Istanbul Design Biennial 2014: Das Ende der Zukunft

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Text: Andreas Toelke, 11.11.2014

Istanbuls zweite Design-Biennale versucht den Spagat: Superpool, das wohl bekannteste Istanbuler Architekturbüro, hat das Treppenhaus des Biennale-Ausstellungshauses geteilt. Rechts geht es die vier Stockwerke der Griechischen Schule nach oben, links nach unten. Ein riesiges Banner trennt das Treppenhaus über alle Etagen hinweg, darauf sind schmissige Slogans in Türkisch und Englisch gedruckt: Can you smell the Future, Is it time for Design to get personal?, Socialise with Plants. Drei Versuche, dem Ansatz eines Manifests gerecht zu werden. Und drei Phrasen, die genauso in jeder x-beliebigen Werbung hätten auftauchen können.

Die britische Kuratorin der Istanbul Design Biennale 2014, Zoe Ryan vom Art Institute Chicago, hat sich nichts Geringeres vorgenommen als herauszufinden, ob es Manifeste braucht, und das Konzept in einen zeitgemäßen Kontext zu stellen. Sie bezieht sich auf den Philosophen Paul Valéry, der 1937 postulierte: The future is not what it used to be. Die Idee aus dem Jahr 1937 für das Jahr 2014 zu adaptieren: ein Kraftakt. Zumal in Istanbul, wenn der Terror der IS an der türkischen Grenze steht.

Die Geschichte hinter der Geschichte
Die Perle der Biennale ist der Abschluss der Ausstellung. Fast im Vorbeigehen wird der Besucher auf dem letzten Treppenabsatz mit einem Wandplakat überrascht, auf dem rechts oben beinahe schüchtern das Wort Occupy zu lesen ist. Auf Bleistiftzeichnungen sind Zelte, Straßensperren und Barrikaden zu erkennen. Die Zeichnungen, die mit Motiven der Aufstände im Gezi-Park und auf dem Taksim-Platz spielen, simulieren Leichtigkeit. Eine junge Frau in einem Hängesitz in einem Zelt. Eine soziale Skulptur, ein Stück Designgeschichte aus dem letzten Jahr, bevor der Platz gestürmt wurde.

Graswurzel-Engagement
Hinter der Wandzeitung verbirgt sich Architecture for all, eine Gruppe aus Architekten und Designern, die von der ersten Stunde an der Bürgerbewegung beteiligt waren, und die ihr Engagement neben ihren Berufen ausüben. Alleine dafür gebührt ihnen Respekt. Im Gespräch erzählt Yelta Köm, einer der Macher, dass die Organisation zurzeit verlassene Schulen in ländlichen Regionen der Türkei auf eigene Initative wiederbelebt. Mit einer Schulreform sind die Lehrnorte zentralisiert worden, die alten Schulen sich selbst überlassen.
 
Import statt Export
Das Manifest von Architecture for all ist Architektur von unten, ist die Struktur der Barrikaden. Die Gruppe ist nicht nur wegen ihres realpolitischen Kontexts einzigartig, sie stellt bei insgesamt über 50 Ausstellern einen der wenigen rein türkischen Beiträge. Zoe Ryans Biennale will den Diskurs in die Türkei tragen, nicht den Status quo und die Visionen des Gastgeberlands nach draußen, so scheint es. Und Ryan sagt denn auch: „Wir wollen möglichst viele Besucher, auch die Fachfremden, anlocken und inspirieren." Es stellt sich jedoch die Frage, ob es der wirtschaftlich prosperierenden Türkei nicht gut zu Gesicht stünde, ihre eigene und – angesichts des gerade eröffneten Präsidentenpalasts – vor allem die andere Seite ihrer ästhetischen Kompetenz zu präsentieren.

