LivingKitchen 2019: Auf Messers Schneide

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Text: Claudia Simone Hoff

Die Kölner Küchenmesse steckt in der Krise. Erst flatterte eine Absage nach der anderen ins Haus. Und dann enttäuschten die Hersteller, die gekommen waren. Unser Fazit: Steuert die LivingKitchen nicht gegen, droht das Aus.

Eigentlich ist Deutschland Küchenland. Hier gibt es Küchenmöbelhersteller wie bulthaup, Poggenpohl und Siematic. Und Elektrogerätehersteller, die Big Player der Branche sind – Miele, Bosch und Siemens beispielsweise. Da würde man eigentlich erwarten, dass die LivingKitchen eine Pflichtveranstaltung sein müsste, sieht sich die Messe doch selbst „als weltweit größtes Küchenevent mit einer eindrucksvollen Entwicklung“. Doch vor Ort präsentierte sich dem Besucher ein ganz anderes Bild: Zwischen meist mittelklassigen Küchenmöbel-, Elektrogeräte- und Materialherstellern musste man die design- und technikaffinen Aussteller wie Alpes Inox, Bora und next125 fast mit der Lupe suchen.

Die Entdeckung der Nische
Das einzig Gute an der prekären Situation: Lichten sich die Reihen, wird Platz gemacht für Hersteller, die im Nischenbereich operieren und zuweilen erstmals zur LivingKitchen gekommen waren. Platz für Entdeckungen also. Da wäre beispielsweise Bax, eine 1890 gegründete kleine Manufaktur aus Detmold mit rund 55 Mitarbeitern, die maßgefertigte Küchen „in Tischlerqualität herstellt“, wie Sales Manager Robert Woelk am Messestand erklärte. Seit sieben Jahren stellt das Unternehmen seine Produkte auf der area30 in Ostwestfalen aus, mit der Teilnahme an der LivingKitchen hofft man auf ein internationales Publikum.

Die Küche ist los!
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Doch gerade für einen kleinen Küchenhersteller wie Bax, der seine Produkte nicht auf der Großfläche, sondern in Küchenstudios verkauft, ist die Kölner Messe ein finanzieller und auch personeller Kraftakt. Wohl auch deshalb hatte man sich mit dem Elektrogerätehersteller Küppersbusch und dem Steinspezialisten Strasser Steine an einem Gemeinschaftsstand zusammengetan. Die Österreicher beschäftigen einen eigenen Stein-Scout, der in Steinbrüchen auf der ganzen Welt auf Entdeckungsreise geht. Letztes Jahr ist er in Osttirol fündig geworden und hat einen Naturstein in sattem Grün entdeckt (Alpengrün) und außerdem mit Oriental Blue einen Stein mit irisierenden, blauen Einschlüssen.

Fass!Mich!An!
Naturstein oder naturstein-imitierende Materialien waren auf der Messe überall zu sehen – bei Herstellern wie Sapienstone, Iris Ceramica und Florim Stone, die teilweise ganze Kücheninseln aus dem Material aufgebaut hatten. Das andere Material der Stunde ist eindeutig Holz, das ebenso über große haptische Qualitäten verfügt. Am attraktiv gestalteten Messestand von next125 waren grifflose Fronten aus Tannenholz zu sehen, die ganz dem Scandi-Look frönen und die der insbesondere in Deutschland beliebten weißen Küche durchaus Konkurrenz machen. Bei Team7 steht Eiche eindeutig an erster Stelle der Verkäufe, vor Kernbuche und Nussbaum. Doch weil der Einkaufspreis für Eichenholz aus Europa um 30 Prozent gestiegen ist, wollen die Österreicher die Nachfrage nach anderen Hölzern ankurbeln. Deshalb war in Köln das Küchenmodell Linee im Achtzigerjahre-Liebling Kirschbaumholz zu sehen. Der Trend zum Massivholz macht übrigens auch vor dem Korpus nicht halt, wie ein Mitarbeiter von Bax erzählte.

Kochende Hybride
Edelstahl ist ein weiteres Material, das nicht wegzudenken ist aus der Küche. Während die Italiener von Alpes Inox ihre Küchenmodule am Messestand mit Wandelementen kombinierten, die mit farbenfrohen Wax-Stoffen bespannt waren, hielt sich Ilve nicht mit Dekoration auf, sondern präsentierte gleich mehrere Neuheiten. Die italienische Edelstahlmanufaktur hat zusammen mit dem Designbüro Emo den Siebzigerjahre-Herd Panoramagic überarbeitet, der auf der LivingKitchen 2017 noch als Prototyp vorgestellt und nun zur Serienreife gebracht wurde. Ebenfalls sehr luxuriös ist ein anderes Produkt von Ilve: der von Profiküchen inspirierte Kochturm Colonna Stellata – eine Kombination aus Heißluftofen, Dampfgarer und Mikrowelle.

