Köln gibt Gas – Passagen 2012

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Text: Claudia Simone Hoff


Nein, die Passagen in Köln haben nichts zu tun mit Walter Benjamin. Die Passagen in Köln – das waren rund 190 Veranstaltungen, die letzte Woche zeitgleich zur Möbelmesse imm cologne stattfanden. Und nicht nur im kommerziellen Bereich gab es in diesem Jahr einiges Interessantes – so beispielsweise neue Produkte und Prototypen – zu entdecken, auch nicht-kommerzielle Veranstaltungen konnten punkten.

 
Und das ist gut so, braucht Design doch unbedingt den neutralen Blick von außen. Denn gerade, wenn sich immer mehr Design-Veranstaltungen mit dem ruhmversprechenden Prädikat „kuratiert“ schmücken – und dabei doch nichts anderes sind als schnöde Marketing-Events – geht nichts über Ausstellungen, die das Wort „kuratiert“ auch wirklich verdienen.

Ort des Geschehens: ein Archiv und ein Museum

Davon gab es dieses Jahr in Köln gleich zwei zu sehen. Neben der Schau „Die Architektonik des Möbels – Möbel von O.M. Ungers seit 1950“ im Ungers Archiv für Architekturwissenschaft fand im Museum für Angewandte Kunst die Eröffnung der Ausstellung „Von Aalto bis Zumthor – Architektenmöbel“ statt. Gezeigt werden im ersten Museumsbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg 160 Entwürfe der letzten 100 Jahre, geschaffen von Architekten, deren Arbeitsschwerpunkt auch wirklich im Bauen lag. Neben Klassikern wie dem einer Mikroarchitektur ähnelnden Sessel LC2 von Le Corbusier überraschen Prototypen wie der Tisch Tour von Gae Aulenti und selten gesehene Möbelstücke wie die hölzerne Ruheliege von Peter Zumthor aus der Therme Vals. Ebenfalls in der imposanten Halle kann der Besucher noch bis April das Innenleben von Hadi Teheranis Silver Chair von Interstuhl bestaunen. Dass eine den gezeigten Stücken adäquate Ausstellungsarchitektur quasi nicht vorhanden ist, ist zwar ein kleiner Wermutstropfen, der wohl dem Sparzwang des Museums geschuldet ist.

Ort des Geschehens: Design Post

Ein Hauptort des Passagen-Geschehens war erneut die gleich neben den Messehallen gelegene Design Post, in der sich 34 internationale Hersteller präsentierten, darunter so klangvolle Namen wie Moooi, Arper, Moroso und Kvadrat. Das Schweizer Label Nanoo by Faserplast, für das bisher Jörg Boner als Art Director und nun eine Inhouse-Abteilung verantwortlich zeichnet, bestätigte den Trend zum Outdoor-Möbel. Hier war die neue, zusammenklappbare Tischserie nan20 des Designers Andreas Krob zu sehen. Während die Tischplatte aus Fiberglas gefertigt ist, kommt bei den Tischbeinen witterungsfestes Schweizer Robinienholz zum Einsatz. Jede Menge neuer Tische hatte auch der niederländische Hersteller Arco zu bieten. Nicht nur wurde hier der industriell anmutende Stahltisch Steel Table von Jorre van Ast sowie das wie schwebend wirkende Modell Common von Willem van Ast präsentiert, der Stand begeisterte auch durch an den Wänden hängende kunstvolle Masken des Designers Bertjan Pot.

