Auf Holz geklopft – Die Kölner Möbelmesse 2011

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Text: Norman Kietzmann


Die Kölner Möbelmesse imm cologne 2011 ist am vergangenen Sonntag nach sieben Ausstellungstagen zu Ende gegangen. Mit einem Zuwachs von 38 Prozent bei den Besucherzahlen konnte sich die Messe vom Tief der vergangenen Jahre sichtlich erholen, als ihr die Pariser Messe Maison & Objet zunehmend den Rang ablief. Für volle Hallen sorgten
am Rhein vor allem die Küchenmesse Living Kitchen sowie die Bündelung von Textilherstellern in der Submesse Pure Textile. Auch wenn Köln das Comeback aus wirtschaftlicher Sicht gelungen ist, bleibt ein fader Beigeschmack angesichts der zumeist unverfänglichen Produkte. Das Wohnen wird stärker denn je zum Austragungsort des Konservativen – die Freude am Experiment ist ihm abhanden gekommen.

Es ist eckig, aus Holz und multifunktional: Eigentlich war das lediglich aus drei Brettern und einem Stab montierte Möbel, das als Ulmer Hocker 1954 Furore machte, gar nicht offiziell auf dieser Messe vertreten. Dennoch stand der von Max Bill entworfene Klassiker gleich mehrfach Pate für viele der gezeigten Neuheiten, die Innovation vor allem über eines zu vermitteln gedachten: das Lebensgefühl der fünfziger Jahre. 

Wieder im Aufwind

Der wirtschaftliche Rahmen hätte dabei kaum besser sein können: Nach einem fast zehn Jahre anhaltenden Negativtrend ist der Kölner Möbelmesse mit einem Zuwachs von rund 38.000 Besuchern auf insgesamt 138.000 nationale und internationale Gäste aus 128 Ländern in diesem Jahr das lang erwartete Comeback gelungen. Anders als 2010, als viele Aussteller die Messe schlichtweg als „Schock“ empfunden hatten, überschlugen sich dieses Mal die Jubeltöne: „Das war die mit Abstand beste Möbelmesse der letzten zehn Jahre: mehr Besucher, mehr Abschlüsse und beste Stimmung“, gibt Dirk Uwe Klaas, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der deutschen Möbelindustrie, die Stimmung in der Branche wieder. Insgesamt 1.213 Aussteller aus 48 Ländern haben ihre Produkte in den Messehallen im Stadtteil Deutz präsentiert – die zahlreichen Teilnehmer des über die Stadt verteilten Passagen-Programms noch nicht mit eingerechnet.

Alles andere als kleinlaute Töne schlägt ebenso Gerd Böse an, der Geschäftsführer der Kölner Messegesellschaft: „Was hier in den letzten Tagen passiert ist, ist unglaublich... Köln ist wieder der absolute Mittelpunkt der Möbelindustrie, vor allem, wenn es um das Thema Business geht, und auch das Zuhause der internationalen Küchenmöbelindustrie.“ So optimistisch diese Einschätzung einerseits klingt, bringt sie zugleich einen entscheidenden Aspekt auf den Punkt: Die Kölner Möbelmesse konnte ihre Position als Handelsplatz zwar wieder zurückerobern, doch sie hat dabei stark von der Küchenmesse Living Kitchen profitiert, die gleich drei große Messehallen in Beschlag nahm. Ein Zuwachs, der nicht als kontinuierlich gelten kann, schließlich wird die Unterstützung durch die im Zweijahres-Turnus stattfindende Küchenschau im kommenden Jahr ausbleiben. Doch was hatte Köln aus kreativer Sicht zu sagen?

