Auf leisen Sohlen – London Design Festival 2012

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Text: Norman Kietzmann


Das London Design Festival blickte vom 14. bis 23. September auf sein zehnjähriges Bestehen zurück, ohne dabei in Sentimentalitäten zu verfallen. Seine Stellung als wichtigster Treffpunkt im Herbstkalender konnte es zwar behaupten. Doch das Programm wirkte deutlich konzentrierter, übersichtlicher und auch ein gutes Stück bescheidener als in den vergangenen Jahren. Während der Parcours durch die Stadt an Klarheit gewann, wurde die parallel stattfindende Messe 100% Design endgültig zum Gemischtwarenladen. Besonders im Fokus: kleine, handliche und vor allem auch erschwingliche Produkte.


Ein zehnjähriges Jubiläum wäre Grund genug für eine Rückschau. Doch damit hielt man sich in London gar nicht erst auf und setzte in der Mitte der Festival-Woche eine zukunftsweisende Geste: den ersten Spatenstich für das neue Designmuseum, das 2015 im ehemaligen Commonwealth Institute an der Kensington High Street eröffnen soll. Mit dem Umbau, der vom Minimalismus-Guru John Pawson geleitet wird, soll das Museum von seiner derzeitig etwas abgelegenen Adresse unweit der Tower Bridge in das Viertel rund um das Victoria & Albert Museum, das Royal College of Art sowie die Serpentine Gallery umziehen.

Der anwesende Kulturminister Ed Vaizey zeigte sich in typisch britischer Bescheidenheit erleichtert darüber, dass das Haus „als DAS weltweit führende Designmuseum“ sein Budget kaum belasten werde. Über 36 Millionen Pfund hat Museumsgründer Terence Conran über diverse Stiftungen und Schenkungen an Spendengeldern bereits eingetrieben. Dass Geld nicht alles ist, unterstrich eine Reihe dinghafter Schenkungen: So überließ Terence Conran dem Museum sein iphone4S, eine gute Flasche Burgunder sowie eine Büchse Sardinen, während Thomas Heatherwick und Ingo Maurer eine mit Filzstift signierte Glühbirne übergaben, als „Zeichen einer guten Idee“.

Explodierende Farbtropfen und kupferne Schuhe


Nur wenige Schritte weiter zeigte Nendo seine Mimicry Chairs im Victoria & Albert Museum. Die Installation basiert auf einem einfachen Stuhl aus weißem Stahldraht, der in den Ausstellungssälen zu jeweils unterschiedlichen Gruppen kombiniert wurde und die Hängung der Bilder und Exponate „nachäffte“. Für wahre Farbexplosionen unterhalb der Wasseroberfläche sorgte Rolf Sachs mit seiner Arbeit The Journey of a Drop in dem von Henry Cole gestalteten Treppenhaus. Ausgelöst durch eine wippende Apparatur, fielen abwechselnd blaue, rote und gelbe Farbtropfen in ein Wasserbecken, während der Klang ihres Aufpralls über Mikrofon und Lautsprecher verstärkt wurde. „Wenn die Tropfen ihre Reise beginnen, entsteht eine Vorahnung, gefolgt von einem visuellen Spektakel“, erklärte Sachs die Wirkung seiner Installation.

Auch das Möbellabel Established & Sons war im Victoria & Albert Museum vertreten und zeigte anlässlich des runden Festivalbestehens eine Unikate-Serie von zehn Bänken, die von zehn Designern entworfen wurden, darunter Luca Nichetto (Glas), Barber Osgerby (Marmor), Sam Hecht (Corian) und Jasper Morrison (Beton). Ganz auf die Wirkung von Metall setzte – wie sollte es auch anders sein – Tom Dixon und stellte in seinem Showroom-Restaurant-Komplex The Dock die neue Serie Eclectic vor. Dahinter verbergen sich keine schwergewichtigen Möbel und Leuchten, wie sie Dixon sonst mit Vorliebe im Wohnzimmer platziert, sondern vielmehr leichte, handliche Accessoires aus Kupfer, Messing und Stahl. Die Kollektion umfasst Schalen, Kerzen, eine Spardose, einen Nussknacker sowie einen kupfernen Brogue-Herrenschuh, der als Türstopper oder Hingucker dienen soll. Was die Entwürfe eint, ist nicht nur ihre dekorative Wirkung. Sie sind zudem erschwinglich und passen im Grunde überall hin. Einkaufen ohne Sorgen, solange es für das deutliche größere und teurere Sideboard noch nicht reicht.

