Liquid Space – Boffi schreibt Designgeschichte

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Text: Claudia Simone Hoff


Was haben Joe Colombo, Antonio Citterio , Norbert Wangen und Piero Lissoni gemeinsam? Nun, alle vier Designer haben für den italienischen Küchen- und Bad-Hersteller Boffi Küchen entworfen. Keine ganz normalen Küchen, nein. Es sind Küchen, die Designgeschichte geschrieben haben. Was es mit dieser (Küchen-)Geschichte auf sich hat, ist spannend und muss erzählt werden.
Wer gern Spaghetti, Risotto oder Polenta isst, kann diese stilgerecht in einer italienischen Küche zubereiten. Dabei versteht Boffi das Haus nicht als simple Aneinanderreihung von einzelnen Funktionsräumen, sondern sieht den Wohnraum als Gesamtes, als „liquid space“ – wie fließendes Wasser, das immer in Bewegung ist, ein Kontinuum von Räumen. Zu diesen „liquid spaces“ gehören insbesondere die Küche, die in ihrer Funktion als Kommunikationsnukleus in den Wohnraum übergeht, aber auch das Bad, das sich auch erweitern lässt, beispielsweise in einen Ankleideraum oder privaten Wellness-Tempel.
Wegweisend: Piero, Dino, Pier Ugo und Paolo Boffi
Boffi – der 1934 von Piero Boffi gegründete Hersteller von Luxusküchen und -bädern fertigte anfangs in einer Schreinerei Küchenmobiliar noch von Hand. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen Pieros Söhne Dino, Pier Ugo und Paolo das Unternehmen und bauten 1947 eine erste Fabrik. Hier befand man sich in einem vielversprechenden kulturellen Umfeld, denn Mailand war spätestens seit 1945 Zentrum des italienischen Designs. Dort trafen visionäre Unternehmer, Architekten, Designer und Künstler aufeinander. Gemeinsam erarbeitete man innovative Projekte und Produkte: Es entstanden interessante Paarungen von Designern und Unternehmern, man denke nur an Gio Ponti/Vico Magistretti und Cesare Cassina, Ettore Sotsass und Adriano/Roberto Olivetti oder Luigi Massoni und Dino Boffi. Dino Boffi war es auch, der die Idee hatte, mit Architekten und Designern zusammenzuarbeiten. Daraus entstanden ist eine aufregende (Unternehmens-)Geschichte rund um innovative Designideen, verbunden mit Produkten, die ihrer Zeit weit voraus waren und noch immer sind. Dazu gehörten material- und entwurfstechnisch anspruchsvolle Küchen- und Badelemente ebenso wie die Kooperation mit Designinstitutionen wie Museen oder der italienischen Architektur-Zeitschrift „Domus“.
In den 1950er Jahren kam die Idee der „amerikanischen Küche“ auf, die Küche und Wohnraum miteinander verband. Die erste Küche von Boffi, die sich dieser Idee annahm, war das von den Architekten Sergio Asti und Sergio Favre gestaltete System „C“, ein erstes in der Reihe von vielen folgenden ästhetischen Experimenten. „C“ stand dabei für „Color“ und beschreibt das grundsätzliche ästhetische Element dieser Küche: die Farbe. Massoni arbeitete in den 1960er Jahren bis 1985 für Boffi als Designer und Art Director und war maßgeblich am heutigen Image des Unternehmens beteiligt. Er entwarf auch die ersten modular aufgebauten Küchen- und Badsysteme von Boffi.
Zukunftsweisend: Joe Colombo und Boffi
Anfang der 1960er Jahre begannen Designer Küchen zu entwerfen, die nicht mehr an einen bestimmten Raum gebunden waren, also flexibel aufstellbar waren. Die ”Minikitchen“ von Joe Colombo aus dem Jahr 1963 ist ein exemplarisches Beispiel für diesen Trend, der etwa zehn Jahre später von Luigi Collani mit der für den deutschen Hersteller Poggenpohl entworfenen „Kugelküche“ aufgenommen wurde. Boffis „Minikitchen“ kann man auch heute noch überall aufstellen, wo ein Stromanschluss vorhanden ist und sie wirkt cooler denn je. Joe Colombo, der bildende Kunst an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand studiert hatte, wandte sich nach Anfängen als Maler der Architektur und dem Industriedesign zu und eröffnete 1961 ein eigenes Studio. Boffi hat seine „Minikitchen“ vor kurzem neu aufgelegt und fertigt sie nun im zeitgenössischen Material Corian. Auf kleinstem Raum bietet dieser rollende Kubus drei wesentliche Funktionen: Kochmöglichkeit, Arbeitsfläche, Lagerung von Lebensmitteln im Kühlschrank und Abstellfunktion für Küchenutensilien, nur eine Wasserstelle muss separat vorhanden sein. Die „Minikitchen“ fügt sich nahtlos ein in Colombos Konzept der Möblierung des Raumes mit dynamischen und flexiblen Elementen. Das heute noch immer erstaunliche Design errang 1964 auf der 13. Triennale in Mailand eine Goldmedaille.
