La vie en chocolat

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Text: Nadine Claudius


Vorbei sind die Zeiten, als Schokolade als profane Süßigkeit gehandelt wurde: Werber verpassten ihr ein neues Image – wenn es nach ihnen geht, versinnbildlicht sie heute Genuss pur, steht für Leidenschaft, Sinnlichkeit und
Luxus! In der Welt der Gourmets bereits fest etabliert, wird Schokolade mittlerweile oft in einem Atemzug mit erlesenem Wein, edlen Zigarren und feinem Whiskey genannt. Noch bis weit in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wäre dies geradezu undenkbar gewesen, erschloss sich der deutsche Schokoladen-Kosmos durch Namen wie Sarotti, Trumpf, Sprengel, Milka, Ritter Sport und Stollwerk für heutige Verhältnisse erschreckend schnell. Vollmilch oder Zartbitter - so banal dual wurde die Sehnsucht nach dem süßen Etwas meist definiert und auch befriedigt. Allenfalls die Variante „mit Nuss" stellte eine vergleichsweise willkommene Abwechslung dar, sorgten Exoten namens „Erfrischungsstäbchen" oder „Trumpf-Praletten" allenfalls für skurrile Abwechslung.

Lange Zeit blieb wenig Raum für stilistische Schlenker, geschmacklich wie visuell. Doch obacht: In den letzten Jahren gab es sie dann, die kleine, leckere Revolution der Schokolade mit neuen Marken in edlen Verpackungen, die mittlerweile einen Gourmet- und Snob-Status erreicht haben. Passend dazu verwenden Produzenten ein Vokabular, das im allgemeinen Sprachgebrauch eher mit Künstlern, Gourmets oder eben Designern in Verbindung gebracht wird: Die Rede ist von einer Signature, der Couture, von Kollektionen, der Saison und geschmacklichen Nuancen. Geschichtsträchtig sind fortan die Zeiten, in denen die Schokolade noch die Funktion des obligatorisches Mitbringsels für den Sonntagsbesuch bei der Oma innehatte. Ein neuer Trend ward geboren.

Ein kleiner Biss genügt

Mitverantwortlich für diese Schokomanie mögen Juliette Binoche und Filmpartner Johnny Depp sein, die im Jahre 2000 in Lasse Hallströms Film „Chocolat" in einem kleinen französischen Dorf den Kakao wieder zum Kochen brachten und die beinahe in Vergessenheit geratene Liebe zum exotischen Süßgenuss mit scharfem Chili frisch nuancierten. Dank Chocolat wurde endlich die klassische Kombination von Essen und Erotik auf den süßen Sektor transferiert. Über Nacht eröffneten vielerorts „Chocolaterien“ an nahezu jeder Straßenecke ihre Pforten und die Schokolade als solche schrieb sich von nun an in deutschen Innenstädten wieder in vornehm-französischem Stil mit "Ch". Der trendbewußte Nachwuchsgourmet kehrte fortan den vermeintlich hippen Sushi-Restaurants sowie italienischen Feinkostläden den Rücken, um in die neuen Stätten des uralten Olmeken-Genusses aus Mittelamerika einzufallen.

Wer hip sein will, braucht Prozente...

Doch mit der neuen Schokolade verhielt es sich wie mit der Medizin: Bitter muss sie schmecken, sonst ist die Wirkung fragwürdig. War früher mit 70 Prozent Kakaoanteil bei Otto-Normal-Konsument das höchste der geschmacklichen Gefühle erreicht, stieg der Anteil nun rapide auf 80, 90, gar 99 Prozent. Die Schweizer Firma „Lindt“ sicherte sich mit eben diesen Spitzenwerten die „Pole Position“ in Punkto Hochprozentigkeit im Supermarkt. Schokolade war wieder in, avancierte als „Everybody’s darling“ zum gerngesehen Präsent zu verschiedenen Anlässen und vermittelte neben Sozialprestige auch abendfüllenden Party-Gesprächsstoff. Das Interesse galt dabei nicht mehr nur dem Herkunftsland der Kakaobohnen, sondern auch wie viel des Profits an die dort ansässigen Plantagenarbeiter ging. Mein Haus, mein Auto, mein Boot? Wen interessiert’s? Basis des gepflegten Smalltalks bildeten nun Criollo, die Edelste unter den Kakaosorten, der Akt des Conchierens, allgemeinverständlich: das (An)rühren der Schokolade und natürlich das Bruchgeräusch als solches. Milka? Kinderriegel? Bitte wer? Domori, Dolfin, Pralus, Cluizel oder Amedei lauteten von nun an die Referenzen der Begierde.