Soziologievorlesung
Die Referenz auf das Gastgeberland wird in beinahe jeder Veröffentlichung der Biennale herbeizitiert. Gebetsmühlenartig ist von der chaotischen Megalopolis Istanbul die Rede, in den Diskussionsrunden sind urbane Strukturen in neoliberalen, ökologisch angespannten Zeiten ein Dauerthema, und beim Zuhörer entsteht das Gefühl, sich in eine Soziologievorlesung verlaufen zu haben. Es stimmt traurig, dass es die immer gleichen Worthülsen sind, die sich bis in die Satellitenausstellung der örtlichen Universität hineinziehen. Hier ist immerhin alles Made in Turkey, aber eben auch sehr studentisch, beispielsweise die Schürzen, die im erläuternden Text als Gendersignifikant weggebrabbelt werden. Dabei ist die Biennale, bei aller Kritik, weder mutlos noch ohne Spielfreude. Jürgen Mayer H. lädt zum Nickerchen im Séparée ein und beschallt mit Pink Noise, dem universitär erforschtem Geräusch, das am besten schlafen lassen soll. Der Berliner Architekt hat den gestressten Nomaden im Visier, der eben da schlafen muss, wo er schlafen kann. Mayer H. macht dem Besucher den öffentlichen Powernap leicht, mit Diwan, dicken Kissen und rosa Licht.

Immer der Nase nach
Direkt nebenan hat Sissel Tolaas eine der beeindruckendsten Installationen aufgebaut: Per Knopfdruck strömen aus drei Boxen drei verschiedene Gerüche, die je eine Mischung aus einem Areal der Umgebung sind. Der Besucher ist aufgefordert, jedem Geruch einen Namen zu geben und das vorbereitete Kärtchen in die Box zu werfen. Es ist ein weltweites Projekt, aus dem ein Alphabet der Gerüche entstehen soll. Wie bei jeder ihrer Geruchskarten (etwa aus Paris, Stockholm, Detroit, Kansas City, Berlin, Oslo oder London), hat die interdisziplinär arbeitende Künstlerin an signifikanten Orten Geruchsmoleküle eingesammelt, in Formeln zerlegt und so angeordnet, dass der Geruch zu einem olfaktorisch übergeordneten Ensemble wird. In Istanbul stammen die Odeurs aus Badehäusern, Fabriken oder Wohnanlagen. Von Müll bis Mode, von Kaufhaus bis Kaserne, es gibt in jedem Viertel einen eigenen Geruch. Man kennt es aus eigener Erfahrung: Die U-Bahn in London riecht anders als die in Berlin.

Von Gasmasken und Office-Workouts
Auf dem Weg vom ersten Stock mit Mayer H. und Tolaas zum Dach dürfen die Besucher mit Federn geschmückte Gasmasken entdecken, ein Couture-Video, das junge Mädchen in Märchen verwebt, ein Computer, der statt mit Tasten mit Punchingbällen betrieben wird und ein Werkzeugkasten in Schalform. In einem Raum ein paar Regale und Gefäße für synthetische Nahrung. Hinter all den Inszenierungen stehen zweifellos exponierte Designer/Künstler, wie das Büro Mischer Traxler, Desiree Heiss und Ines Kaag von Bless oder Matthew Biedermann. Die Zusammenstellung ist nur so schrecklich eklektisch, dass der Besucher kaum nachkommt, geschweige denn einen roten Faden findet.

Shopping galore
Auf dem Dach zuletzt die Antipode zur Ausgangssituation mit Architecture for all: Disturbati Collective aus Rom. Zwei junge Männer inszenieren einen Supermarkt. Körbchen greifen, Produkte auswählen und in der Analyse der Gegenstände dann der Rückschluss auf den Einkäufer. Dazu die Aufforderung, ein Manifest anhand der Analyse zu verfassen, es an der zweiten Station auszudrucken und am Ausgang, der dritten Station, zu schreddern. Hier, auf der Hälfte der Ausstellung, denn es folgt ja noch der Abstieg über die andere Hälfte des Spagats, erfüllt sich der erste Teil des Mottos: The future is not. Und am Ende, auf der Straße, stellt sich die leicht abgewandelte zweite Hälfte als Frage: What use is it to be? Das schafft die erste Design-Biennale von Zoe Ryan, dass man sich diese Frage stellt. Als Fazit und persönliches Manifest gar nicht schlecht. Und als Statement für Design, der kleinen Schwester der Kunst, sogar bemerkenswert.

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