Polstermöbel ohne Polster

Den Reiz der Gadgets brachte auch die amerikanische Gestalterin Lindsey Adelman für Bernhardt Design auf den Punkt. Ihre archaische Kerzenhalterserie Nick and the Candlestick kombiniert ein Tablett aus Walnussholz mit mehreren, sich aus Messingzylindern verjüngenden Dornen. Auf diese werden die Kerzen einfach aufgespießt und scheinen über dem haltgebenden Metall zu schweben. Dass sich Purismus und Komfort nicht ausschließen müssen, zeigte die Wiener Designerin Dejana Kabiljo mit ihrem Occupy Chair für die Galerie Marion Friedmann. Das Möbel besteht aus sieben gleichen Teilen: Den von ihrem Polster befreiten Federkernen jugoslawischer Armeebetten, die zu einer bequemen Sitzfläche geschichtet und mit Arm- und Rückenlehnen umschlossen wurden. Das Ergebnis ist ein filigraner, fast immateriell erscheinender Sessel, der seinen Benutzer tief in sich versinken lässt und auch in einer vergoldeten Version zur Auswahl steht.

Zu sehen waren die Arbeiten Adelmans und Kabiljos in der Ausstellung Designjunction, die diesmal größer und zugleich auch reifer war. Der Grund für den Zuwachs lag nicht zuletzt am Rauswurf der Schau The Tremshed aus dem namensgebenden Straßenbahndepot in Shoreditch. Im Juni wurde dort unter selbem Namen das neue Restaurant des Londoner Gastronomen Mark Hix eröffnet, das neben geröstetem Hühnchen auch mit Damien Hirsts in Formaldehyd eingelegter Version der Bremer Stadtmusikanten aufwartet. Aussteller wie De La Espada und Autoban, die bisher bei The Tremshed vertreten waren, schlossen sich daraufhin mit Designjunction zusammen und mieteten ein ehemaliges Fabrikgebäude an der New Oxford Street. Auch wenn an einigen Ständen der dreigeschossigen Ausstellung der Bastelfaktor hoch war, hielt er sich im Vergleich zu den Schauen The Tent und London Superbrands im erträglichen Rahmen. Letztere waren tatsächlich kaum von dem Flohmarkt zu unterscheiden, der sonst jeden Sonntag in der Old Truman Brewery stattfindet.

Metall und Kaschmir


Konfus wirkte auch die Messe 100% Design in Earl‘s Court, die sich unter ihrem neuen Organisator Media 10 eigentlich klarer positionieren wollte. Hatten die Besucher einen schwarz verhängten Gang passiert, fanden sie sich in einem großen Gemischtwarenladen wieder. Einige Möbel hier, einige Leuchten dort, Bauteile und Fliesen in der nächsten Ecke, dazwischen noch Praktisches für Küche, Bad und Auto. Dennoch gab es zwischen allerhand Tand auch einige Perlen zu entdecken, wie die von Álvaro Siza entworfene Leuchtenserie Douro des portugiesischen Leuchtenherstellers Climar. Am Stand von Swedese präsentierte das Stockholmer Designtrio Claesson Koivisto Kune seinen Holzstuhl Röhsska, den die Schweden eigens für das gerade neu eröffnete Café des Museums für Design und Kunsthandwerk in Göteborg entworfen haben. 50 schwedische Kronen vom Kaufpreis des fortan in Serie gefertigten Stuhls gehen an eine Stiftung, die die Aktivitäten des Designmuseums unterstützt und den Käufern ein gutes Gewissen gibt.

Eine kleine, aber feine Installation realisierte OKAYstudio-Gründer Peter Marigold zusammen mit dem Londoner Kaschmir-Stricklabel Oyuna. In Anlehnung an mongolische Ger-Zelthäuser entwarf Marigold filigrane Rahmen aus schwarz lackiertem Stahl, die mithilfe dezenter Scharniere verbunden wurden. Wie ein Paravent, der um seine blickdichten Paneele beraubt wurde, spannte sich die Struktur durch den Ausstellungsraum und balanciert mehrere Ablagen aus Holz aus, die mit ihren amöbenartigen Formen an die Nierentische der fünfziger Jahre denken ließen. „Ich hatte nicht vor, etwas zu entwerfen, das zu dominant wäre und die Feinheit der Wolle überwältigen würde“, erklärt Marigold sein Konzept. Mit seiner vorsichtigen Haltung brachte er die Stimmung dieses Designfestivals durchaus treffend auf den Punkt.
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