungensauger“ ist so gestaltet, das er auch von Menschen angewendet werden kann, die über keine medizinische Vorkenntnisse verfügen. Man braucht nur den Gummiball am Ende des Schlauches drücken und das Gerät dem bewusstlosen Opfer in den Hals stecken. Lässt man den Gummiball wieder los, entsteht ein Unterdruck, der die Zunge nach oben ansaugt. Die Atemwege bleiben somit frei bis die entsprechenden Rettungskräfte eintreffen und weitere Maßnahmen ergreifen können. Würde dieses Produkt in die Grundausstattung von Erste-Hilfe-Koffern integriert werden, könnte tausenden Unfallopfern pro Jahr das Leben gerettet werden.
5. Preisträger in der Kategorie BODY: “Mobility for Each One” von Sébastien Dubois
Der kanadische Designer Sébastien Dubois hat sich mit „Mobility for Each One“ dem Problem der Landminenopfer angenommen und eine besonders einfach herzustellende Beinprothese entwickelt. Bisher kosten entsprechende Produkte zwischen 1300 und 4000 US-Dollar, die jedoch der Großteil der 25 000 Menschen, die Jahr für Jahr vor allem in Entwicklungsländern Opfer von Landminen werden, nicht bezahlen kann. Sébastien Dubois hat es geschafft, den Preis aufgrund günstigerer Werkstoffe und vorgefertigter Bauteile auf nur acht US Dollar zu senkten – einem Fünfhundertstel des bisherigen Preises. Anstatt auf Almosen und permanente Hilfe angewiesen zu sein, könnten Landminenopfer in jenen Regionen nun wieder Laufen lernen und ihrem Leben einen neuen Sinn geben.
Skandinavische Offenheit
Als die Preisverleihung im Kopenhagener Rathaus langsam ihr Ende nahm, folgte etwas, das so nur in Skandinavien möglich ist. Anstatt für die 300 internationalen Gäste ein großes gemeinsames Dinner zu geben, wurde in 28 Wohnungen im gesamten Stadtgebiet eingeladen. Die Besonderheit: Die Gastgeber, unter ihnen Architekten, Designer, Art Direktoren oder Unternehmer, empfingen jeweils zehn Unbekannte und kochten für sie ein dreigängiges Menü. Vor allem die ausländischen Gäste sollten auf diese Weise die Möglichkeit bekommen, ein typisches dänisches Heim von Innen zu sehen und darüber ins Gespräch kommen. Natürlich dauerte es nicht lange, bis die Verleihung selbst wieder zum Thema wurde und die Gäste anfingen, mehr und mehr darüber zu diskutierten und eigene Positionen zu beziehen. Vielleicht ist dieser Punkt im Ergebnis sogar ebenso wichtig anzusehen wie die Preisverleihung zuvor: In Kopenhagen wird über Design wieder debattiert. Weiter so!
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