Leuchtende Familienbande

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Text: Norman Kietzmann, 12.04.2016

Frisch von der Mailänder Möbelmesse: In den Sälen des Palazzo Litta debütiert in diesen Tagen der Leuchtenhersteller Astep. Seinen Namen trägt er keineswegs aus Zufall. Der Gründer ist der Enkel des legendären italienischen Lichtpioniers Gino Sarfatti, der nun in der dritten Generation einen unternehmerischen Neuanfang wagt: mit Reeditionen historischer Leuchten und Entwürfen aus der Gegenwart.

Licht liegt Alessandro Sarfatti in den Genen: Sein Großvater Gino Sarfatti gründete 1939 das Unternehmen Arteluce und beeinflusste das Leuchtendesign der Nachkriegsjahre wie kein Zweiter – als Gestalter und Unternehmer in Personalunion. Auch nachdem er die Firma 1973 an den Leuchtenhersteller Flos verkaufte, blieb die Familie dem Thema Beleuchtung treu: 1978 gründete Gino Sarfattis Sohn Riccardo zusammen mit seiner Frau Sandra Severi und dem Architekten Paolo Rizzatto den Leuchtenhersteller Luceplan. Auch damit sollten sie Designgeschichte schreiben.

Neustart in Kopenhagen
Alessandro Sarfatti wuchs zwischen den beiden Polen gleichermaßen auf. Er besuchte regelmäßig seinen Großvater und startete schließlich seine Laufbahn im väterlichen Unternehmen und verantworte das Amerika-Geschäft. Doch nachdem Luceplan 2010 vom Lichtriesen Philips geschluckt wurde, kam es zum Bruch mit den neuen Eigentümern. „Ich suchte daraufhin erst einmal Abstand. Meine Frau ist Dänin und so sind wir mit unseren Kindern nach Kopenhagen gezogen“, erzählt Alessandro Sarfatti. Die Frage, was er nun tun sollte, trieb ihn für einige Zeit um. Dabei lag die Antwort auf der Hand: „Mein Großvater hat ein Leuchtenunternehmen gegründet. Mein Vater ebenso. Warum also nicht auch ich?“, fasste der 39-Jährige den Entschluss. Er gründete in Kopenhagen das Label Astep, das nun während der Mailänder Möbelmesse 2016 seine erste Kollektion vorstellt.

Familiäre Weiterführung
Dabei soll sich Astep in zwei Richtungen orientieren: Einerseits sollen historische Entwürfe seines Großvaters und anderer Arteluce-Entwürfe wieder aufgelegt werden, die trotz ihrer designgeschichtlichen Relevanz seit Dekaden vom Markt verschwunden sind. „Es geht mir nicht um Nostalgie“, sagt Alessandro Sarfatti. „Ich wollte zeigen, wie aktuell diese Entwürfe bis heute sind.“ Neben der Pendelleuchte 2065 (1950) seines Großvaters wird ebenso die Leuchtenserie VV Cinquanta (1951) des Mailänder Architekten Vittoriano Viganò wieder aufgelegt. Die konischen und gewölbten Schirme erinnern an die Leuchten von Kaiser Idell, meistern aber dennoch mit ihren filigranen Füßen und Halterungen einen eigenen Zugang: Eine elegante, fließende Moderne, die in leckeren Farben und Ausführungen für Wand, Decke und Boden daherkommt.

VV Cinquanta Floor von Vittoriano Viganò, 1951
Technologischer Anschluss
Andererseits wird jedoch der Blick keineswegs nur in die Vergangenheit geworfen: Astep geht mit Entwürfen zeitgenössischer Designer ebenso einen Schritt nach vorne. Den Auftakt macht die Leuchte Candela, die vom Argentinier Francisco Gomez Paz entworfen wurde. Sarfatti hatte mit ihm bereits bei Luceplan an der Entwicklung der Leuchtenfamilie Hope zusammengearbeitet, die den klassischen Lüster mithilfe filigraner Kunststofflinsen in die Gegenwart transferierte. Auch Candela nimmt sich eine traditionelle Typologie zum Vorbild: Ölleuchten. „Das Interessante ist, dass uns heute über das Internet eine Fülle an Informationen zur Verfügung steht, die noch vor zehn Jahren nur die großen Unternehmen nutzen konnten“, meint Alessandro Sarfatti.

Im Netz wurde er auf ein physikalisches Prinzip aufmerksam: Wird Metall an nur einer Stelle erhitzt, erzeugt die Temperaturdifferenz elektrischen Strom. Candela macht sich dieses Prinzip zunutze: Im Inneren befindet sich ein kleiner Tank für Bioethanol, der an der Oberseite der Leuchte verbrannt wird. Die Flamme erhitzt einen Metallzylinder, der damit elektrischen Strom erzeugt – und einen im Inneren des gläsernen Schirms liegenden Ring aus LEDs zum Leuchten bringt. Da Bioethanol unsichtbar verbrennt, strahlt die Flamme, die die Leuchte zum Laufen bringt, selbst kein sichtbares Licht aus.

Zukünftige Pläne
Der Vorteil dieses Konzepts: die Leuchte funktioniert kabellos und kann so auch auf freistehenden Sideboards und Beistelltischen mitten im Raum positioniert werden. Die erzeugte Strommenge reicht zudem aus, um über einen integrierten USB-Anschluss Smartphones und Tablet-Computer aufzuladen. „Ich denke, dass Leuchten auf solche Anforderungen reagieren müssen. Evolution bedeutet, einen Mehrwert zu schaffen, den frühere Arbeiten nicht bieten konnten“, sagt Alessandro Sarfatti. Die Produktion erfolgt fast ausschließlich in Italien – ein Aspekt, der dem Jungunternehmer mit Blick auf die eigene Familiengeschichte wichtig ist. Künftig soll das Sortiment im Jahrestakt um weitere Entwürfe erweitert werden: um Preziosen aus den Archiven und um neue Arbeiten, die einem Schritt nach vorne gehen.

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