Kegel, Pilze und organische Waschbecken

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Text: Norman Kietzmann


Er ist bekannt für seine weich geschwungenen Marmortische. Und doch reicht sein Werk viel weiter: Angelo Mangiarotti – Architekt, Bildhauer, Designer und Universalgenie in einem hat seit den fünfziger Jahren das italienische Design entscheidend geprägt. In Mantua wurde nun eine umfassende Retrospektive zu seinen Arbeiten eröffnet. Das erstaunliche Fazit dieser Ausstellung: Sie zeigt, dass Mangiarotti nicht nur ein außergewöhnlicher Gestalter ist. Er ist sogar ein noch besserer Architekt.


Das beschauliche Mantua ist weit mehr als nur der Ort, an den Shakespeares Romeo nach seiner Verbannung aus Verona fliehen muss. Es ist auch die Stadt des Malers Andrea Mantegna, dessen Fresken im dortigen Dogenpalast zu den beeindruckendsten Werken der oberitalienischen Frührenaissance zählen. Nur wenige Gehminuten von der Innenstadt und dem quirligen Treiben der Piazza Erbe entfernt, liegt ein besonderes Haus. Es ist das Haus, das Mantegna gegen Ende des 15. Jahrhunderts bewohnte und mit seinem kreisrunden Innenhof selbst zu einem architektonischen Kleinod der Renaissance gehört.

Weit gefasstes Werk

Dass just in diesem Gebäude eine Ausstellung über einen der wichtigsten italienischen Gestalter eröffnet hat, ist weit mehr als nur ein Zufall. Denn Angelo Mangiarotti scheint selbst ein Universalgenie aus jener Epoche zu sein, das sich in allen Disziplinen gleichermaßen zuhause fühlt. Auch wenn er vielen vor allem durch seine sinnlichen, runden Tische aus Marmor in Erinnerung geblieben ist, ist sein Œvre erheblich weiter gefasst – wie diese Ausstellung eindrucksvoll beweist. Neben Möbeln, Leuchten, Vasen oder Uhren entwarf er ebenso Skulpturen, Interieurs von Apartments, elegante Wohnbauten bis hin zu Kirchen, temporären Ausstellungshallen oder Industriebauten. Was all dies mit dem Badezimmer zu tun hat? Sehr viel, denn Mangiarotti wäre nicht Mangiarotti, wenn er sein Gespür für plastische, bildhauerische Formen nicht ebenso in die Dinge des Alltages übersetzt hätte.

Den Kurven auf der Spur

Das Waschbecken wird bei ihm zu einer Skulptur im Raum. Es wächst aus dem Boden heraus oder neigt sich mit leichtem Schwung von der Wand auf den Benutzer zu. Dabei überrascht es mit einer für heutige Verhältnisse mehr als ungewöhnlichen Materialität: Marmor. Standen für Mangiarotti, der 1921 in Mailand geboren wurde und am dortigen Politecnico 1948 seinen Abschluss in Architektur absolvierte, anfangs vor allem architektonische Projekte im Mittelpunkt, nahmen seine bildhauerischen Arbeiten ab den 1960er Jahren spürbar zu. Doch auch sie blieben nicht allein auf das Gebiet der Kunst begrenzt, sondern wurden sogleich in Gebäude, Vasen oder Möbel übersetzt.

Zwischen den Disziplinen

Es ist erfrischend, dass die Ausstellung in der Casa del Mantegna weder chronologisch noch nach festen Kategorien verläuft und stattdessen – ganz aus der Perspektive des Bildhausers – Mangiarottis Werk über die Form erklärt. So versammeln sich in den einen Räumen spitze Kegel und Zylinder, in anderen seltsame Pilze und in den nächsten raffiniert ausgearbeitete Gelenke und Verbindungen. Manche Exponate können Leuchten sein, andere Skulpturen und wieder andere Entwürfe für verwirklichte oder unverwirklichte Gebäude. Mangiarotti unterscheidet nicht zwischen ihnen. Sie bilden eins in seinem Werk, dessen Stärke nicht zuletzt aus dem Transfer zwischen den einzelnen Disziplinen heraus entsteht. Er entwirft Gebäude so modular wie Möbel, und Dinge des Alltages so plastisch wie Skulpturen. Die Bestimmung seiner Arbeiten, so scheint es, wird allein durch den Sprung in den Maßstäben bestimmt. Überraschend ist dabei auch der Sinn für Details, der ihm selbst bei seinen Entwürfen für Lagerhallen und anderen Industriebauten nicht abhanden kommt.

Poesie des Industriellen

Denn auch wenn deren Dachstrukturen aus vorgefertigten Betonelementen entworfen wurden, werden sie bei weitem nicht von schlichten Pfeilern getragen. Es sind tatsächliche Säulen, die Mangiarotti beispielsweise dem Lagerhaus der Firma Splügen Bräu in Mestre (1962) verschrieb. In konischer Form verjüngen sie sich zur Decke und bilden dort einen fließenden Übergang in eine quadratische Deckenplatte – eine adaptierte Version des Kapitells, bei der Mangiarotti zugleich seine Vorliebe für Pilzformen mit einfließen ließ. Der Industriebau bekommt bei ihm die Anmutung eines Tempels und bleibt doch in seiner Rationalität erkennbar. Er geht über das plumpe Schaffen von Nutzfläche hinaus und bekommt eine eigenständige Qualität, wie sie sich auch in seinen Wohnbauten findet. Beeindruckend ist hier vor allem sein Entwurf für ein Apartmentgebäude in der Via Gavirate in Mailand, das sich aus drei gläsernen Zylindern zusammensetzt. Auch diese werden von runden Pfeilern über den Erdboden gehoben, die sich zu Kegeln erweitern und dem Gebäude eine besondere Leichtigkeit verleihen. Kaum zu glauben, dass der Entwurf bereits aus dem Jahr 1959 stammt.

Noch immer aktuell

Auch hierin zeigt sich eine besondere Qualität von Mangiarotti. Seine Entwürfe sind zeitlich kaum zu verorten und wirken bis heute erstaunlich modern. Manchmal nehmen sie sogar Heutiges auf beeindruckende Weise vorweg, wie sein Wettbewerbsbeitrag für die XIV. Mailänder Triennale 1968 zeigt. Sein Entwurf für einen Pavillon kommt derart dynamisch geschwungen daher, dass man meinen könnte, er wäre von Zaha Hadid persönlich entworfen worden. Umgekehrt wirkt seine Waschbeckenserie Lito von 2003 so leicht und beschwingt, dass es schwer fällt, sie als das Spätwerk eines 82-jährigen zu identifizieren.

Was wird bleiben von dieser Ausstellung? Sicher weit mehr als nur ein Überblick auf Mangiarottis Arbeiten der vergangenen 60 Jahre. Sein Werk, das bisher selbst in Italien häufig nur Fachleuten ein Begriff war, wird hier erstmals in seiner Fülle erlebbar. Dass die Firma Agape derzeit gleich mehrere seiner Entwürfe wieder ins Programm nimmt – darunter auch sein berühmter Marmortisch „Eros“ von 1971 – bringt Mangiarottis Design zugleich in den Alltag zurück. Denn eines sollen seine Entwürfe ganz bestimmt nicht: in den Mauern des Musealen verschlossen werden. Selbst dann nicht, wenn diese wie in Mantua einen mehr als passenden Rahmen bilden.


Angelo Mangiarotti
„scolpire/costruire“
Casa del Mantegna
Via Acerbi, 47 Mantova
noch bis zum 08.11. 2009

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