Massivholz statt Furnier

Die Antwort darauf fiel beim Gang durch die dreigeschossige Halle 11, wo sich zusammen mit dem Bereich Pure Village in Halle 3.2 die designorientierten Hersteller präsentierten, zunächst kaum überraschend aus. Auch wenn anders als in der jüngeren Vergangenheit wieder zahlreiche Neuheiten am Rhein vorgestellt wurden – und das nicht nur von deutschen Herstellern, sondern ebenso den in den vergangenen beiden Jahren nach Paris abgewanderten Italienern, die sich zuletzt ein wahres Bietergefecht um die letzten freien Plätze in Halle 11 geliefert hatten –, blieben experimentelle Entwürfe weitgehend aus. Innovation war weniger in neuen Formen oder raffinierten Details zu finden als vielmehr in den „inneren Werten“ der neuen Produkte. Diese versuchten nicht nur mit gesteigerten Funktionalität zu punkten, sondern ebenso mit der Ehrlichkeit des Materials: So lässt sich der Esstisch Tadeo, den das Wiener Designteam EOOS für Walter Knoll entworfen hat, nicht nur über eine ausgeklügelte Auszugsmechanik in wenigen Handgriffen vergrößern. Auch verwendet der schwäbische Hersteller nun Massivholz für die Tischplatte und Füße und verzichtet auf die bislang eingesetzten Furniere.

Warum dieses Umdenken fast alle großen Hersteller in diesem Jahr erreicht hat, erklärte Matteo Thun bei seiner Eröffnungsrede für die Ausstellung Briccole Venezia im Kölner Museum für Angewandte Kunst. Schließlich ist der italienische Hersteller Riva – der nicht nur die aus wiederverwerteten Baumstämmen gefertigten Exponate der Schau beigesteuert hatte, sondern auf der Messe gleich mit zwei Ständen vertreten war – der derzeit am schnellsten wachsende Möbelproduzent Italiens. Während andere Unternehmen in den siebziger Jahren die Produktion auf Furniere umstellten und damit schnelle Gewinne machten, blieb das Unternehmen dem Rohstoff Massivholz treu. Wurde es dafür noch vor wenigen Jahren als altmodisch belächelt, gilt es nun als Vorreiter und verbucht trotz Krise zweistellige Wachstumsraten. Ähnlich ging es auch dem österreichische Massivholz-Hersteller Team 7, der sich längst vom Nischenanbieter zu einem der größten Standmieter in Halle 11 gemausert hat.

Holz mit stofflichen Qualitäten

Dass Holz alles andere als wuchtig daherkommen muss, zeigte der Schweizer Textilhersteller Création Baumann mit seinem Vorhangstoff Elwood. Dieser kombiniert ein transparentes Untergewebe mit applizierten, quadratischen Holzplättchen, die sich als großflächiges Karomuster durch den Raum spannen und der Schwere traditioneller Holzvertäfelungen textile Leichtigkeit entgegensetzen. Spielerisch zeigte sich das Sofa Easy Pieces von Kati Meyer-Brühl, dessen Sitzkissen in einem außen sichtbaren Rahmen aus Ahornholz nach Belieben vertauscht und wieder neu kombiniert werden können. Auf Flexibilität setzte der französische Designer Aurélien Barbry mit seinem Sofaprogramm Fossa für Cor, bei dem die Rückenlehnen in spezielle Vertiefungen gesteckt und mit einem Handgriff neu konfiguriert werden können. Dass Variabilität auch an der Wand möglich ist, stellte der junge deutsche Designer Florian Gross mit seinem Regal Konnex für Müller Möbelwerkstätten unter Beweis. Es besteht aus drei unterschiedlich großen, quadratischen Modulen, die sich ineinander stecken und frei kombinieren lassen. Auf stoffliche Qualitäten setzte derweil Stefan Diez mit seiner Garderobenserie Dice für Schönbuch. Deren Schrankmodule überzog er mit gepolsterten Stoffen von Kvadrat, die selbst in zugigen Korridoren einen wohnlichen Eindruck erzeugen und zugleich den Schall dezent absorbieren. 

Rebellische Tischchen und hölzerne Bauklötze

Während bei Polstermöbeln, Tischen und Schränken fast durchgehend streng-kubische Formen dominierten, waren organische „Auswüchse“ in einer bislang wohl zu unrecht unterschätzten Produktgruppe zu beobachten: mobile Beistelltische. Ein ungewöhnliches Modell stellte das aus Barcelona, Singapur und Buenos Aires stammende Designkollektiv Outofstock vor, das mit seinem Entwurf Hues für Ligne Roset an die Nierentische der 50er Jahre anknüpft und jeweils zwei transparente, gläserne Farbkreise miteinander verschmilzt. Aus der Reihe tanzte unterdessen die Kindermöbelkollektion von Richard Lampert, deren Schaukelpferd Rocker vom Londoner Designbüro Doshi Levien zum Liebling dieser Messe avancierte. Auch dieses weckte mit seinen hölzernen Kufen und weißen Sitzschale unweigerlich Assoziationen zu Klassikern des fünfziger Jahre Designs wie La Chaise von Charles und Ray Eames.

