Wenn Form verführt: Sex & Design

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Text: Norman Kietzmann


Die Mailänder Triennale beleuchtet mit ihrer großen Winterausstellung Sinnlichkeit und Lust im Design. Unter der Leitung von Kuratorin Silvana Annicchiarico wurden allerdings nicht nur Dildos und phallische Möbelstücke zusammengetragen. Die Schau versucht der teil subtilen, teils schreiend lauten Erotik in den Dingen des Alltags auf den Grund zu gehen. Vollkommen an den Haaren herbeigezogen ist die Haltung keineswegs: Schließlich werden fast alle Produkte vom menschlichen Körper berührt.

Es ist die Stunde der großen Meister: Sottsass, Branzi, Pesce, Fornasetti, Mollino. Gegen die Bandbreite ihrer erotischen Arbeiten wirkt die heutige Generation beinahe prüde und verklemmt. Dennoch ist auch sie mit zahlreichen Arbeiten vertreten. Außerdem werden in der Ausstellung immer wieder Verweise durch die Zeit mit eingewoben, darunter altgriechische Vasen, japanische Drucke aus dem 19. Jahrhundert sowie Kunstwerke aus Ozenanien. Die Botschaft ist klar formuliert: Nicht erst seit Karim Rashid gehört das Erotische zum Design. Es hatte seinen Platz in der Dingwelt schon immer inne.

In welcher Sprache sich die Erotik im Design äußert, darüber gehen die Meinungen freilich weit auseinander. Die Kuratorin Silvana Annicchiarico tat gut daran, es nicht bei einer Rückschau auf Produkte der vergangenen Jahre mitsamt historischer Ausflüge zu belassen. Mit Andrea Branzi, Matali Crasset, Nacho Carbonell, Nigel Coates, Lapo Lani, Italo Rota, Nendo und Betony Vernon wurden acht Gestalter eingeladen, das Sexuelle im Design mit eigens konzipierten Installationen zu erkunden.

Offenbarung mit der Taschenlampe

Den Auftakt macht Andrea Branzi mit seiner Collezione Kama. Auf vier Tableaus werden erotische Motive aus der japanischen, indischen, altgriechischen und italienischen Kunstgeschichte mit symbolhaften Gegenständen kombiniert. Kannen, Vasen, Amphoren, Muscheln und Blüten feuern ein Feuerwerk an Verweisen ab, die auf Vor- und Rücksprüngen der bildlichen Darstellungen ausgebreitet werden – bewacht von einem weißen Phallus mit aufgesetzten Totenkopf in der Mitte des Raumes. Auf Entdeckungsreise werden die Besucher im folgenden Saal geschickt. Die Arbeit Tempeste Cieche von Lapo Lani besteht aus einer schwarz gestrichenen Holzbox, die wie ein Monolith inmitten des abgedunkelten Raumes steht. Wer zu den Taschenlampen an den Wanden greift, die Schwarzlicht bestückt wurden, kann obszöne Sprüche und Zeichnungen an den Wänden sichtbar machen. Wie ein Buch, das weder über Anfang noch Ende verfügt, werden die „Spuren hormoneller Stürme“, wie sie Lapo Lani beschreibt, lesbar.

In die Welt der erotischen Literatur führt Matali Crasset mit ihrer Installation Chuchotements. Drei freistehende Wände bilden eine kleine Bibliothek, in deren Regalen eine Vielzahl von erotischen Büchern und Zeitschriften zu finden ist. Der Blick wandert von dort durch ein Fenster in ein Schlafzimmer mit gelb-schreienden Wänden. Auf dem Bett zählt keineswegs nur das geschriebene Wort: Durch Lautsprecher kann leisem Geflüster (Chuchotements) gelauscht werden, während eine leere Leinwand am Bettende zur Projektionsfläche des Gehörten oder Gelesen wird.

