Licht nach Plan

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Text: Katja Neumann


Viele Städte dieser Welt, die sich tagsüber im Glanz ihrer historischen Bauten, moderner Architektur und großer Sehenswürdigkeiten zeigen, offenbaren in der Dunkelheit ein ganz anderes Gesicht: Uneinheitliche Beleuchtung, unterschiedliche Lichtreklamen und Schriftzüge, Strahler und Medienfassen buhlen um die Aufmerksamkeit der Menschen und scheinen damit in ihrer überbordenden Leuchtkraft miteinander zu konkurrieren. Wo dies am Piccadilly Circus oder am Times Square in seinem Übermaß noch einen speziellen Charme entwickelt, ist die Realität der meisten Städte jedoch ein unbeabsichtigtes Durcheinander von Licht und Beleuchtung. Die Kommunen in Deutschland erkennen zunehmend das Problem der uneinheitlichen „Nachtarchitektur“ und entwickeln bereits seit einigen Jahren Masterpläne für die städtische Beleuchtung. Nach Düsseldorf, Lüdenscheid oder Wien sind es nun Städte wie Dresden oder Potsdam, die das Licht in ihrer Stadt unter die Lupe nehmen und gemeinsam mit Lichtplanern und -künstlern sowie Architekten an einem neuen nächtlichen Erscheinungsbild arbeiten.


Lichtplaner und Architekten wie zum Beispiel Peter Brdenk fordern schon lange, zwischen Tag- und Nachtarchitektur zu unterscheiden und für ein homogenes Stadtbild zwei unterschiedliche Entwürfe anzufertigen. So hat auch die Stadt Dresden herausgefunden, dass sich ortsfremde Besucher und Touristen am Tag in der Stadt vergleichsweise gut orientieren können – und zwar an den Gebäuden und Sehenswürdigkeiten. In der Nacht hingegen verschwimmt vieles in einem diffusen Lichtgemisch. Sogar einige der schönsten Bauten der Stadt wie zum Beispiel die Frauenkirche bleiben im falschen Licht blass und unscheinbar – und verschwinden nachts, wie in Dresden geschehen, hinter einem hell angestrahlten Hotel fast vollständig aus dem Blickfeld.

Dresden in neuem Licht

Die Frauenkirche war schließlich auch der Grund, weshalb das Stadtplanungsamt den Masterplan Licht wieder aus der Schublade zog – wo er bereits einige Jahre vor sich hin schlummerte. Inzwischen sind die technischen Möglichkeiten aber so weit ausgereift, dass viele Lichtprojekte zu realisieren sind, die noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen wären – oder undenkbar teuer. Der Masterplan Licht, ein Beleuchtungskonzept der Stadt Dresden und des Freistaates Sachsen, wurde schließlich im Herbst 2009 vom Stadtrat verabschiedet. Ziel ist eine bessere, attraktivere und zugleich effizientere Beleuchtung der Innenstadt. Bis 2012 stehen insgesamt 300.000 Euro für den Masterplan zur Verfügung. Profitiert haben davon bereits die berühmte Semperoper und das Albertinum, die seit 2010 in neuem Licht erstrahlen. Das Albertinum wurde dabei mit moderner Lichttechnik ausgestattet: Die Fassadenbeleuchtung wird nun durch LED-Strahler erzeugt, die in die Kandelaber integriert sind. Auch das Licht an Dresdens Kathedrale, deren Beleuchtung bislang als kalt und sehr hell galt, wurde im Rahmen des Masterplans ausgetauscht. Scheinwerfer und auf Masten angebrachte Punktstrahler heben die Figuren auf den Balustraden hervor und lassen sie plastisch wirken. Geplant sind in Dresden unter anderem die neue Beleuchtung der Elbbrücken und des Theaterplatzes. Auch ausgewählte Denkmäler und Gebäude sowie Parks und Grünflächen sollen in Zukunft harmonisch angestrahlt werden. Das Konzept, das vom Lichtplanungs-Büro Winkels und Partner erarbeitet wurde, ist dabei auf die barocke Silhouette der Stadt abgestimmt, sodass sich Dresden bald mit einer homogen ausgeleuchteten Skyline zeigen darf.