Ein fast vergessenes Fundstück holte Cassina mit dem Hocker LC 14 01 aus den Archiven, der von Le Corbusier für die Einrichtung seines Ferienhauses Cabanon in Roquebrune-Cap-Martin 1952 entworfen worden war. Die strengen, hölzernen Boxen wirken mit ihren Schwalbenschwanzverbindungen und seitlichen Griffen wie eine Kombination aus Ulmer Hocker und übergroßen Legobausteinen. Je nach Position können sie als Hocker, Tisch, Transportkiste zum Einsatz kommen und haben – um dem Plagiatvorwurf an dieser Stelle gleich entgegenzutreten – mit einem zeitlichen Vorsprung von zwei Jahren eher dem Entwurf von Max Bill Pate gestanden als umgekehrt. Eine Reedition der ungewöhnlichen Art präsentierte Ligne Roset mit dem schlanken Beistelltisch Thot von Pierre Poulin. Die undatierte Skizze für diesen Entwurf fand die Witwe des 2009 verstorbenen Gestalters in seinem Nachlass und übergab sie schließlich an Michel Roset. Da der Entwurf bislang noch nie in Fertigung ging, handelt es sich dabei weniger um eine Wiederauflage als vielmehr eine posthume Premiere des französischen Designers.

Kölnisch Wasser mit Peitsche


Auch diesmal verteilte sich das Passagen-Programm über das gesamte Stadtgebiet, wobei vor allem der nachwuchsorientierte Designparcours im Stadtteil Ehrenfeld für Abwechslung zum räumlichen Umfeld der Messe sorgte. Die Messe Designers Fair zeigte in der ehemaligen Fabrik des Kölnisch-Wasser-Produzenten 4711 die Entwürfe von zahlreichen Jungdesignern sowie kleineren Möbelmanufakturen. Überzeugen konnte hier der japanische Künstler Katsuhito Nishikawa mit seinem Möbelprogramm NF für die Kölner Designgalerie editionformform, das mit schlichten Bank-, Bett-, Regal- und Schubladenelementen aus Ahornholz den Materialtrend dieser Messe weiter fortsetzt. Ganz in diesem Sinne zeigte sich auch der Hocker Supersputnik des Stuttgarter Designers Ahmet Sismanoglu, der eine runde Sitzschale aus Nussbaum-, Wenge- oder Eichenholz mit einem filigranen Untergestell aus Draht kombiniert.

Weit weniger gemütlich ging es in der Installation Back Room zu, die Meike Meiré in seiner Factory – auch sie ein Teil des Designparcours Ehrenfeld – inszenierte. Betrat man den Raum durch einen Korridor aus schwarzen Plastikfolien und Neonlicht, folgte eine mit gekachelten Wänden ausstaffierte Designer-Wohnung der achtziger Jahre mitsamt ihrer unverzichtbaren Utensilien: Le-Corbusier-Sessel, Eileen-Gray-Leuchte, Breuer-Sessel, Eames-Bürostuhl. Als wäre das nicht schon Fetisch genug, verpasste Meiré den Klassikern ein Upgrade wie aus dem Sadomaso-Studio: Die Stehleuchte Tube Light von Eileen Gray verfügte nun über eine integrierte Peitsche, während der Wassily Chair von Marcel Breuer mit Nieten überzogen wurde und in dieser Aufmachung gewiss aus jeder Arztpraxis oder Anwaltskanzlei in hohem Bogen hinausfliegen würde. Oder doch nicht? Vielleicht gehört auch beim Design die nötige Portion Leidensfähigkeit dazu. Zu Nieten und Peitschen muss dazu nicht immer gegriffen werden. Hölzerne Kisten gab es auf dieser Möbelmesse schließlich genug.


Unsere Partner auf der imm cologne 2011:

www.bruehl.com
www.ligne-roset.de
www.siedle.de



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