Richtungsweisend: Piero Lissoni und Boffi
Heute ist Piero Lissoni, der seit 1986 für das Unternehmen tätig ist, der verantwortliche Art Director bei Boffi. Er entwirft nicht nur in regelmäßigem Abstand neue Küchen- und Badprodukte, sondern ist für das gesamte Corporate Design des Unternehmens verantwortlich. Dabei arbeitet er eng mit Roberto Gavazzi, der das Unternehmen seit 1989 mit Piero Boffi führt, zusammen. Boffi positioniert sich mit einer zweigleisigen Unternehmensstrategie: Neben Design von neuen Produkten und dem Redesign von Klassikern sowie der ständigen technischen und gestalterischen Optimierung kommt der Ausstellung und Präsentation der Produktpalette sowie der Unternehmenskommunikation eine entscheidende Rolle zu. Diese beinhaltet ebenso die Arbeit an der grafischen Gestaltung wie auch am Konzept der Showrooms. Diese sind nicht einfach schlichte Ausstellungsräume für die Produkte des Unternehmens, sondern demonstrieren das gesamte Universum des italienischen Herstellers weit über die Produkte hinaus: Hier wird ein Lebensstil zelebriert. So werden beispielsweise die Accessoires ganz gezielt – teils persönlich von den Shop-Managern – auf Flohmärkten ausgesucht und kontratieren mit ihrem Ethno-Look schon mal mit den cleanen Küchen und bringen so eine einzigartige Note in die Showrooms. Massenproduzierte Accessoires wie in den Ausstellungsräumen anderer Küchenhersteller sucht man hier vergebens.
Sinnlichkeit im Bad
Lissoni hat Boffi zu einem Hersteller gemacht, der neben Küchen auch durchdacht entworfene Badsysteme mit Designanspuch herstellt. Lagen doch Badmöbel und die Gestaltung von Badräumen noch bis in die 1990er Jahre designtechnisch in einer Art Dornröschenschlaf. Boffi war hier dem Trend der Branche weit voraus. Die Innovation des Unternehmens lag dabei im neuartigen Umgang mit dem Element Wasser und dem Schaffen von Räumen, denen eine Bedeutung weit über die unsäglichen „Nasszellen“ hinaus zugewiesen wurde. Dabei spielen der Aspekt der Sinnlichkeit bei den Materialien und die Großzügigkeit der Proportionen eine wichtige Rolle. Ein Beispiel für dieses Entwurfskonzept ist das von Lissoni entworfene Badsystem “Zone“ sowie Wanne, Waschbecken und Schränke aus transparentem Floatglas.
Kommunikation in der Küche
In der Küche von heute wird nicht einfach nur gekocht, sie ist vor allem ein Raum der Kommunikation, was bereits Otl Aicher erkannt hatte. Und genau hier hat Boffi eine Nische besetzt: Hochwertig gearbeitete Küchen, die in den Wohnraum übergehen. Denn eines ist klar: Küche und Wohnraum sind nicht länger zwei getrennte Einheiten. So können beispielsweise die Arbeitsflächen des von Piero Lissoni entworfenen und mehrfach preisgekrönten ”Table System” sowohl einzeln als Kücheninsel als auch in Verbindung mit weiteren Elementen als Halbinsel im Raum platziert werden. Und auch die monolithischen Küchenblöcke ”k11 + k12” sowie ”k 2” des deutschen Designers Norbert Wangen machen sich gut in der Wohnküche. Außerdem zeigen diese Küchen, dass Modelle von Boffi untereinander kombinierbar sind. Auf der Möbelmesse ”Salone del Mobile”, die im April 2008 in Mailand stattfand, zeigte sich Boffi wieder in Experimentierlaune: Das Unternehmen präsentierte das von Piero Lissoni gestaltete Küchensystem ”duemilaotto”, bei dem Naturmaterialien eine besondere Rolle spielen: roh belassenes Holz, Stein oder Keramik für die Arbeitsplatten in Kombination mit handgearbeiteten Fliesen für vertikale Flächen und Wände. Man darf gespannt sein, was noch kommen wird.

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