KI versus Planungsbüro: Symposium in Bad Münder

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Text: May-Britt Frank-Grosse
Foto: Wilfried Dechau

Partner: Wilkhahn

Unter dem Titel Bauhaus – Lehren für eine digitalisierte Welt? hatte der Büromöbelhersteller Wilkhahn am 24. Juni 2019 zum 2. Architektursymposium in seinen Unternehmenssitz in Bad Münder geladen. Das Fazit der eintägigen Veranstaltung gleich vorweg: Lehren lassen sich vom historischen Vorbild heute zwar nicht mehr ableiten, dafür aber Parallelen in Methodiken wie Kooperation, Partizipation oder transdisziplinäres Arbeiten finden. Im Anschluss an die sechs Impulsvorträge diskutierten die Experten aus Lehre, Praxis und Wissenschaft vor allem über das Pro und Kontra „intelligenter“ Planungs-Tools. Denn sie könnten den Autoritätsverlust der Architektenzunft herbeiführen.

Nach einem Grußwort von Gastgeber Dr. Jochen Hahne und dem Präsidenten der Architektenkammer Niedersachen, Robert Marlow, folgte der erste Impulsvortrag von Philipp Oswalt, Publizist und Professor an der Universität Kassel. Er ordnete die Lehre(n) des Bauhauses, das die Werkstatt ins Zentrum der Ausbildung gestellt hatte, gegenüber der internationaler Schulen ein. Dann stellte er die unterschiedlichen Programmatiken der Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Hilberseimer vor und zeigte so, dass das Bauhaus nicht einer Lehrmethode gefolgt war.
„Experiment ist ein Tool mit ungewissem Ausgang.“ Den experimentellen Charakter des Black Mountain College, das in der Tradition des Bauhauses stand, ist für Professor Markus Bader von der UDK Berlin und Mitgründer der Berliner Gruppe raumlabor Vorbild für die Lehre. Mit Mitteln der Kooperation, Kollaboration und Transdisziplinarität müssten wir uns auf ungewöhnliche Lösungswege begeben, ohne deren Ausgang zu kennen. Jesko Frezer, Gestalter, Autor und Professor an der HfBK in Hamburg strich in seinem Vortrag den Titel des Symposiums kurzerhand auf „Lehren für eine Welt“ zusammen. Der Bezug zur Welt, zur Wirklichkeit sei der Hauptschwerpunkt von Gestaltung und Kooperation. Partizipation sowie Mitbestimmung bauten dabei die Verhältnisse zur Umwelt auf. Die Umwelt bei der Gestaltung von Produkten mit einzubeziehen, dafür plädierte Bernd Draser von der ecosign Akademie für nachhaltiges Design in Köln. Bereits seit Jahrzehnten stünde lediglich das Styling der Produkte im Vordergrund, nicht die Frage: Brauchen wir das überhaupt?

Architekt und Stadtplaner Ritz Ritzer stellte anhand eines Best Practice-Wohnbauprojektes in München den Aspekt der Partizipation in den Vordergrund, denn sie setze den Menschen und seine Bedürfnisse ins Zentrum. In dieser Herangehensweise sieht Ritzer eine Nähe zur Lehre von Bauhausdirektor Hannes Meyer. Anett-Maud Joppien, Architektin und Professorin an der TU Darmstadt, stellte mit dem Living Lab in Frankfurt und dem Founder Lab in Würzburg zwei Gebäude vor, die in Zusammenarbeit mit Studenten der TU Darmstadt geplant wurden. Es handele sich um Modellprojekte für kooperatives Arbeiten in einer digitalisierten Welt. Auf eine neue Themenvielfalt in Arbeitsweise und Raumbedarf müsse mit hybriden, nicht nutzungsabhängigen, flexiblen Raumstrukturen reagiert werden.

Im letzten Vortrag gab Dr. Reinhard König vom Lehrstuhl Informatik in der Architektur und Raumplanung (InfAR) der Bauhaus-Universität Weimar einen Einblick in den Entwicklungsstand digitaler Planungs-Tools. Mit Hilfe sogenannter „City-Engines“ – Programme, die eigenständig Stadtplanungen durchführen – könnten in kurzer Zeit ganze Städte realisiert werden. König fügte jedoch hinzu, dass die Programme den Menschen nur bedingt ersetzen könnten. Der Planer bleibe als „Human in the Loop“ verantwortlich für die Qualität des Ergebnisses. Und auch wenn ihm der Gedanke der Werkstatt im Bauhaus als Ort des gemeinsamen Arbeitens gefalle – das Arbeiten mit digitalen Werkzeugen mache den zentralisierten Arbeitsplatz obsolet.
KI versus Planungsbüro?
In der anschließenden Paneldiskussion stellte Dr. Ursula Baus, die als Moderatorin durch den Tag führte, noch einmal die Frage, was die Digitalisierung mit dem Bauhaus zu tun habe, und wie sie den Charakter der Lehre verändere. Philipp Oswalt bemerkte dazu, dass wir es heute mit einer derart hohen Diversität von Lehrpraktiken zu tun hätten und diese nicht mehr auf das Bauhauserbe zurückgeführt werden könnten. Die Auseinandersetzungen müssten nun einmal in der Gegenwart stattfinden.

Schnell verlegte sich die Expertenrunde auf eine Diskussion um die von Dr. König vorgestellten intelligenten Entwurfstools. Ritz Ritzer betonte, dass Architektur und Städtebau physische Angelegenheiten seien, der Computer aber nur ein Werkzeug. Er könne erst bedient werden, wenn es eine analoge Fragestellung gibt. Frau Joppien stimmte Ritz Ritzer zu. Ihr grause vor dem Gedanken, wie Städtebau am Lehrstuhl von Dr. König vermittelt würde. Ohne Grundverständnis für methodisches Entwerfen und Kenntnis von Historie sowie dem Verstehen von Stadt an sich sei keine Voraussetzung gegeben, um Parameter für die Algorithmen der Programme festzulegen. Markus Bader sah in der Verwendung digitaler Entwurfsmittel hingegen keine Schwierigkeit, nehme es dem Architekten doch in erster Linie Arbeit ab, die reproduzierbar sei. Studierende in die Lage zu versetzen, sich selbst als Fragestellende zu erleben und nicht als Produzenten von plausiblen Antworten, sei das Ziel.

Dr. König stimmte zu, dass die Kontrolle über den Entwurf sowie die sozialen und politischen Aspekte durchaus relevant seien. Doch müsse die Planung aus dem Planungsbüro jener der KI auch standhalten können. Es gäbe hier viel Diskurs und Mühe, aber die Ergebnisse der Stadtplanung wären oft trivial, was sich in der Wirklichkeit vieler Städte abbilde. Letzten Endes gehe es aber gar nicht mehr um die Frage, ob Architekten oder Maschinen die Städte planen dürften. Denn das Entwerfen mit Algorithmen sei bereits Realität. Firmen wie Google investierten bereits in Unternehmen, die genau solche Programme entwickeln. Die Frage solle eher lauten: „Wie bauen wir uns als Architekten in diesen Prozess ein?“
Mit großem Interesse waren die Teilnehmer des Symposiums den Ausführungen der Experten durch den Tag gefolgt. In den Pausen hatte Wilkhahn kleine Rundgänge durch das Wilkhahn-Stuhlmuseum und die Werkshallen von Thomas Herzog und Frei Otto organisiert. Ein Besuch im Arne Jacobsen Foyer in Hannover, das im vergangenen Jahr nach intensiver Sanierung durch die Architekten Koch Panse BDA wiedereröffnet wurde, rundete den Tag erfolgreich ab.

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