...und das passende Outfit

Nomen est omen – dachte sich in diesem Zusammenhang auch ein Hersteller namens „Orgasmic Chocolates“ und schuf eine Produktreihe, die genau das verspricht, oder zumindest ansatzweise. Verwendung finden hier ausschließlich fair gehandelte Kakaobohnen in Kombination mit chinesischen Kräutern und Früchten. Genau diese spezielle Mischung wird als ein einzigartiges Erlebnis für die Sinne angepriesen. Fragwürdig dabei ist allerdings die Behauptung, dass bereits das Auspacken der Schokolade eine sinnliche und aufregende Erfahrung sei.
Zweifellos isst das Auge mit: Hübsche Tafel-Verpackungen finden sich auch bei Edel-Chocolatiers wie dem Franzosen Michel Cluizel, Coppeneur aus Deutschland oder Rudolf Sprüngli aus der Schweiz, die den eigentlichen Genuss mit visueller Ästhetik unterstreichen.

Schoko-Lade(n)

Doch damit nicht genug. Auch in London erlebt der Trend Schokolade gerade einen Höhepunkt. Eines der kühnsten neuen Konzepte ist derzeit das „Hotel Chocolat“, das umgeben von lauter Mode-Boutiquen inmitten der Kensington High Street liegt. Das vermeintliche Hotel entpuppt sich beim näheren Betrachten als ein großes Geschäft, das eine riesige Auswahl an unterschiedlichsten Schokoladen führt. Hier findet jeder, unabhängig von Lifestyle, Generation und Geschmack, das ganz spezielle Objekt seiner Begierde: Neben saisonalen Schokoladenangeboten gibt es Varianten mit wenig Zucker sowie sogenannte Chocograms – Pralinen-Selektionen.
Unweit des Hotel Chocolat, genauer gesagt im vornehmen Stadtteil Notting Hill, ist „My Chocolate Workshop" beheimatet, wo man in Gruppen lernt, Feinschmecker-Schokolade herzustellen. Insbesondere bei Firmen steht dieses sinnliche Miteinander als „Team Building“ Angebot hoch im Kurs.

Ein Erklärungsversuch

Die Frage sei gestattet, was der Schlüssel dieses Erfolges ist. Fakt ist, Schokolade stellt in Zeiten von Krisen und Rezession im Verhältnis einen relativ preiswerten Luxus dar und hat zudem auch noch so manch positive Begleiterscheinung. Die wenigsten wissen, dass sie den Stresskiller Magnesium und außerdem Kalium enthält, das der Körper unter Belastung verstärkt verbraucht. Damit nicht genug: Wissenschaftlich ist erwiesen, dass Schokolade mit einem hohen Kakaoanteil durchaus gesund und ist und – in Maßen genossen – der Figur nicht unbedingt schadet. Der deutsche Durchschnittskonsument vernascht übers Jahr betrachtet übrigens rund 90 Tafeln und beschert der Schoko-Branche damit einen Umsatz von rund 4,7 Milliarden Euro. Es ist daher wenig verwunderlich, dass Nestlé in der Schweiz sogar ein eigenes Forschungsinstitut zur Entwicklung von Luxusschokolade plant, da sich der Konzern in diesem Bereich überdurchschnittliches Gewinnwachstum verspricht. In Zeiten der Wirtschaftskrise sei noch rasch verraten: Die Aktien der Schokoladenhersteller gelten längst nicht mehr als Geheimtipp. Schokolade ist einfach ein Garant zum Glücklichsein!

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