Locker. Lässig. Lambrate.

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Text: Judith Jenner

Die wohl entspannteste Ausstellung der Mailänder Designwoche feierte dieses Jahr ihr fünftes Jubiläum. Das Konzept geht nach wie vor auf – trotz wachsender Aussteller- und Besucherzahlen.

Schon auf dem Weg von der Metro-Station Lambrate zur Ausstellung beginnt das Durchatmen. Keine Menschenmassen, die sich durch die Straßen schieben, stattdessen Spielplätze und Schulhöfe - das ganz normale Leben eines Mailänder Stadtteils. Dazwischen weisen flatternde Segel den Weg zum Ausstellungsort. Das Hauptquartier der Organisatoren von Ventura Lambrate liegt in der Via Ventura 5. Dort trifft man Karina Smrkovsky von Organisation in Design, dem holländischen Veranstalter. „Wir machen alles das, worin Designer nicht gut sind, also Events, PR und Management und eben auch die Organisation von Ventura Lambrate“, sagt sie.

Wie alles begann

2009 trafen die Kuratorinnen Margriet Vollenberg und Margo Konings den Architekten und Kunstsammler Mariano Pichler, eine der treibenden Kräfte bei der Wiederentdeckung Lambrates, dem Bezirk, in dem unter anderem der Kult-Roller Lambretta erfunden wurde. Schnell realisierten sie, dass dies genau die richtige Gegend für ein neues Event während der Mailänder Möbelwoche sein könnte. Von 2010 bis 2013 wuchs die Zahl der Besucher von 30.000 auf 80.000, 168 Aussteller aus 39 Ländern zeigten 2014 ihre Ideen in Galerien und Industriehallen. „In einigen standen vor einer Woche noch Schneekehrmaschinen“, erzählt Karina Smrkovsky. Zum Konzept gehört, dass Jungdesigner neben etablierten Marken ausstellen. So zeigte Ikea 2012 in Lambrate seine PS Collection. In diesem Jahr ließ Lago den frischen Glanz des Design-Happening auf die eigene Marke abstrahlen, indem es die Ausstellung unterstützte.

Zwischen Wohnvisionen und lauter Musik

Was gleich auffällt: Das Durchschnittsalter der Besucher ist etwa halb so hoch wie auf dem Salone del Mobile. Das liegt unter anderem daran, dass viele Hochschulen die Arbeiten ihrer Studierenden zeigen, zum Beispiel HEAD Geneve, die Genfer Hochschule für Kunst und Design. Sie realisierten ihre teilweise etwas absurd wirkenden Wohnvisionen in der Ausstellung Conversation Pieces. Laute Reggae-Musik dröhnt aus der Lagerhalle in der Via Tortona 14. Während vor dem Lambrate Living Room Besucher in der Sonne sitzen und Antipasti von Holzbrettern essen, steht Tjimkje de Boer innen hinter einem kleinen Tisch mit Flyern ihres Labels Knapontwerp. Unter der Decke der Lagerhalle schweben mehrere ihrer je zwei Meter langen Leuchten aus Melaminharzschaum. Rice Field ist feuerfest, dämmt den Schall und spendet Licht mit LEDs.

Stars und Sternchen
Ebenfalls mit Licht beschäftigt sich die Ausstellung Radiolaria von Bernotat & Co. Wie Wesen aus der Tiefsee schweben die textilen Leuchten im Raum, glimmen in unregelmäßigen Abständen auf und erlöschen wieder. Wenn sie ausgeschaltet sind, fluoreszieren sie noch eine Weile in der Dunkelheit. In diesem Gebäude zeigt auch Jaime Hayon seine Design- und Kunstprojekte wie etwa eine neue Serie mit Skulpturen und Masken aus Keramik. Ein Nebeneinander junger und etablierter Marken ist die Ausstellung von Berlin Design Selection im Ex Abitare Warehouse. Quer durch den Raum gespannte Transportseile geleiten die Besucher vorbei an den Ceramic Tables der aufstrebende Designerin Elisa Strozyk, die mit filigranen Holzstrukturen, den Wooden Textiles, berühmt geworden ist. Werner Aisslinger hat seine Europe Collection mitgebracht, für die er sich alter europäischer Handwerks- und Gestaltungstraditionen bedient.

Auch ohne Messe sehenswert

Dass Lambrate nicht nur während der Messe einen Besuch wert ist, zeigt Lambrate365, ein Zusammenschluss lokaler Galerien, Ateliers und Geschäfte. Sie erinnern auch an die Geschichte als kreativer Industriebezirk. Man bekommt das gute Gefühl, dass diese Struktur auch dafür sorgt, dass Lambrate kein überlaufener Rummelplatz wie die Zona Tortona wird, sondern eine entspannte Oase inmitten des Mailänder Designzirkus bleibt.

Alle Beiträge aus unserem großen Themenspecial Salone 2014 lesen Sie hier.

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