Karpatische Erzählungen: Faina

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Faina Design

Wer sich mit ukrainischem Design beschäftigt, wird ihr sehr schnell begegnen: Victoria Yakusha. Die in Kiew arbeitende Architektin hat mit ihrem Studio über 60 Interieurs gestaltet und mit Faina das aufregendste Designlabel des Landes gegründet. Ihr Arbeits- und Galerieraum Ya Vsevit ist ein wichtiger Ort der Begegnung für die Kreativen der Stadt. Hier besuchten wir die Botschafterin fürs indigene Handwerk und seine zeitgenössische Interpretation, um nicht nur ihren besonderen Zugang zur Gestaltung, sondern auch ihre Heimat besser zu verstehen.

Der Showroom liegt im südlichen Zentrum von Kiew. Hochgeschossige Wohnbauten schieben sich in den Himmel, selbst die breiten Straßen sind leer: Wer hier wohnt, arbeitet woanders. Ya Vsevit residiert in der ersten Etage eines Blocks, der sich französisches Quartier nennt und seine namentliche Berechtigung vor allem aus einem eingelaufenen Eiffelturm zieht, der im Hinterhof abgestellt wurde. Schon das Treppenhaus hat mit der Welt vor der Tür kaum noch Berührungspunkte. Typisch für Kiew und seine kreative Szene: Sie nistet sich dort ein, wo sie Raum findet und hält damit die Stadt in Bewegung. „Design lives here“ leuchten Neonbuchstaben den Besucher an, damit sind alle fehlgeleiteten Annahmen ausgeräumt, darunter ist die Klingel angebracht. Hinter der Tür öffnet sich der Showroom. Er zieht Qualitäten aus der Architektur, die man ihr von außen nicht zugetraut hat.

Die Textur als Narrativ
Durch die großen Fenster zur Stadtseite fällt das Licht hinein, das sich mit viel Anlauf dramatisch auf das Interieur und seine Kontraste wirft. Schwarz trifft auf Lichtgrau, neben steinernen Tischen aus grob behauenen Platten fläzen sich futuristische, mit silbernem Folienstoff bezogene Poufs. Auf jedem Tisch, aber auch auf dem Boden stehen Vasen aus Ton. Kleine Gefäße auf drei Beinen, die mit ihrem durchlöcherten Bauch an einen Donut erinnern oder große Zylinder, die mit darin wehendem Gras wie ein Schlot anmuten. Was sofort ins Auge fällt sind die erdigen Nuancen, die die Landschaften der Ukraine zitieren, nicht aber die farbenfrohen Farbkompositionen der indigenen Handwerkswelt. Wir fragen. Victoria Yakusha lacht: „Ich bin Architektin, ich mag Minimalismus. Farbe interessiert mich nicht so. Mich faszinieren Texturen.“

„Eccentric Primitivism"

Victoria Yakusha ist nicht einmal halb so laut wie ihre Arbeit. Wobei es natürlich nicht ihre reduzierten und harmonischen Designs selbst sind, die Lärm auslösen – sondern vielmehr ihr Echo. Seit einigen paar Jahren ist Faina eines der Unternehmen, das mit seiner Kollektion die gelungene Symbiose aus nationaler Tradition und kosmopolitischer Moderne sät und dafür mediale Aufmerksamkeit und kollegiale Zuneigung erntet. 2019 war Faina Teil der Les Arcanistes-Ausstellung von Studiopepe in Mailand, Ya Vsevit räumt renommierte Interieur Awards ab und Victoria Yakusha wurde von der Elle Decor als „Designer of the Year“ ausgezeichnet. Reflexartig wird von jemandem mit diesem kreativen Output ein forsches Auftreten erwartet. Victoria Yakusha aber ist bedacht und bescheiden, leise und beobachtend.

Tisch Ztista mit Tonbasis und Glastop, Sessel Toptun und die Vasenserie Kumanec
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Design als Kulturvermittler
Seit 2005 arbeitet die Architektin, die in der Ukraine und in Frankreich studiert hat, mit einem 15-köpfigen Team als Interieurdesignerin für ihr eigenes Studio Yakusha. Vor fünf Jahren dann gründet sie mit Faina ein Design-Label. „Faina wurde nicht als Business gegründet, sondern weil es mir ein Anliegen war. Es ergab sich von innen heraus. Als 2014 die Revolution stattfand, war ich durch die Ereignisse sehr niedergeschlagen und emotional. Und ich stellte mir die Frage: Was kann ich als Architektin für die Ukraine tun? Im Interieurdesign habe ich keine Antwort gesehen, wohl aber im Produktdesign, das in Form von Dingen überall ankommen kann. Und obwohl ich früher gar nicht so sehr in dieser Welt unterwegs war und mich das Objektdesign auch tatsächlich kaum interessiert hat, ist Faina heute zu meinem Schwerpunkt und meiner Leidenschaft geworden.“

