Koscher & Co.

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Text: Claudia Simone Hoff


Hostien, heilige Kühe, gefilte Fisch, unreine Schweine, Opferlämmer und „kosher style“ sind nur einige Themen einer Ausstellung, die derzeit im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen ist. „Koscher & Co. Über Essen und Religion“ stellt Zusammenhänge her zwischen Kultur, Geschichte und Tradition. Dabei werden in der Ausstellung alle großen Weltreligionen behandelt und eine Fülle von Kunst- und Alltagsobjekten gezeigt. Sie spannen den Bogen von Altägypten bis in die Gegenwart und werden ergänzt mit eigens für die Ausstellung produzierten Filmen.



Wem koscher wurst ist

Gerade diese Filme sind es, die dem Besucher über die Objekte hinaus anschaulich vermitteln, was Essen mit Religion zu tun hat. Da erklärt beispielsweise ein türkischer Moslem in einer Berliner Moschee, ob ein Moslem Wein trinken darf (normalerweise nicht) und was passiert, wenn er es dennoch tut. Der junge Mann spricht ganz offen darüber, wie er sich fühlt, wenn er mit seinem Vater an einem Tisch sitzt und dieser in seiner Gegenwart Alkohol trinkt. In einer anderen Medieninstallation erzählen in Deutschland lebende Juden, welche Auswirkungen die Kaschrut (hebräisch ‏כַּשְרוּת‎) – die Regelung der jüdischen Speisegesetze – auf ihr Alltagsleben hat. Was für sie ganz persönlich koscher (rein) und trefe (verboten) bedeutet. Was beispielsweise passiert, wenn sie mit nicht-jüdischen Freunden unterwegs sind und es im Restaurant ausschließlich unkoscheres Essen gibt. Oder, ob sie ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie – verbotenerweise – in einem Restaurant in New York einen Teller mit Frutti di Mare probieren.

Das Leben ganz allgemein: Komplexität und Widerspruch

An diesen Filmen wird deutlich, wie weitreichend das Thema Essen und Religion ist. Dass jedes seit Jahrhunderten überlieferte Gesetz befolgt oder gebrochen werden kann und ständiger Hinterfragung im Alltag standhalten muss, dass es bei den religiösen Speise- und Ernährungsgesetzen eben nicht nur um das Essen, die verwendeten Lebensmittel und Gerätschaften und die Nahrungsaufnahme geht, sondern auch um Spiritualität (man denke nur an das Fasten). Darum, wie man sein Leben lebt, nach welchen moralischen und ethischen Grundsätzen, kurz: Es handelt sich um ein Ordnungssystem, das auf nahezu sämtliche Lebensbereiche übergreift. Diesem unglaublich komplexen Themenbereichen nähert sich Kurator Bodo-Michael Baumunk in der Ausstellung nicht durch eine räumlich manifestierte Trennung der Weltreligionen, sondern durch die Gegenüberstellung anhand gemeinsamer Themen. Dabei werden die Fragestellungen aus dem Judentum heraus entwickelt und die Antworten vorrangig im Vergleich mit Islam, Hinduismus und Christentum gesucht.

Wenn Teller und Tassen zu flüstern beginnen

So ist im Ausstellungsparcours jedem Thema ein Raum gewidmet: Gesetz, Brot und Wein, Fleisch, Das Mahl, Besondere Zeiten, Genuss und Verzicht, Identitäten, Paradies. Die Ausstellung, die im alten Gebäudeteil des Jüdischen Museums untergebracht ist, versammelt unzählige Objekte, so dass sich der Besucher ob dieser Menge und Vielfalt schnell überfordert fühlen kann. Denn was gibt es nicht alles zu sehen und zu bestaunen: zertifizierte koschere Pepsi-Cola, kunstvoll bemalte Handschriften, Falken-Hauben, Hühner-Schlachtzettel, antike Marmorstatuen, Essgeräte oder ein Manuskript mit den rabbinischen Gesetzen zum rituellen Schächten. Die Ausstellungsmacher haben es jedoch verstanden, die vielschichtigen Themen dem Besucher auf vielfältige, zuweilen sinnliche Weise näherzubringen. Da gibt es „flüsternde“ Teller und Tassen (die das babylonische Stimmenwirrwar bei Tisch auszudrücken versuchen), Löffel, auf die man elektronische Rezepte einspeisen und nachher im Internet abrufen kann oder koschere Gummibärchen, die der hungrige und neugierige Besucher aus einem Automaten am Eingang zur Ausstellung kaufen kann. Ganz ohne tierische Gelatine, versteht sich.

Die Kuh „als Gedicht der Menschlichkeit“

Dies sagt nicht irgendwer, sondern Mahatma Gandhi, der damit ausdrückt, welche Bedeutung die Kuh in Indien hat. Deshalb ist das Schlachten von Rindern dort vielerorts verboten und gilt nach brahmanischer Lehre gar als Mord. Lieber lässt man Menschen sterben als eine Kuh zu töten. Für die Hindus ist sie die Mutter allen Lebens, und viele religiöse Bräuche sind mit ihr verknüpft: Tempelstatuen werden mit Kuhmilch übergossen oder die in Tempeln hängende Lampen mit einem aus Kuhmilch hergestellten Butterschmalz befeuert. Apropos Befeuerung: Die Kuh ist nicht nur als Zug- und Transporttier nicht mehr wegzudenken im ländlichen Indien, auch stammt aus dem Stoffwechsel der Tiere mehr als die Hälfte der in indischen Privathaushalten verbrauchten Energierohstoffe: der Kuhfladen.

Solche scheinbaren Nebensächlichkeiten und anderes Interessantes erfährt der Besucher in der Ausstellung. Die meisten der präsentierten Stücke sind voll mit verschiedenen Bedeutungsebenen, mit Jahrtausende alten Regeln und Gesetzen – und da atmet man am Ende der Ausstellung regelrecht auf, wenn man vor einem Haushaltsgerät steht, das duchaus skurrile Züge hat: Der sogenannte „Bug Checker“ findet in der Kaschrut-konformen Küche nämlich noch so jedes krabbelnde, unkoschere Kleingetier im Salat. Elektrisch betrieben natürlich.


Zur Ausstellung, die noch bis zum 28. Februar 2010 gezeigt wird, ist ein ausführlicher Katalog mit Aufsätzen, Rezepten und zahlreichen Abbildungen erschienen:

Koscher & Co. Über Essen und Religion
Michal Friedlaender und Cilli Kugelmann (Hrsg.) im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin
Berlin (Nicolai-Verlag) 2009

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.