Lichtblicke & Lückenfüller
Nicht zu übersehen waren die vielen Freiflächen in den Küchenhallen, die die Messe für eigene Formate nutzte. So gab es erstmals eine Ausstellung nur mit Küchenentwürfen innerhalb des Pure Talents Contest. Ausgestellt waren tragbare Dunstabzüge (The Portable Kitchen Hood von Maxime Augay), ein Reinigungsset aus dem nachwachsenden Rohstoff Luffa (Rebrush von Jingbei Zheng) und eine formschöne Kompaktküche (SPL 3650 von Peter Sorg). Gleich nebenan hatte sich Alfredo Häberli Gedanken gemacht über die Küche der Zukunft. Sein Konzept Future Design erschloss sich dem Besucher allerdings erst auf dem zweiten Blick.

Was man sah, waren grüne Trennwände, ein schöner Ziegelboden, ein paar Designklassiker, Schlafsäcke und ein Dixi-Klo. Erst als man die bereitgestellten Tablets in die Hand nahm, erschloss sich seine Idee einer nachhaltigen Küche. „Ich möchte die Leute irritieren“, sagte der Schweizer Designer und betonte, dass es ihm nicht darum gegangen sei, eine „echte“ Küche aufzubauen oder gar eine Alfredo-Häberli-Schau zu gestalten. Und so war hier alles, was mit Küche zu tun hatte, nur als Virtuelle Realität zu sehen, was dem haptischen Erlebnis Küche irgendwie zuwider lief. Der Kühlschrank aus Glas, der in Arbeitshöhe angebracht ist und dessen überflüssige Energie für eine Wärmeplatte genutzt wird – ist jedenfalls noch Zukunftsmusik.

Gestalterische Geistesblitze
Versuchte sich das Gros der Hersteller in regelrechten Materialschlachten und Variationen der immer gleichen Gestaltungsmittel, gehen Bora und Blanco unbeirrt ihren eigenen Weg. Bora zeigte mit Pure einen Kochfeldabzug, bei dem der Umluftfilter kurzerhand durch die Einströmdüse – die es in sechs verschiedenen Farben gibt – entnommen werden kann. Großes Gedränge herrschte auch am Messestand von Blanco, der in verschiedene Themenkojen unterteilt war. Der baden-württembergische Hersteller zeigte gestalterische Geistesblitze wie die neue Silgranit-Farbe Beton Style, ein dekoratives Schneidbrett im Landhaus-Look und mit Blanco Sity XL 6 S ein Spülbecken aus Silgranit PuraDur, das mit farbigem Zubehör sowie der Armatur Blanco Viu-S ausgestattet werden kann. Hier lässt sich der Schlauch kurzerhand austauschen und farblich anpassen. Einen funktionalen Mehrwert bietet Blanco Evol-S Volume, eine Armatur mit Messbecherfunktion. Einfach per Drehrad die benötigte Menge wählen, anschließend das seitlich angebrachte, sensorbasierte Steuerelement betätigen und die gewünschte Dosis Wasser wird geliefert.

Bist du noch zu retten, Köln?
Was ist bloß mit der Küche los? – Das fragte man sich unwillkürlich beim Durchstreifen der Messehallen. Eigentlich erzählt einem doch jeder, dass die Küche boomt. Dass sie der Mittelpunkt des Wohnens ist. Dass sie neben dem Badezimmer der teuerste Raum des Hauses ist. Dass gerade in der Küche gestalterische und technische Innovationen stattfinden. Warum davon auf der LivingKitchen so wenig zu sehen war, darüber lässt sich nur spekulieren. Zum einen sicherlich, weil die Treiber der Branche schlichtweg nicht anwesend waren. Fakt ist auch, dass sich die klassische Küche auflöst, indem sie in den Wohnraum übergeht. Gerade die Zielgruppe unter 30 Jahren ist aber nicht mehr interessiert an massiven Küchenblöcken und Einbauküchen, sie wollen es mobil und flexibel und sind nicht mehr bereit, Unsummen für eine Küche auszugeben.

Alternative Wege
Es scheint, dass kaum ein Küchenhersteller über die sich wandelnde Bedeutung der Küche reflektiert, geschweige denn in neue Produkte umsetzt. Die Folge sind Küchen, die sich kaum noch voneinander unterscheiden, egal in welcher Preisklasse. Dabei kann es funktionieren, wie das junge Label Grillzimmer zeigt. Michael Hofmann, der in Köln mit Big Green Egg kooperierte, fertigt ausschließlich individuelle Outdoorküchen und ist damit auf eine Marktlücke gestoßen. Erst zwei Jahre im Geschäft, „läuft es super“, wie er sagt. Und dann wäre da noch das klassische Messemodell, das längst ausgedient hat. Zu teuer, zu unflexibel, zu wenig an den einzelnen Hersteller angepasst. Irgendeine Veranstaltung muss dabei auf der Strecke bleiben. Im Moment sieht es so aus, als wenn es die LivingKitchen wäre.

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