Die Reanimation der Handarbeit
Etwa 70 Produkte umfasst die Kollektion – und jedes arbeitet mit dem nationalen Vokabular, das sich aus Objektkultur, Material und Techniken ergibt. Besonders sind aber vor allem die Qualitäten, die man nicht unmittelbar sieht oder ertastet, sondern intuitiv erspürt. Als eine Art emotionale Meta-Ebene. Victoria Yakusha ist in der Lage sie in das Objekt hinüberzutragen, sie über Materialität, Farbe und Textur zu konservieren. Sie arbeitet beispielsweise viel mit Ton. Sideboard Solod hat Türen aus Ton, Stuhl Ztista wird aus einem Tongemisch modelliert, Tisch Korotun ruht auf zwei Tonzylindern. „Ton ist ein sehr temperamentvolles Material. Es ist schwer damit zu arbeiten und es gibt nur wenig Möbel aus Ton. Seine Energie ist aber sehr warm und positiv – deswegen habe ich Ton zum dominanten Material vieler Objekte gemacht.“

Dokumentation der Design Expedition Ukraine 2019

Schatzkammer Feldforschung
Als Victoria Yakusha sich entschloss, der Ukraine durch ihre Arbeit eine Stimme zu geben, hat sie sich der Zukunft ebenso wie der Vergangenheit zugewandt. Gefunden hat sie die Geschichte bei den Menschen, die heute noch nah an der Tradition leben – und teilweise Praktiken fortführen, die weltweit einzigartig sind. Schwarz geräucherte Keramik, haarige Lizhnyky-Teppiche aus den Karpaten, die Stickmuster der Vyshyvanka-Blusen, die Korbflechter aus dem Süden des Landes oder die filigrane Schnitzkunst aus der Gegend rund um Lviv. Wo auch immer Victoria Yakusha hinkommt, sind es ein paar alte Handwerksmeister oder ein einzelner Hof, die die in früheren Zeiten omnipräsenten Techniken pflegen. Nachwuchs gib es kaum – und so sind die lange tradierten Fähigkeiten in ihrer Existenz bedroht: vom globalisierten Lifestyle und vom uniformierten Einheitsdesign.

Der Ukraine eine Stimme geben

Trotzdem war es nicht immer leicht, bei den Handwerkern auch Verbündete zu finden. „Gerade wenn es um seltene Handwerkstechniken geht, ist es oft unmöglich, die Meister davon zu überzeugen, von ihren Traditionen abzuweichen. Hier kollidieren die unterschiedlichen Vorstellungen dann. Faina will experimentieren – und genau das interessiert die Handwerker dann nicht. Oft ist die Zusammenarbeit auch sehr eng, dann arbeiten unsere Produktdesigner Tage oder Wochen vor Ort und eine Idee wird wiederholt und wiederholt, bis das Ergebnis stimmt, was bei uns heißt, dass auch die Emotion stimmt“, sagt sie. Trotzdem hatte sie am Ende der ersten Entwicklungsphase eigentlich mehr Ideen und Produkte als Seiten im Katalog. Für das, was mit der Zeit nachrückt, kann sie sich aber jetzt Zeit nehmen. Und ihre Botschaft mitsamt den Ding gewordenen Botschaftern nach außen tragen. „Wir haben sehr viel Zeit in die Kollektion investiert – und wir erzählen eine Geschichte, von der wir uns wünschen, dass man sie hört.“

Faina: die Kollektion

Von den Wissenden lernen
Allerdings ist Entschleunigung überhaupt nicht das Tempo von Victoria Yakusha. Und ihre Mission ist eine Herzensangelegenheit, die sie nicht nur mit Faina verfolgt. 2018 und 2019 hat sie zwei Designexpeditionen organisiert, auf denen sie internationalen Designern, Architekten und Redakteuren ihr Land gezeigt hat, von den Ursprüngen über die Geschichte bis zu den zeitgenössischen Protagonisten. Sie hat ein Manifest gegen Designkopien verfasst – denn gerade weil die Ukraine so viel authentische Objektkultur zu bieten hat, hält sie billige Kopien für eine Fortschrittsbremse, die die kulturelle Identität abwertet. In ihrem Studio organisiert sie Events, in Brüssel hat sie gerade mit dem FAINA House einen bewohnbaren Showroom eröffnet, der ihrer Kollektion ein Zuhause im Zentrum von Europa gibt.

„Unser Boden ist nicht nur schwarze Erde"
In Brüssel lebt Victoria Yakusha gerade auch selbst – temporär. Vielleicht ist es deshalb nicht nur eine Hommage an die Heimat, sondern auch Ausdruck einer Sehnsucht, dass sie gerade eine Serie von Raumdüften entwickelt hat, die die ukrainische Natur in die Häuser holt. Alle riechen nach feuchter Erde. Und mit ihrer Beschreibung der Kollektion erklärt Victoria Yakusha eigentlich ihre ganze Philosophie: „Erde ist nicht nur schwarzer Boden. Sondern Teil unserer DNA; ein ursprünglicher Code, der aus alter Zeit in die heutige getragen wurde. Er erzählt von der Epoche der alten Stämme, den Hungersnöten und Kriegen, von all den Tränen und Siegen, die sich in unser Gefühl, unsere Sehnsucht und Träume weben.“

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