Junya Ishigami: Freeing Architecture

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Giovanno Emilio Galanello, Luc Boegly, Renaud Monfourny, 07.06.2018

Während man sich in Venedig auf der Architekturbiennale den Kopf über Freespaces zerbricht, ist man in Paris ein paar Schritte weiter: Freeing Architecture hat Junya Ishigami seine große Soloausstellung in der Fondation Cartier im 14. Arrondissement betitelt. Seine Werkschau ist kein Manifest, er möchte schlichtweg die Architektur von der Architektur befreien.

Die Ausstellung Freeing Architecture versammelt gebaute Utopien, die der japanische Architekt seit 2004 realisiert hat oder die sich noch in Planung befinden: ein Pavillon mit einem Boden aus Wasser (House of Peace in Kopenhagen), eine 4.000 Quadratmeter große Dachfläche aus 12 Millimeter dimensionierten Stahlblechen, die ohne Stützen auskommt (University Multipurpose Plaza in Kanagawa) oder eine aus Ortbeton gegossene Höhlenstruktur für ein Restaurant in Yamaguchi.

House and Restaurant, © junya.ishigami+associates

Insgesamt 18 Projekte sind im Erdgeschoss und in der unteren Etage der Fondation Cartier ausgestellt, wobei fast alle Architekturen einen Horizont haben: genau wie eine Landschaft. Diese transportiert Ishigami immer wieder gerne direkt in den Innenraum, sodass die konventionelle Funktion von Architektur als Schutz vor Umwelt, Wind und Wetter – die Idee der Urhütte also – in Frage gestellt wird.

Junya Ishigami in seiner Ausstellung, Foto: Renaud Monfourny

Speziell für die Ausstellung wurde eine beeindruckende Reihe von Modellen in den verschiedensten Maßstäben angefertigt, wobei das Modellbauteam weitaus mehr produziert hat, als das, was ausgestellt wird. Die Kapelle im chinesischen Shandong begegnet den Besuchern als ein raumhohes Modell – dreimal so groß wie ein Mensch. In Realität wird Ishigamis Kirche 45 Meter hoch sein, der Eingang misst genau 1,20 Meter. Eine Proportion, die herausfordert und zugleich Architektur als eine Schlucht in der Landschaft formt. Andere Modelle sind im Maßstab 1:10, 1:5 oder auch 1:50 konstruiert. Eine wilde Mischung, aber keine sinnlose Modellschlacht. Jede einzelne Projektidee hat ihren eigenen Maßstab bekommen, um sie verständlich und erfahrbar zu machen.

Die Architektur von ihr selbst zu befreien, bedeutet dem heute 43-jährigen Architekten, der sich nach seinen Jahren im Büro von SANAA bereits mit 30 Jahren selbstständig gemacht hat, alles: Jedes seiner Projekte entsteht als komplett neue Idee losgelöst von früheren Konzepten und gelernten Standards aber in direkter Zusammenarbeit mit den Tragwerksingenieuren. Da er für seine Webseite keine Zeit hat und die 25 Architekten in seinem Büro Projekte in Kopenhagen, Paris, Moskau und anderen Orten der Welt betreuen, bietet die Ausstellung in der Fondation Cartier eine einmalige Gelegenheit, sich dem Werk von Ishigami anzunähern und von seiner Gedankenwelt zu lernen. Umso besser, dass Freeing Architecture gerade bis zum 9. September verlängert wurde.


Danke an Heike Hanada, Wolfgang Brenn und das Japanisch Deutsche Zentrum in Berlin, das Junya Ishigami am 31. Mai 2018 im Rahmen der BDA-Reihe Radikal Modern zu einem Vortrag eingeladen hat.

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