Köstliches Finnland

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Text: Katharina Horstmann


Eines haben die meisten Finnen gemeinsam: Sie sind gerne Finnen und stolz darauf, Teil dieses exotischen kleinen Volkes zu sein. Demzufolge denken sie gerne und intensiv über die eigene Nation nach und entwickeln zukunftsorientierte Strategien, die gleichermaßen modern und traditionell sind. Das zeigt sich nicht nur im gegenwärtigen Design, sondern auch in der neuen finnischen Esskultur.
 
 
Es muss irgendwann an einem Nachmittag im Spätsommer gewesen sein, als sie den abgelegenen Ort erreichten. Dort war es so schummrig, als hätte sich die Dämmerung bereits herabgesenkt. Hier und da standen Phantasiegestrüppe aus Holz, die durch Kerzen beleuchtet wurden und ein angenehmes, gedämpftes Licht verbreiteten – weit weg von dem Trubel der eigentlichen Welt. „Willkommen im Mumimland," sagte jemand aus der Gruppe laut und schien dabei die Gedanken der anderen auszusprechen. Denn was sich den Besuchern in der alten Lagerhalle auftat, hatte nichts mit der Realität des Londoner Ostens gemein. Vielmehr erinnerte die Umgebung des temporären Restaurants Hel Yes! an eine nordische Fabelwelt.
 
Best of…
 
Hel Yes! ist eine Konzeption von Antto Melasniemi, der zum ersten Mal während des London Design Festival vor zwei Jahren Küche und Design aus Finnland in einem besonderen Rahmen präsentierte. „Die Essenz eines guten Restaurants liegt nicht allein im Kulinarischen", erklärt der finnische Gastronom, „aber in dem Gedanken, der im Entwurf des gesamten Konzeptes atmet.“ So werden bei dem periodischen Projekt einfache, unverfälschte Speisen durch schlichte, teils vertraute Möbel und Objekte in Kombination mit recycelten Elementen in Szene gesetzt, was einen Einblick in Geschmack und Design aus dem gegenwärtigen Helsinki zulässt und zudem zeigt, wie die Zukunft nicht nur der Esskultur, sondern auch des Städtemarketings aussehen könnte.
 
Lokale Esskultur
 
Finnland, dem es nach dem zweiten Weltkrieg gelungen ist, sich international als Designnation zu etablieren, macht seit ein paar Jahren auch durch eine neue Esskultur auf sich aufmerksam. Das typische Menü ist hier streng mit den Jahreszeiten verbunden und strotzt vor Pilzen und Wild aus finnischen Wäldern, nordischen Meerestieren sowie heimatlichen Beeren und Rüben. Nicht einmal in den Nachbarländern Schweden und Dänemark gibt so viele lokale Produkte wie hier, die im Genuss der intensiven Sommersonne auf kräftigen Böden wachsen und so ein ganz eigenes Aroma entwickeln. Diese Stärke der lokalen Erzeugnisse hat sich vor ein paar Jahren eine Gruppe von Gourmetjournalisten zunutze gemacht, als sie als Vorreiter der neuen finnischen Essenkultur die Geschäftsidee zu Eat & Joy Farmers Market entwickelten. Das Geschäft, von dem es mittlerweile fünf in Finnland gibt, wurde von dem Designer – und mittlerweile Teilhaber – Harri Koskinen gestaltet und bietet nur nachhaltig erzeugte Lebensmittel von Landwirten an, die den Betreibern persönlich bekannt sind. Ausschließlich ihre Produkte werden hier und unter dem Label Eat & Joy vermarktet. In dem zuletzt eröffneten Geschäft in Kluuvi wird sogar eigenes Brot gebacken und eigenes Eis aus Rohmilch hergestellt. Darüber hinaus reift in der schlicht, dennoch schön gestalteten und von Holz dominierten Umgebung auch Käse und wird Fleisch und Fisch geräuchert.
 
Design und Küche
 
Die natürliche und weiter an Bedeutung gewinnende Beziehung zwischen Küche und Design zeigt sich auch in Helsinkis Programm des World Design Capital 2012. Denn Hel Yes! war nur ein Vorgeschmack dessen, was in diesem Jahr in der finnischen Hauptstadt passiert. Am 1. September eröffnete beispielsweise in dem ehemaligen Schlachthaus Teurastamo am Rande der Stadt Antto Melasniemis neuestes Projekt, das Restaurant Kellohalli. In dem alten Gemäuer finden bis Ende des Jahres neben dem Kredenzen besonderer Gaumenfreuden verschiedenste Veranstaltungen statt, von kulinarischen Flohmärkten über Vorträge über Kaffee bis hin zu Präsentationen zum Thema Food-Design von Gestaltern wie Martí Guixe. Ein weiterer Höhepunkt des Programms ist Muru Pops Down in Lohja, gut 50 Kilometer außerhalb der Hauptstadt. Das temporäre Restaurant von Timo "Lintsi" Linnamäki, der in Helsinkis schönen Altstadt das „Restaurant des Jahres“ Muru betreibt, befindet sich in dem Museum des Bergwerks Tytyri, in dem auch heute noch Kalkstein abgebaut wird und das zudem als Forschungszentrum für den Aufzug- und Rolltreppenhersteller Kone dient. In einer Tiefe von rund 100 Metern kann in der „Bergwerkskantine“ bis Ende September ein Vier-Gänge-Menü verkostet werden. Auch hier stehen einfache, unverfälschte Speisen gemeinsam mit der Gestaltung, dem Ort und der Geschichte im Mittelpunkt; und auch hier wird der Gast in eine andere Welt versetzt, die den einen an eine Fabel-, den anderen an eine James-Bond-Kulisse erinnert.

Wer sich also schon immer gefragt hat, wie ausgerechnet Finnland im Bereich des Designs eine so große Bedeutung erringen konnte und dabei vielleicht insgeheim dachte, dass das Land darüber hinaus nicht viel mehr zu bieten hätte, muss wohl doch einsehen, dass Finnland auch in Sachen Esskultur einen Platz auf der Landkarte des sprichwörtlichen Geschmacks beansprucht – und das ist kein Märchen aus Muminland, sondern köstliche Realität.

Weitere Beiträge zum Thema Helsinki und finnischem Design finden Sie in unserem Special.
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