Licht-Pioniere in Düsseldorf

Vorreiter in Sachen städtische Lichtplanung ist jedoch die Stadt Düsseldorf. Bereits seit 2003 arbeitet die Stadt am Rhein an der kontinuierlichen Optimierung der innerstädtischen Beleuchtung. Im Zuge des Masterplans Licht in Düsseldorf gründete sich sogar eine Bürgerstiftung: DUS-illuminated fördert auf Basis des Lichtkonzepts das Ziel, Düsseldorf bei Nacht ein neues Gesicht und eine künstlerische Identität zu verleihen. Zu diesem Zweck werden bedeutende Architekturen beispielsweise mit weißem Licht hervorgehoben, wohingegen in der historischen Altstadt Wert auf Ambiente gelegt wird. So wurde hier das Gaslicht in weiten Teilen erhalten. Kunstwerke im öffentlichen Raum werden stärker durch Beleuchtung hervorgehoben, neue Lichtkunstprojekte verschönern zudem eher triste Orte wie zum Beispiel Unterführungen. Ein wortwörtlich herausragendes Projekt, das auch durch DUS-illuminated gefördert wurde, ist die neue Beleuchtung des Düsseldorfer Rheinturms. Als eines der Wahrzeichen der Stadt, direkt am Eingang zum Medienhafen gelegen, gelangte der Turm durch seine in den Beton eingelassene Dezimaluhr des Künstlers Horst H. Baumann zu Berühmtheit – die Uhr ist übrigens die größte ihrer Art weltweit. Die Zeit wird durch 62 in den Turm eingelassene Bullaugen angezeigt. Diese wurden von der Bürgerstiftung mit je zwölf LED-Leuchten in verschiedenen Farben bestückt, sodass die Dezimaluhr durch Hochdimmen in verschiedenen Farben angezeigt werden kann. Auch die Lichtkuppel des Turms wurde mit LED-Leuchten ausgestattet.

Von Frankfurt bis Potsdam

Quer durch die Republik überarbeiten Kommunen zurzeit die städtische Beleuchtung: von Koblenz bis Lüdenscheid, von Bayreuth bis Frankfurt. Die Mainmetropole verabschiedete den Masterplan vor dem Hintergrund ihrer charakteristischen Skyline. So sind im innerstädtischen Bereich rund 50 Gebäude mit einer Höhe von mehr als 50 Metern zu finden, wodurch der Hochhausbeleuchtung im Stadtbild ein besonderes Gewicht zufällt. Die Stadt beschloss, das Nachtbild für das gesamte Bankenviertel zu optimieren. Vermieden werden sollen dabei jedoch auffällige Lichteffekte, vielmehr soll ein authentisches Nachtbild der Stadt entstehen, das nicht nur Hochhäuser illuminiert, sondern auch öffentliche Grünanlagen und Plätze in das Konzept integriert.

Im März 2011 entschied sich schließlich auch die Stadt Potsdam, einen Masterplan Licht umzusetzen. Höchste Zeit angesichts der Tatsache, dass der Generalbeleuchtungsplan der Stadt aus dem Jahr 1994 stammt. Denn bei allen Beleuchtungskonzepten geht es selbstredend nicht nur um das städtische Image und die Verschönerung des Nachtbildes. Auch Faktoren wie Verkehrssicherheit und das persönliche Sicherheitsempfinden der Bürger sind bei den unterschiedlichen Plänen von großer Bedeutung. Für chronisch klamme Kommunen dürfte am Schluss der Rechnung noch ein weiterer großer Posten entscheiden: Durch neue Beleuchtungstechnologien können heute große Mengen Energie eingespart werden, sodass sich die Investition vergleichsweise rasch amortisiert. Aber ganz gleich, auf welches Argument Kommunen und Bürger den eigenen Schwerpunkt legen. Klar ist: In der urbanen Nacht setzt ein Umdenken ein.

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