Carl Hansen & Søn präsentierte neben alt bekannten Klassikern den neu aufgelegten Stuhl CH33 von Hans J. Wegner. 1957 entworfen und bis 1967 produziert, spricht das Möbel nicht nur Liebhaber des „goldenen“ dänischen Designzeitalters an, sondern ist dank seiner organischen Form eine komfortable Sitzmöglichkeit und zeugt zudem von handwerklichem Können. Der Holzstuhl kommt in der originalen Wegner-Palette daher: Weiß, Grau, Hellblau, Orange und Schwarz. Viel Farbe war auch bei Pastoe zu sehen: Carole Baijings vom Amsterdamer Designstudio Scholten & Baijings präsentierte am Stand des niederländischen Herstellers gutgelaunt ihre neueste Kreation, das Schranksystem Shift. Dieses besticht durch einen weißen, geradlinigen Korpus, während die semitransparenten Schiebetüren aus Acrylat leicht eingefärbt sind und einen betörenden Farbverlauf bilden. Die beiden Designer scheinen Farbverläufe zu lieben, tauchen diese doch bereits bei ihrer Geschirrtuch- und Bettwäschekollektion für Hay auf und wurden auch beim Garderobensystem Flare gesichtet, das Schönbuch in den Messehallen präsentierte. Die Designerin erklärt ihre Inspiration für die guten Stücke so: „Die Kombination aus Stauraum und Präsentation beziehungsweise Optik ist für uns sehr wichtig. Man kann dieses Prinzip in der traditionellen japanischen Architektur wiederfinden. Wir sind ziemlich oft in Japan und jedes Mal empfinden wir diese duale und subtile Verwendung der Materialien, Funktionen und Flächen als sehr faszinierend und inspirierend.“

Ein paar Schritte entfernt von diesem Farbreigen konnte der neugierige Besucher in der Design Post mit Prandina ein italienisches Leuchtenlabel entdecken. Hier gefiel insbesondere die handgearbeitete gläserne Pendelleuchte Gong S3, die in verschiedenen Farbausführungen zu haben ist. Noch nicht zu haben und lediglich als Prototyp bei Moroso präsentiert wurde Alfredo Häberlis 2003 lancierter, bequemer Sessel namens Take a Line for a Walk – in Köln war er zu sehen mit einem per Reißverschluss abnehmbaren Bezug und soll zum Salone del Mobile 2012 in Serienproduktion gehen.

Ort des Geschehens: Altes Pfandhaus

Moroso spielte auch die Hauptrolle beim traditionell ersten Event im Veranstaltungsreigen der imm cologne, der A&W-Party. Im Unterschied zum letzten Jahr, als der Kölner Kunstverein Austragungsort des Geschehens war, hatte man sich allerdings mit dem Alten Pfandhaus als Veranstaltungsort keinen Gefallen getan. Die Ausstellung mit Designobjekten von Patricia Urquiola – von der Zeitschrift A&W zur Designerin des Jahres gekürt und quasi Hausdesignerin des italienischen Herstellers Moroso – ging in dem Menschentrubel fast unter, von der schlechten Beleuchtung der Ausstellungsobjekte ganz zu schweigen. Hier zeigte sich mal wieder: Um eine gute Ausstellung zu machen, reicht es eben nicht, ein paar weiße Sockel bereitzustellen, ein paar Designikonen hinzuzufügen, das Ganze zu beschriften und „kuratiert“ zu nennen.

Ort des Geschehens: Belgisches Viertel

Im städtischen Trubel ging es am nächsten Tag weiter zum neuen Showroom von Tobias Grau, der seine Produktneuheiten jedoch erst im April zur Light + Building in Frankfurt präsentieren wird. Von dieser Enttäuschung erholen konnte man sich ein paar Schritte entfernt in den Spichernhöfen. Hier präsentierte der italienische Küchen- und Badhersteller Boffi – seit einiger Zeit auch im Bereich Stauraummöbel unterwegs – mit Solferino ein neues System, das durch seine lasttraggfähige und freistehende Konstruktion besonders geeignet ist für begehbare Kleiderschränke. Für den Entwurf verantwortlich zeichnen Piero Lissoni und Decoma Design. Schlenderte der Design-Aficionado dann weiter durch das Belgische Viertel, traf er in der Venloer Straße 26 auf die Galerie Fiebach Minninger, in der das Swiss Design Ensemble – ein Zusammenschluss der Schweizer Designer Christian Deuber, Isabel Bürgin, Atelier Alinea, Irion Möbelsystem und schindlersalmerón – eine Produktschau vorbereitet hatte. Die Basler Textilgestalterin Isabel Bürgin beispielsweise stellte farblich wunderbar austarierte Ziegenhaar-Sisal-Teppiche aus und war auch in der DQE-Halle im Rahmen der Designers Fair am Stand der Utensil Collection zu sehen.

