Intime Errungenschaften

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Text: Katharina Horstmann

 
„Seit wann gibt es Badewannen? Wie sahen die ersten Bidets aus? Was ist eine Zimmerretirade, was ein Bourdalou?“ Dies sind nur einige der Fragen, denen die Ausstellung Intime Zeugen. Vom Waschtisch zum Badezimmer im Wiener Hofmobiliendepot bis zum 22. Januar 2012 nachgeht. Anhand von rund 90 Möbelstücken sowie zahlreichen Hygieneporzellanen, Toilette-Garnituren und Badewannen aus dem kaiserlichen Haushalt wird die Entwicklung des Badezimmers demonstriert – zusammen mit kuriosen Geschichten.
 
 
Der Jesuitenpater Louis Bourdaloue galt als „König unter den Predigern und Prediger von Königen“. Er sprach weitschweifig, jedoch so fesselnd, dass unter seinen Zuhörern am Hofe Ludwig XIV. insbesondere die Damen kein Wort davon missen mochten. Um eben das zu verhindern, brachten sie von zuhause Saucièren mit in die Kirche und entleerten bei starkem Bedürfnis nonchalant ihre Blase unter ihren weiten, langen Röcken. Die Porzellanmanufakturen jener Zeit erkannten schnell das Potential dieser Saucièren. Sie erfanden ein Gefäß, das dem Vorbild zwar noch glich, jedoch zum Urinieren besser geeignet war und dessen Nutzung sich geschwind auch in anderen öffentlichen Kontexten verbreitete: den pot de chambre oval, auch Bourdalou genannt.
 
Tragbare Gerätschaften
 
Zu jener Zeit waren tragbare Hygienegerätschaften keine Seltenheit, ganz im Gegenteil: Bis weit in das 19. Jahrhundert war die Körperreinigung nur mit Hilfe dieser möglich – von Spucknäpfen, Leibstühlen oder Zimmeretiraden bis hin zu Badewannen aus Kautschuk. Am Wiener Hof etwa war jedem Appartement eine sogenannte Kammer zugedacht, deren Personal sich neben der Kleider-, Bart- und Haarpflege auch um den An- und Abtransport des Wassers sowie um die Entsorgung der Fäkalien zu kümmern hatte. Eine unschöne Angelegenheit, mussten Wasser und Fäkalien doch oft einen weiten Weg zurücklegen.
 
Wendepunkt des Badens
 
Erst mit der Errichtung der kommunalen Wasserleitungen und des Kanalsystems Ende des 19. Jahrhunderts kam Wasser aus der Leitung direkt ins Haus. Dies galt zunächst nur für die Wohnungen der Aristokratie und wohlhabender Kreise. Kaiserin Elisabeth, die mit ihrem Aussehen und Auftreten ihr Volk zu fesseln wusste und einst von sich behauptete, Sklavin ihrer Haare zu sein, gehörte zu den ersten Liebhaberinnen dieser modernen Errungenschaften. Bekannt für ihre aufwändige Körper- und Schönheitspflege, ließ sich Sisi bereits im Jahr 1887 ein Badezimmer mit fließend Wasser samt Badewanne aus Metall, Badeofen sowie Klosett in die Wiener Hofburg einbauen. Ganz im Gegensatz zu ihrem Mann Kaiser Franz Joseph: Dieser wusch sich bis zum seinem Tod 1916 an einem Waschtisch und badete in einer mobilen Kautschukbadewanne.
 
Vom mobilen Einzelstück zum installierten Badezimmer
 
Bourdaloues wie in Zeiten von Ludwig XIV., Kaiser Franz Josephs spartanische Waschrequisiten oder die aufwändigen Badezimmerausstattungen seiner Frau sind nur einige der vielen Belege der Entwicklung des Badezimmers, die in der Ausstellung Intime Zeugen. Vom Möbeltisch zum Badezimmer gezeigt werden. Die Schau beginnt mit einer Einführung zu den Thermenanlagen der Antike und die Badestuben des Mittelalters, konzentriert sich dann aber auf die Entwicklung der Hygienemöbel vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert und beschreibt dabei den schrittweisen Wandel vom mobilen Stück zum fix installierten Badezimmer: von der Einführung des ab dem 16. Jahrhundert neu entstandenen Möbeltyps der Waschkästen zu den späteren Toilette- und Waschtischen als auch der Leibstühle, Klomuscheln sowie Badewannen- und -öfen.

Neben einem Jugendstil-Schlafzimmer mit Waschtisch von 1899 ist das rosafarbene „Toilette-Cabinett“ der Erzherzogin Maria Anna von Österreich von 1831, im damaligen Hofburg-Führer auch als „Feengemach“ betitelt, mit hochwertigen Mahagoni-Möbeln einer der Höhepunkte der Schau. Weitere Glanzstücke sind ein Toilette-Tisch, den Gründungsmitglied und Hauptvertreter der Wiener Werkstätten, Josef Hoffmann, für das Sanatorium Purkersdorf entworfen hat. Einem Grammofon ähnelnde Zimmerretiraden, also mobile WCs aus Nussbaumholz, elegante Spucknäpfe, kunstvoll gestaltete Waschgarnituren aus der Silberkammer der Wiener Hofburg und an ein Klavier erinnernde Bidets aus Ahorn sind weitere Exponate dieser ungewöhnlichen Ausstellung.
 
 
Weitere Informationen
 
Ausstellung
Intime Zeugen. Vom Möbeltisch zum Badezimmer
bis 22. Januar 2012
Hofmobiliendepot – Möbel Museum Wien
Andreasgasse 7
1070 Wien
 
Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog mit wissenschaftlichen Aufsätzen erschienen:
 
Eva B. Ottilinger (Hrsg.)
Intime Zeugen. Vom Möbeltisch zum Badezimmer
Böhlau Verlag, 2011
168 Seiten, 29,90 Euro
 

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