London Design Festival 2014: Mit Seele und Siegel

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Text: Norman Kietzmann

Es war einmal die Gegenwart. Feenhafte Wesen bevölkern Sessel und Sofas. Schwarze Katzen tollen mit glühenden Augen umher. Baumstämme im Zebra-Gewand entpuppen sich als Vasen, während Vorhänge von ganzen Galaxien erobert werden. Das London Design Festival 2014 (15. bis 21. September) erklärt nicht nur den Eskapismus zur Tugend. Rustikale Holzmöbel werden von Leuchten und Accessoires im materiellen Dreiklang der Stunde ergänzt: Marmor, Kupfer und Glas.

Nennen wir es ein Potpourri. Auch zum 20-jährigen Jubiläum hat sich das London Design Festival seine Kleinteiligkeit und Diversität erhalten. Werden die großen Möbelmessen in Mailand und Köln von Satellitenschauen in der Stadt ergänzt, verteilt sich das gesamte Londoner Geschehen über die Weite der britischen Hauptstadt hinweg. Ob die Schau Designjunction in einem alten Postdepot an der New Oxford Street, die Minimesse 100%Design in Earl‘s Court oder die vielen Showrooms von South Kensington bis Shoreditch: Es waren nicht die großen Namen, die das Bild bestimmten, sondern eine Vielzahl junger Manufakturen und ebenso junger Gestalter.

Vom Industriedesign zum Empathie-Design
Dass gerade sie sich sichtbar Mühe gaben, ihre eigene Geschichte zu erzählen, lag auf der Hand. Schließlich ist der Prozess der Herstellung heute mindestens genauso wichtig wie das fertige Produkt. Und so zeigten Fotowände und Bildbände junge, gut gekleidete Menschen in ihren Werkstätten, als hätte ein Modemagazin ein Shooting zum Thema Romantisches Handwerk inszeniert. Das Komische dabei: Was irgendwie zu sehr nach heiler Welt aussah, um wahr zu sein, entpuppte sich im Nachhinein als Realität. Und so standen die Festivalbesucher den jungen Schreinern aus den Hochglanzkatalogen gegenüber und lauschten, wie sie mit leuchtenden Augen von ihrer Arbeit berichteten.

Seele und Siegel
Vorbei ist es mit dem rustikalen Handwerker, der im Verborgenem seinem Beruf nachgeht. Die Werkstatt wird zur Bühne und zum Teil der unternehmerischen Identität – ganz gleich, ob sich diese im Umland von London oder inmitten der walisischen Provinz befindet. Das Ziel von diesem exponierten Making-of heißt Vertrauen. Indem die Kunden erleben, wie etwas produziert wird, gewinnen die Dinge an Authentizität und Seele. Da stört es dann auch nicht weiter, wenn die Formensprache im frühen 20. Jahrhundert stehengeblieben ist. Was überwiegt, ist das wohltuende Gefühl, mit einem Kauf etwas Richtiges getan zu haben. Aus Industriedesignern werden somit Empathie-Designer. Oder anders formuliert: Das Handwerk funktioniert für das Design wie eine Art Bio-Siegel – wenngleich auf Sonnenblumen-Aufkleber (bislang noch) zum Glück verzichtet wird.

Tube Light von Lee Broom
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Boom der Autoproduktion
Gleich eine ganze Reihe junger Manufakturen ist an der Themse präsent. Ein Beispiel ist der Möbelhersteller Barnby & Day aus Hay-on-Wye – einer kleinen walisischen Ortschaft, die mit einem alljährlich Literaturfestival aufwartet und dank ihrer 40 Antiquariate als Mekka für Sammler seltener Bücher gilt. 2012 hatten dort die Möbeldesigner Robert Barnby und Lewis Day ihre Werkstatt eröffnet und zeigten nun in London eine Kollektion aus Schreibtischen, Hockern und Schränken, die elegant und rustikal zugleich wirkten. 

Kult aus Übersee
Dass auch dekorative Elemente Würdigung erfahren, zeigte die Manufaktur Capsbury aus Middlesex. Die von Alexander Mueller entworfenen Inlay Tables werden aus Palisander oder Mango-Holz gefertigt und verfügen über Intarsien aus Stahl oder Kupfer. Ton in Ton erschien dagegen die Derome Bulb Table Lamp von Pinch, die einen Fuß aus schwarz geölter Esche mit einem ebenfalls geschwärzten Lampenschirm aus Eschenfurnier kombiniert. Das Label wurde 2004 in London gegründet und zählt damit zu den alten Hasen im gegenwärtigen Gründungsfieber britischer Manufakturen. Entdeckungen kamen aber auch aus Übersee: So zeigte der chilenische Architekt und Möbeldesigner Cristián Valdés seine feingliedrigen Stühle und Sessel, die er mit seinem Unternehmen Muebles Valdes seit 50 Jahren produziert und in Chile längst Kultstatus erlangt haben.