Ort des Geschehens: Design Parcours Ehrenfeld

So jedenfalls nennt Anna Lederer ihre Waren für den Alltag. Seit diesem Jahr entwerfen verschiedene Designer eine eigene Kollektion, die dann mit anderen Industrieprodukten in einem kleinen charmanten Ladengeschäft in Köln-Ehrenfeld verkauft werden. Bürgin also steuerte einen Entwurf zur Utensil Collection bei und verwandelte eine ursprünglich weiße Schweizer Krankenhausdecke durch ein spezielles Webverfahren in eine farbenfrohe Alltagsdecke. Gleich neben der kuscheligen Decke waren die fragilen Porzellankreationen von Content & Container ausgestellt, die mit dem Blau-Weiß-Muster traditioneller Porzellane spielen. Und Eric Degenhardt verformte Drahtbügel aus Großwäschereien und überführte diese in eine moderne Garderobe (Hanger 1+2), während Halfmann Mennickheim einem langweiligen Autoteppich eine ganz neue Form verlieh (Car Pet 1+2).

Neben dem Designkollektiv Halloessen mit der Leuchte Coco und dem nicht ganz neuen Stauraummöbel Poki fiel Nina Thöming mit ihrer Diplomarbeit Alles außer Altbacken auf. Die Industriedesignerin begeisterte bei ihrer Produktfamilie rund um das Thema Brot durch ihre Liebe zum Detail. So sind ihre keramischen Brottöpfe und -backformen nicht nur selbst gefertigt, sondern mit ebenfalls selbst entworfenen Herkunftsstempeln versehen. Grafisch dazu passend hat die Jungdesignerin Anekdoten, Geschichten und regionaltypische Rezepte rund um das Thema Brot auf Packpapier gestaltet.

Doch unter den Sheddächern der atmosphärischen DQE-Halle gab es noch mehr zu entdecken: Das Thema Recycling haben sich die Designer von Statthocker auf die Fahnen geschrieben, besteht ihr stapelbarer Bielefelder Hocker doch aus einem belastbaren Leuchtenschirm, der von abmontierten Bielefelder Straßenlaternen stammt. Mit einer Sitzfläche aus Holz oder Mineralstoff versehen, wird daraus ein ansehnliches Sitzmöbel, das für 59 Euro auch gleich vor Ort erworben werden konnte.

Ort des Geschehens: Rheinauhafen

Dass dies geradezu ein Design-Schnäppchen ist, muss dem Kenner nicht gesagt werden. Und dementsprechend hochpreisig ging es weiter zur letzten Station des Designlines-Passagen-Parcours’: Während in dem von Hadi Teherani gestalteten Showroom des Badherstellers VitrA in der Nähe der imposanten Kranhäuser am Rhein keine Neuheiten präsentiert wurden, gab es im Quirrenbach-Forum wunderbare Einzelanfertigungen von Küchenblöcken aus Holz und Naturstein mit Armaturen von Dornbracht zu bestaunen. Ein paar Schritte weiter dann stellte der Leuchtenhersteller Occhio in seinem Showroom die technisch avancierte Serie ìo 3d vor. Diese verfügt über einen drehbaren Kopf, der mittels wärmeentkoppelter Pads völlig frei bewegt werden kann. Auch die Steuerung der Helligkeit erfolgt am Kopf: Der Nutzer muss einfach nur die Hand vor dem Leuchtmittel bewegen und schon geht ihm ein Licht auf.



Unser Partner bei den Passagen

Dornbracht  im Alten Gaswerk, Ultramarin


Unser Special zur imm cologne 2012 finden Sie hier.
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