Lebendige Räume: 80 Jahre Renzo Piano

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Text: Norman Kietzmann, 19.09.2017

Von wegen altes Eisen: Mit achtzig Jahren steht man mitten im Leben – vor allem als Architekt. Genau jene Marke hat Renzo Piano am 14. September 2017 überschritten. Der Baumeister aus Genua ist produktiv wie eh und je und schüttelt ein spannendes Projekt nach dem nächsten aus dem Ärmel. Chapeau für den uneitlen Star, der sich selbst im reifen Alter immer wieder neu erfindet. 

Gebäude fußen keineswegs nur auf Fundamenten. Sie fußen ebenso auf Egos. Bauherren, Architekten und Politiker: Sie alle verfolgen ihre eigenen Interessen und wollen ein Zeichen hinterlassen. Dass der Blick über den Tellerrand des eigenen Standpunkts nicht schaden kann, zeigt Renzo Piano nun schon seit fünf Dekaden. Gebäude sind für ihn keine Selbstbeweihräucherung. Sie sind eine Möglichkeit, um öffentliche Orte zu schaffen, die über die Anhäufung von Stahl, Glas und Beton weit hinausgehen.

Früher Durchbruch
Schon beim Pariser Centre Pompidou, das er zusammen mit Richard Rogers entworfen hat, ist der Vorplatz genauso wichtig wie das Gebäude selbst. Ein Café und Restaurant laden in der obersten Etage zum Verweilen ein. Nicht wenige Besucher fahren einfach nur die Panorama-Rolltreppen hinauf und schauen. Ein Kulturbau, der sich nicht abkapselt, sondern eine Vielzahl an Begegnungen, Nutzungen und Interaktionen zulässt. Über drei Millionen Menschen jährlich besuchen das Gebäude, das zu seiner Eröffnung 1977 ein ganzes Stadtviertel aus dem Dornröschenschlaf geweckt hat und auch nach 40 Jahren eine wichtige Rolle im Leben der Stadt spielt. 

Das Nach-Außen-Stülpen der Gebäudefunktionen wie Heizung, Lüftung, Strom- und Wasserleitungen haben Piano und Rogers zuvor beim Firmensitz des Möbelherstellers B&B Italia im Norden Mailands erprobt. Es war der Testlauf für das Pariser Kulturzentrum, das die beiden Architekten zu Stars machte – und sie im Anschluss ihre eigenen Wege gehen ließ. Während Rogers auf der Techno-Schiene weiterfuhr, wählte Piano einen ruhigeren und weniger auf Effekthascherei besonnenen Pfad. 

Centro Botín in Santander, 2017, Foto: Enrico Cano

Atmende Organismen
Die Gebäude von Renzo Piano sind keine hermetisch abgeschirmten Körper. Sie geben ihre innere Konstruktion preis. Fassaden und Dächer scheinen sich ins Endlose fortzusetzen und verleihen der Architektur etwas Prozesshaftes und Flüchtiges. Gebäude gleichen Organismen, die zu atmen scheinen und aus jeder Perspektive anders aussehen. Die Faszination fürs Technisch-Konstruktive ist unübersehbar. Und doch wird sie nicht mit dem Vorschlaghammer serviert wie bei Rogers. Sie kommt auf diskretere und zeitlosere Weise daher, ohne dabei ins Belanglose zu verfallen.

Besonderes Gespür beweist Renzo Piano beim Umgang mit dem Ort. Es ist beeindruckend, wie schlüssig sich der Museumsbau der Fondation Beyeler in die umliegende Landschaft einfügt. Das erst im Juni eröffnete Botín-Kulturzentrum im nordspanischen Santander ist auf Stelzen gehoben, sodass es hinter den vorgelagerten Bäumen fast verschwindet und erst wenige Meter vor dem Eingang in Erscheinung tritt. Architektur, Natur und Stadtraum sind nicht losgelöst. Sie bilden eine Einheit im Werk des Genueser Architekten, dem das Metier als Sohn eines Bauunternehmers praktisch in die Wiege gelegt wurde.