Lockruf der Buntmetalle
Wie in den vergangenen Jahren standen die Buntmetalle Kupfer und Messing in der Trendgunst ganz oben. Zum Einsatz kommen diese keineswegs nur für Vasen, Schalen oder Leuchten. Das Londoner Möbellabel Buster & Punch stellte eine ganze Kollektion aus Lichtschaltern und Türgriffen vor, mit denen die warmleuchtenden Metalle Türen und Wände wie Schmuckstücke akzentuieren. Wer nicht so lange warten möchte, bis die Metalle eine natürliche Patina annehmen, sollte der Leuchtenmanufaktur Mullan einen Besuch abstatten. 

Das in den 70er Jahren in Konkurs gegangene Unternehmen wurde 2008 vom Architekten Mike Treanor wiedererweckt und produziert eine Vielzahl an rustikalen Messing- und Kupferleuchten, die mühelos als Requisiten für eine Jules-Verne-Verfilmung herhalten könnten. Um den gewünschten Antik-Effekt zu erzielen, wird der Oxidationsprozess der Buntmetalle mit chemischen Hilfsmitteln beschleunigt – ganz so, als würde man einer brandneuen Jeans eine Waschung verabreichen. Das Ergebnis wirkt archaisch, nostalgisch und auch ein bisschen seltsam. Dennoch geht die Rechnung spätestens in jenem Moment auf, wenn die Leuchten von einer glimmenden Kohlenfadenlampe in derart warmes Licht getaucht werden, als wäre soeben ein Kaminfeuer entfacht worden. 
Pussy Cats von Studio Job 
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Mineralische Leichtigkeit
Der materielle Dreiklang der Stunde umfasst neben Kupfer und Messing noch eine weitere Zutat: Marmor. Während der katalanische Hersteller Aparentment eine Kerze auf eine miniaturisierte, marmorne Treppe stellt, als hätte Altmeister Alessandro Mendini dem Firmengründer und Designchef Josep Vila Capdevila über die Schulter geschaut, gab es auch überraschende Entdeckungen zu machen. Zwar ist die Lichtdurchlässigkeit von Marmor seit Jahrhunderten bekannt. Doch der junge Londoner Designer Lee Broom ging soweit, das Gestein in eine Leuchtröhre zu verwandeln, die ein warmes, weiches und hoch atmosphärisches Licht abgibt. Für eine natürliche Erdung sorgte das Londoner Designstudio Vitamin mit seiner aus Terrakotta gebrannten K Lamp, die im Stoke-on-Trent – dem Zentrum der britischen Keramikindustrie – von Hand gefertigt wurde.  

Kindliche Romantik
Stoffliches Wohlbefinden bringt der finnische Designer und Wahllondoner Klaus Haapaniemi ins Spiel, der folkloristische Motive und Fabelwesen aus dem hohen Norden für seine Textilkollektionen und Raumausstattungen verwendet. In der Residenz des finnischen Botschafters präsentierte er eine Kooperation mit dem Möbelhersteller Nikari, bei der das klassische JRA3 Sofa mit märchenhaften Bezügen ausgestattet wurde. Einen Ausblick in eine andere Welt wagte ebenso Alfredo Häberli, der mit seinem Strickstoff Galaxy für Kvadrat einen abstrahierten Sternenhimmel auf künftige Sofa- und Sesselbezüge projizierte. 

Animalische Auftritte waren in den Räumen der Designgalerie Carpenters Workshop in Mayfair zu beobachten. Das Designerduo Studio Job ließ seine Pussy Cats zum Kampf antreten – aus Bronze gefertigte, schwarze Katzen mit dämonischen Augen, die von innenliegenden LEDs zum Leuchten gebracht werden. Wie eine Kreuzung aus einem Zebra und einem Baumstamm wirkten die Tree Trunk Vases, die Richard Woods für das Label Wrong for Hay entworfen hat. Der Clou: Die handbemalten Maserungen der Baumrinde wirken auf comichafte Weise übersteigert.

Charme des Alten
Was bleibt von diesem Festival, ist eine einfache wie erbauliche Erkenntnis: Auch Erwachsene wollen manchmal noch Kinder sein. Sie wünschen sich zurück in schützend warme Nester, in denen die einzige Bedrohung von imaginären Wesen ausgeht. Der Fokus auf Handarbeit wirkt wie eine Rückversicherung in einer Zeit, in der die Dinge immer ähnlicher und austauschbarer werden. Das Neue muss den Charme des Alten atmen, um nicht als Fremdkörper im Wohnraum wahrgenommen zu werden. Wie ein ironischer Kommentar auf die fast schon zwanghafte Sehnsucht nach Patina wirkte ein kupfernes Klebeband, das im Geschäft Luna & Curious in Shoreditch zu erwerben war. Es lässt sich ganz einfach auf alles kleben, was einen warmen Schimmer vertragen könnte. Und wenn es plötzlich zuviel des Bunten wird: Mit einem Zack ist der Zauber des Vergänglichen verschwunden.

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