Light + Building 2016: Licht neu denken

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Text: Katharina Horstmann

Wenn Scheinwerfer Spielräume ausleuchten und Himmelskörper über offene Systemen schweben, dann ist Light + Building. Die Licht- und Steuerungstechnik-Messe entführte vergangene Woche in eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie sinnvoll viele der ausgestellten Lösungen tatsächlich sind, wird sich zeigen. Eines steht aber schon fest: Leuchten allein ist in Zukunft nicht mehr genug. Die Frage nach dem Mehrwert des Lichts findet ganz unterschiedliche Antworten.

Es drohte schon die nächste Menschentraube. Doch plötzlich, hinter einem sehr schmalen Durchgang, lichtete sie sich. Unerwartet: Stille. Selbst das Knirschen der weißen Kieselsteine unter den Füßen wirkte beruhigend. Diese unverhoffte Ruhe öffnete Raum, Raum für die Ausstellungsarchitektur und ihren Anlass. Indem der minimalistische Messestand des Belgiers Vincent Van Duysen den Besucher für einen Moment dem realen Trubel der Light + Building entzog, erreichte er virtuos die Konzentration der Aufmerksamkeit. Konzentration auf die ausgestellten Neuheiten des Leuchtenherstellers Flos.

Freier Lichtraum
Der Flos-Messestand gehörte zweifellos zu den wenigen gekonnt inszenierten Auftritten der diesjährigen Light + Building, präsentierte er nicht nur das neue Architekturleuchtensortiment des italienischen Unternehmens, sondern zeigte es auch gleich in möglichen Anwendungen. Wer vergangene Woche über das gut besuchte Frankfurter Messegelände spazierte, der musste in der Regel schon genauer hinsehen, um zwischen unübersichtlichen Grundrissen, kühler Messeästhetik, Stolperfallen, unzähligen Drahtkonstrukten und diversen Glaskugeln die wirklichen Neuheiten ausfindig zu machen. Überraschend war, zu sehen, dass nach wie vor unzählige Hersteller am klassischen e27-Sockel festhalten, der lediglich erlaubt, LED-Retrofit-Leuchtmittel zu verwenden. Dabei sind LEDs keinen bisher üblichen Standards mehr unterworfen und ermöglichen einen ungezwungenen Umgang mit Konstruktion und Formgebung, der noch viel Spielraum erahnen lässt.

Scheinwerfer abseits der Straße
Ein Bereich, in dem sich die LED-Technologie nicht nur Schritt für Schritt durchsetzt, sondern der auch regelmäßig das Entwicklungspotenzial der Leuchtdiode aufzeigt, ist die Automobilindustrie. Dabei sucht sie zuweilen die Nähe zur Designbranche, um ihre Errungenschaften in andere Anwendungsbereiche zu überführen und anregenden Austausch zu finden. Beide Sparten haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder befruchtet, meist jedoch mit dem Resultat installativer Präsentationen. Auf der Light + Building folgten nun marktreife Konzepte, die die Technologien beider Domänen nutzen. So präsentierte Artemide in einem theatralisch inszenierten Ambiente die gemeinsam mit Mercedes-Benz entwickelte futuristische Pendelleuchte Ameluna. Eine auf dem vom Mailänder Architekten Michele De Lucchi gestalteten Messestand platzierte E-Klasse betonte die Kooperation. Der Name der Leuchte, ein Akronym aus Artemide, Mercedes-Benz und Luna, lässt sich darauf zurückführen, dass der Lampenkorpus, ähnlich dem Erdtrabanten, von einem externen Strahler indirekt erhellt wird. Kosmische Zusammenhänge waren auch das Leitmotiv auf dem Messestand von Occhio, auf dem sich der Besucher mitten im Universum des Münchner Herstellers wiederfand. In der planetaren Anordnung veranschaulichte das in Zusammenarbeit mit Audi entwickelte Leuchtenkonzept Sintesi, wie die LED-Technologie der Audi-Scheinwerfer in einer serienreifen Leuchte Gestalt annehmen kann.

