Kreis im Spiel

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Text: Norman Kietzmann

Von wegen nur schrill und bunt: In der Hochphase des postmodernen Designs gestaltete Peter Maly eine Serie von Polstermöbeln, die mit klaren Geometrien Geschichte schrieb. Durch die Kombination aus runden Formen und verchromten Stahlgestellen erwies der Hamburger Gestalter nicht nur dem Bauhaus und der Wiener Werkstätte Referenz. Er meisterte den Spagat, den Zeitgeist zu bedienen und ihm im selben Atemzug zu entfliehen.

Alles ist eine Frage der Zeit. Galten die Möbel der fünfziger und sechziger Jahre lange als verlässliche Fundgrube für neue (alte) Designideen, stehen nun auch die wilden Achtziger im Fokus. Nicht nur zur diesjährigen Mailänder Möbelmesse feierten die frühen Arbeiten von Michele de Lucchi, Matteo Thun oder Nathalie du Pasquier eine Wiederkehr. Auch die Jungdesigner lassen es sich derzeit kaum nehmen, mit unverkennbaren Referenzen an die Memphis-Ära aufzuwarten. Doch so italienaffin die Rückblende zunächst erscheint. Auch an Deutschland ist die Postmoderne keineswegs spurlos vorbeigegangen. Als die Gute Form plötzlich nicht mehr gut genug war, musste mit dem bisherigen Kurs auf radikale Weise gebrochen werden. 

Radikaler Umbruch
Zeitgleich entstanden im Jahr 1983 in Deutschland zwei Möbel, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch den Sprung in den Designbücher geschafft haben. Auf der einen Seite steht ein Readymade: Consumer‘s Rest Lounge Chair von Frank Schreiner alias Studio Stiletto ist ein gewöhnlicher Einkaufswagen aus dem Supermarkt, den Schreiner durch Auftrennen der Vorderseite und Verbiegen der beiden Seitenteile in einen Freischwinger verwandelte. Um den mangelnden Sitzkomfort auszugleichen, wurde die Innenseite des „Möbels“ mit einer weichen, transparenten Kunststofffolie verkleidet – ein Material, das zu diesem Zeitpunkt nur in der Industrie Verwendung fand. 

Brachte Schreiner den Einkaufswagen durch das Entfernen der Räder zum Stillstand, ging Peter Maly den umgekehrten Weg. Zyklus heißt der Sesselklassiker, den der Hamburger Gestalter für Cor entwickelt hatte, und der – anders als Consumer‘s Rest Lounge Chair – kein Objekt für Sammler blieb. Bis heute wird das Möbel in Serie produziert und hat seine Alltagstauglichkeit unter Beweis gestellt.

Klare Geometrien: Zyklus
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Von der Puppenstube ins Wohnzimmer
Bereits der Ausgangspunkt des Entwurfs war ungewöhnlich. Schließlich diente als Vorlage ein Puppensessel von Peter Malys Tochter. Mithilfe eines strengen Neun-Zentimeter-Rasters wurde das Spielzeug Stück für Stück abstrahiert und modifiziert, bis es seine namensgebende, kurvige Gestalt erhielt. Anstelle frei mäandernder Formen setzte Peter Maly auf eine stringente innere Logik. Ganz gleich, ob die konvex gekrümmten Rückenlehnen und Sitzflächen oder die aus gebogenem Stahlrohr gefertigten Armlehnen: Sämtliche Rundungen bilden exakte Ausschnitte von Kreisen und treten so den kubischen Proportionen der Architektur entgegen.

„Die Form ist strengste Geometrie und dennoch sehr organisch. Das ist ein merkwürdiger Widerspruch. Aber gut, der Kreis ist dem Körper schon näher als das Quadrat “, erklärt Peter Maly seinen Entwurf. Einen i-Punkt setzte er ihm gleich auf doppelte Weise: Sowohl die zylindrische Kopfstütze als auch die beiden Räder, auf denen die Hinterbeine ruhen, folgen der vollständig ausgeführten Kreisform. Die übrigen Bauteile sind ebenso exakt proportioniert. So bilden Rückenlehne und Sitzfläche jeweils einen Halbkreis, während die stählernen Armlehnen einen Viertelkreis ausführen.

Schrittweise Argumentation
Für den Designer wie auch den Hersteller markierte der Entwurf eine gestalterische Neuausrichtung. „Cor hat zu dieser Zeit hauptsächlich Vollpolstermöbel produziert. Und dann kam plötzlich so ein filigranes Gerät mit einer Stahlstruktur auf Rollen daher. Das war schon ein großer Schritt“, sagt Peter Maly. Um Händler und Kunden von der neuen Formensprache zu überzeugen, unternahmen Helmut Lübke und Maly eine mehrmonatige „Aufklärungstour“ durch alle wichtigen deutschen Städte. Während Zeichnungen an den Wänden den Entwurfsprozess illustrierten, beschrieben der Unternehmer und der Designer den ausgestellten Sessel in Worten.
Drehbarer Sessel: Circo
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Zwischen Bauhaus und Wiener Werkstätte
Der Erfolg von Zyklus ebnete den Weg für eine Gruppe weiterer Polstermöbel in den frühen neunziger Jahren, denen ebenso die Kreisform zugrunde lag. Das Sofa Cirrus (1992) sorgte mit seinen seitlich drehbaren Rückenlehnen für einen spielerischen Auftritt. Beim Sessel Pando (1992) konnte die Sitzposition durch Gewichtsverlagerung stufenlos variiert werden. Und 1998 folgte mit Circo der „kleine Bruder“ des Zyklus. Der drehbare Sessel verfügt über eine kreisförmige Sitzfläche und wird von einer wahlweise gepolsterten oder gegurteten Rückenlehne umschlossen, die wiederum selbst einen Halbkreis bildet. 

Indem Peter Maly runde Formen mit verchromten Stahlgestellen kombinierte, erwies er nicht nur dem Bauhaus Referenz. Vor allem in der schwarz-weiß gegurteten Version des Circo, bei dem die Rückenlehne einem Schachbrettmuster gleicht, tritt ein weiterer Einfluss des Hamburger Gestalters zutage: die Wiener Werkstätte unter Josef Hoffmann. „Der Quadratle-Hoffmann war mir immer sehr sympathisch und sicher eines meiner Vorbilder, wie später auch Mies van Rohe“, sagt Peter Maly. 

Weiterhin aktuell
Dass Zyklus und Circo bis heute produziert werden, ist keine Selbstverständlichkeit. Schließlich ging es vielen postmodernen Möbeln an den Kragen, als in den späten neunziger Jahren die Zeichen ganz auf Minimalismus standen. Der Grund für den Erfolg von Peter Malys Entwürfen liegt genau an dieser Stelle: Sie meistern den Spagat, den Zeitgeist zu bedienen und ihm im selben Atemzug zu entfliehen. Auch wenn die Herkunft des Zyklus unverkennbar in den achtziger Jahren liegt, wirkt das Möbel keineswegs veraltet. Dieser Umstand ließe sich ebenso auf die inzwischen eingestellten Modelle Cirrus und Pando übertragen. „Wir überlegen, ob wir die Entwürfe als Edition der achtziger Jahre wieder auflegen“, erklärt Peter Maly. Der Zeitpunkt wäre dafür jedenfalls richtig gewählt.

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