Keine Frage der Größe: Die Miniaturen von Vitra

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Nacho Alegre, 23.08.2018

Partner: Vitra

Miniformat in kleiner Auflage mit großer Wirkung: Waren die Vitra-Miniaturen ursprünglich einmal als maßstabsgetreue Dokumentation gedacht, schreiben sie mittlerweile als beliebte Sammlerstücke selbst Designgeschichte. 2018 gibt es vier neue Designikonen, die digital als 1:6-Modell hergestellt wurden.

Die Enttäuschung ist enorm, als Miftis Halbschwester Annika in Helene Hegemanns Film Axolotl Overkill endlich ihren Ebay-Triumph mit der Post bekommt: Wie sollen denn in diesen kleinen Karton die neuen Küchenstühle passen? Dass es sich bei den Vitra-Stühlen um Miniaturversionen handeln könnte, hatte sie angesichts des guten Preisangebots schlichtweg übersehen: Der Glücksgriff entpuppt sich als böse Überraschung – Mifti entlockt das Maßstabsdrama nur ein müdes Lächeln.

Dabei hat die Miniaturkollektion von Vitra schon lange Kultstatus, wie der Hersteller gerade wieder mit einer neuen Kampagne zeigt. Fotografiert von dem Spanier Nacho Alegre, Mitbegründer von Apartamento, finden sich die Minisitzmöbel dabei in seltsamen Stillleben wieder: zwischen Klebebandrollen, Radiergummi, Linealen und anderen Büroutensilien.

2018 kommen vier neue Stuhlmodelle hinzu und die gesamte Kollektion fasst somit über 70 Objekte: angefangen mit dem gusseisernen Gartenstuhl von Karl Friedrich Schinkel, einem Entwurf aus dem Jahr 1820, bis hin zur berühmten Lockheed Lounge von Marc Newson. Wenn das teuerste zeitgenössische Designobjekt im Original bereits Gebote von mehreren Millionen Pfund aufruft, wundert es nicht, dass ein kunstvoll gearbeitetes, maßstabsgetreues Modell im Maßstab 1:6 ebenfalls einen stolzen Preis von 969 Euro hat. Die Miniaturen umfassen neben Vitra-Stühlen bedeutende Designklassiker wie den Stuhl No.14 von Thonet, den Rood Blauwe Stoel von Gerrit Rietveld 1918 und Alvar Aaltos Paimio Chair.

© Vitra Design Museum, Foto: Nacho Alegre, 2018

Neu dabei sind jetzt vier wegweisende Stuhlentwürfe aus den Jahren 2002 bis 2006, die in digitalen Herstellungsverfahren als Modell gefertigt werden. Der Sinterchair (2002) von Vogt und Weizenegger gilt als weltweit erstes Objekt, das ein 3D-Druckverfahren in die Möbelindustrie übertragen hat – mit dem gleichen Verfahren werden auch die Miniversionen des Vitra Design Museums hergestellt. Patrick Jouins Solid C2 (2004) ist 3D aus einem einzigen Stück gefertigt, mit seinem Sketch Chair (2005) hinterfragt das schwedische Studio Front die traditionelle Vorstellung von Design, während der Bone Chair (2006) von Joris Laarman ein menschliches Skelett imitiert – mit 990 Euro das kostbarste der vier neuen Modelle.

Die Lizenzgebühren der Vitra-Miniaturen gehen an die Designer oder unterstützen deren Nachlass – die Erlöse der gesamten Kollektion fließen in die Arbeit des Vitra Design Museums. Deren Sammlung umfasst wiederum mehr als 7.000 Möbel sowie sorgfältig gepflegte Archive von Designern wie Charles & Ray Eames, Verner Panton und Alexander Girard.

Auch wenn es sich nur um eine beiläufige Filmszene handelt, vielleicht hätte Annika mal kurz recherchieren sollen, welchen Preis ihre Puppenstühle wirklich kosten. An Wert haben die Minitaturen bisher nicht verloren, im Gegenteil.

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