Kabelloser Komfort
Durch die Revolution der LED hat auch die digitale Lichtsteuerung an Bedeutung gewonnen. Ein wichtiger Ansatz dabei ist das „Human Centric Lighting", das besonders die Entwicklung von Büroleuchten beeinflusst. Die in Frankfurt vorgestellte sechste Generation der LED-Deckenleuchte Mellow Light von Zumtobel zum Beispiel passt sich nicht nur wechselnden Bedürfnissen der Nutzer und unterschiedlichen Gegebenheiten im Raum an. Sie simuliert darüber hinaus den natürlichen Tageslichtverlauf und unterstützt so den menschlichen Biorhythmus. Ein weiterer Ansatz sind kabellose Steuerungselemente: Immer mehr Unternehmen greifen auf die mobile Technologie von Casambi zurück, die von den ehemaligen Nokia-Mitarbeitern Timo Pakkala und Jani Lethimäki entwickelt worden ist. Sie kann aufgrund ihrer geringen Größe unkompliziert mit jeglichem am Markt erhältlichen Beleuchtungssystem verbunden werden, indem das Modul im Leuchtenkörper selbst oder in der Unterputzdose hinter Schalterelementen installiert wird. Auch Anbieter der Haus- und Gebäudetechnik gehen diesen entscheidenden Schritt und bieten zusätzlich zu etablierten Bussystemen wie KNX auch kabellose Übertragungstechnologien an. Ein aktuelles Beispiel ist die Bedieneinheit G1 von Gira, die neben der Steuerung über Lan auch die drahtlose Regelung von Türen, Fenstern oder Jalousien über das hauseigene Wlan ermöglicht. Mit dem neuen Smart Visu Server stellte Jung wiederum einen KNX-Server als Basis für die mobile Steuerung das Smart Home vor. Das kompakte Gerät zur Wand- oder Tragschienenmontage kann per Webbrowser und der Benutzeroberfläche Smart Visu Home über beliebige Smart Phones oder Tablets bedient werden.

Internet des Lichts
Einen umgekehrten Grundgedanken verfolgt Tridonic und spricht vielleicht prophetisch von einem „Internet des Lichts“. An der Vielzahl der unterschiedlichen vernetzten Geräten und diversen Apps zeigt sich, dass der Bedarf nach Vereinheitlichung im sogenannten Internet der Dinge nur zunehmen kann. Um die Kommunikation der Geräte zu harmonisieren und die Komplexität und Kosten zu reduzieren, nutzt das zur Zumtobel-Gruppe gehörende Unternehmen die praktisch überall bereits vorhandene Infrastruktur des Lichts und bietet mit seiner net4more-Toolbox auch gleich das entsprechende Werkzeug. Das auf der Light + Building präsentierte System unterscheidet sich von ähnlichen Plattformen durch seine Interoperabilität, also eine auf offene Schnittstellen ausgerichtete Funktionalität, und bietet Nutzern auch die Möglichkeit, eigene Lösungen zu integrieren.

Gestalterische Potenziale
Gerade unter dem Aspekt der digitalen Einbindung von Lichtsystemen bietet neben der LED die OLED vielversprechende Entwicklungsmöglichkeiten. In den vergangenen Jahren hat sie sich als bevorzugte Oberfläche für Smartphones etabliert, bei hochwertigen Fernsehbildschirmen setzt sie sich vermehrt durch, und auch in der Automobilindustrie wird daran gearbeitet. Bei den Leuchtenherstellern auf der Light + Building tauchte sie mitunter als Randthema auf, dafür wurde sie von verschiedenen Designern als bevorzugte Lichtquelle genutzt. Der Frankfurter Thomas Emde stellte im Showroom seiner Firma Omled in der Innenstadt die marktreife Leuchtenserie One vor, deren flacher Körper aus satiniertem Glas gleichzeitig als Gehäuse und Platine dient. In der Nachwuchssektion der Messe präsentierte die Designerin Nathalie Mussi mit Viiva eine poetische Interpretation des Leuchtmittels. Für ihren Entwurf platzierte sie eine runde Lichtquelle horizontal in einen aus dünnen Metallstäben geformten Käfig. Die extrem dünne Qualität der OLED-Platte lässt diese geradezu verschwinden, wodurch der leere Raum zwischen den Konturen des Drahtkörpers ausgeleuchtet wird. Dieser symbolische Übergang von der dreidimensionalen Glühlampe zur immateriellen Lichtquelle zeigt das gestalterische Potenzial der Leuchtdiode auf, das noch lange nicht erschöpft ist.

Das ist auch der stärkste Eindruck, den die Light + Building hinterlässt. Das Gefühl, dass die zivilisatorische Errungenschaft des elektrischen Lichts keinesfalls ein abgeschlossenes Kapitel ist und sich womöglich gerade inmitten einer völligen Neudefinition wiederfindet. Die Beleuchtung geht mit einem gesamtgesellschaftlichen Perspektivenwandel und dem sich daraus herausbildenden Anspruch technologischer Anpassungsfähigkeit einher. Wie in jedem Anfangsstadium passiert auch hier vieles noch im spielerischen Versuch. Vergangene Woche wurde der Vorstoß auf neues Terrain vor allem sichtbar im Detail, mal laut, mal leise, poetisch, dual und architektonisch.

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