Vibrierenden Vasen

Ein subtiler wie sinnlicher Zugang zum Thema gelingt Oki Sati alias Nendo. Seine Shivering Bowls sind Vasen aus einem cremeweißen, hauchdünnen Silikon. Gut drei Duzend der Vasen stehen in unterschiedlichen Größen auf einem Tisch in einer dichten Gruppe beieinander. Dahinter dreht ein Ventilator seine Runden und bringt die Vasen mit einem Lufthauch zum Vibrieren. „Wenn die Vasen berührt werden, verändern sie ihre Form, als wenn sie flüssig wären. Wir wollten Eros durch ein Projekt ausdrücken, das Verlangen erzeugt: Ein Objekt, das einfach nicht berührt werden kann“, beschreibt Sato seinen Entwurf.

Ein breiter Korridor führt weiter hinein in die Obsessionen der großen Meister. So konzipierte Ettore Sottsass in den sechziger Jahren den (unausgeführten) Bau eines Auditoriums in Form zweier aufragender Nippel. Carlo Mollino, der eine beachtliche Zweitkarriere als Aktfotograf verfolgte, ist mit einer Vielzahl originaler Abzüge vertreten. Von Piero Fornasetti zeigt die Ausstellung mehrere Keramikarbeiten sowie eine Serie Tuschezeichnungen, die er 1945 im Schweizer Exil anfertigte und die Sexualorgane in beinahe kindlicher Manier wiedergeben. Und Gaetano Pesce entwarf 1972 eine Tür in Form eines weit gespreizten Unterleibes, der durch eine Mauer aus Ziegelstein zu brechen scheint. Auch die berühmten Fetisch-Möbel von Allen Jones dürfen nicht fehlen, wenn auch vermittelt in einer Fotoserie der Künstlerin Jemima Stehli. Ließ Jones die Frauenkörper in lasziven Posen aus Kunststoff nachformen, die als Fußgestell seiner Tische und Hocker dienten, ahmt Strehli die Haltungen nach und kreierte so tatsächliche Hybride aus Körper und Möbel.

Das Private ins Öffentliche

„Der erotischste Teil eines Kleides, so ist oft zu hören, sei die Stelle, an der der Stoff geöffnet wird. In der Umkehrung könnte man sagen, dass die erotischsten Stellen des Körpers die sind, an denen sich die Haut öffnet: die Körperöffnungen“, schreibt Silvana Annicchiarico. Die Ausstellung begegnet dem mit Salvador Dalis Kussmund-Sofa Mae West Lips (1936) oder der Schalenserie Crowd (2011) des israelischen Künstlers Ronit Baranga, auf deren Böden sich lebensecht wirkende Münder mitsamt leicht ausgestreckter Zungen öffnen. Auf einer gesamten Länge des zentralen Ausstellungsraums ist The Great Wall of Vagina (2012) des britischen Künstlers Jamie McCartney zu sehen. Dieser formte die Genitalien von 400 Frauen im Alter von 18 bis 76 Jahren ab, darunter auch bei Menschen mit Geschlechtsumwandlungen. „Ich wollte das Private öffentlich machen und herausstellen, das jede Frau anders ist“, erklärt McCartney seine Arbeit.

Neben körperbetonten Möbeln wie dem Klassiker La Chaise (1948) vom Ehepaar Eames oder Sori Yanagis Butterfly Hocker (1954) finden sich neuere Arbeiten wie Fabio Novembres Kunststoffstuhl Him/Her (2008), der wahlweise mit einem eingedrückten weiblichen oder männlichen Gesäß an seiner Rückseite aufwartet. Auch die erotische Komponente von Essen darf nicht fehlen. So finden sich Nachspeisenklassiker wie der in Italien heute überall anzutreffende Cannolo Siciliano, ein stabförmiges Gebäck mit Cremefüllung, das ursprünglich nur in der Karnevalssaison als Symbol der Fruchtbarkeit gereicht wurde. Eine weitere sizilianische Spezialität ist der mit Zuckerguss überzogene Kuchen Minne di Sant‘Agata in Form weiblicher Brüsten. Auch wenn sich heute eine wahre Fetischkultur um den Kuchen entwickelt hat, sind seine Ursprünge durchaus grausamer Natur. Schließlich sollte die Nachspeise an das Martyrium erinnern, das die Heilige Agatha von Catania erleiden musste, als ihr die Brüste abgeschlagen wurden. Schmerz und Lust liegen nicht nur in dieser Ausstellung dicht beieinander.

KAMA: Sesso e design
noch bis 10. März 2013 in der Mailänder Triennale
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