Gebändigte Volumina 
Renzo Piano baut Räume. Die Fassade kommt für ihn danach. Angst vor der großen Geste hat er dennoch nicht: Der Londoner Wolkenkratzer The Shard dominiert die Skyline der britischen Hauptstadt wie kein anderer Turm. Auch in Turin ist der Verwaltungssitz der Großbank Intesa Sanpaolo im Stadtbild unübersehbar. Doch Piano vermag nicht nur mit Massen zu spielen: Er kann sie auch bändigen. Das Stavros Niarchos Cultural Center in Athen formt eine sanft ansteigende Parklandschaft, die das immense Bauvolumen mit Opernhaus und Nationalbibliothek unter sich versteckt. Oben angekommen, schwebt ein auskragendes Dach über einem gläsernen Baukörper mit einem kleinen Café. Der Blick reicht über das Häusermeer bis zur Akropolis. Auf der anderen Seite öffnet sich der Ozean. Mehr Understatement geht eigentlich nicht.

Es ist ihm anzurechnen, dass an dieser Stelle kein monströses Monument entstand, obwohl die Größe des Projektes dazu durchaus Anlass gegeben hätte. Auch der Bauherr, die Privatstiftung des milliardenschweren, griechischen Großreeders Stavros Niarchos (1909–1996), wird nicht glorifizierend ins Stadtbild eingeschrieben. Die Parkwege greifen das Raster der rumliegenden Straßen auf und verankern die 200.000 Quadratmeter Grün inmitten des gewachsenen Quartiers. Der 2016 eröffnete Bau ist zu einem wirklichen Treffpunkt geworden: Kinder kommen hier zum täglichen Spielen vorbei, während die Erwachsenen auf metallenen Stühlen Platz nehmen und sich unterhalten.

Stavros Niarchos Foundation Cultural Center in Athen, 2016, Foto: Michael Denancé


Werkzeuge wie Schmuckstücke
Renzo Piano ist seiner Heimatstadt Genua eng verbunden, wo sich sein Studio auf mehreren Ebenen an einen Hang schmiegt: mit unverstelltem Blick aufs Mittelmeer. Doch der passionierte Segler liebt ebenso Paris. Die Stadt, in der er seinen Durchbruch erlebte und neben New York noch eine weitere Dependance seines Büros unterhält. Die Passanten der Rue des Archives – nur einen Steinwurf vom Centre Pompidou entfernt – können direkt in die Holzwerkstatt des Studios schauen, wo Werkzeuge wie Schmuckstücke an den Wänden hängen und Architekturmodelle direkt vor ihnen Augen entstehen.

In Paris hat Renzo Piano ein Faible für die Parks entwickelt, allen voran für den Jardin du Luxembourg. Und genau dort nimmt man seit den Zwanzigerjahren nicht auf schnöden Bänken Platz, sondern eigens für diesen Ort entwickelten Stühlen und Sesseln aus Metall. Piano gefiel diese Domestizierung des Außenraums und so verwendete er dieselben Möbel für den Park des Stavros-Niarchos-Zentrums: in leuchtenden Gelb- und Orangetönen sowie in Kinder- und Erwachsenengrößen.

Urbaner Treffpunkt
Auch der schattige Platz unterhalb des Botín-Zentrums in Santander wird von denselben Metallstühlen und passenden Tischen bevölkert. Die Menschen können sich hier ausruhen und mitgebrachte Getränkte und Speisen zu sich nehmen. Ein Museumscafé gibt es hier natürlich auch. Doch der Besuch ist nicht zwingend, um an diesem Ort verweilen zu können. Diese Geste ist insofern bemerkenswert, als dass konsumfreier Raum in den Städten immer seltener wird. Dass die Rechnung aufgeht, zeigt sich vor allem in den Abendstunden. Wenn das Museum längst geschlossen hat, füllen sich die Aussichtsplattformen, Rampen und Treppen weiterhin mit Leben.

Ein besseres Kompliment kann sich Renzo Piano zum 80. Geburtstag gar nicht wünschen: Denn es zeigt, dass seine Bauten noch immer relevant sind. Während die Werke anderer Architekten als leblose Hüllen in Erinnerung bleiben, ist es bei Piano vor allem die Aktivierung der inneren und äußeren Räume. In seiner bisherigen Karriere hat der Baumeister aus Genua viel erreicht. Doch hoffentlich liegen noch weitere gebaute Perlen vor ihm.

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