London Design Festival 2015: Best of Craft

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Text: Norman Kietzmann

Im Sog der Macher: Handwerk und Kunsthandwerk sind ein immer wichtiger Teil des Londoner Designfestivals. Ganz gleich ob handgeschnitzte Löffel, changierende  Glasobjekte oder filigrane Porzellanvasen: Die Kleinserie mit Unikatcharakter findet nicht nur bei Sammlern fortgeschrittenen Alters Resonanz, sondern ebenso beim jüngeren Publikum – das damit häufig an die eigenen Familientraditionen anknüpft. 

Seit fast einem Jahrhundert steht das Kunsthandwerk im Schatten des Designs. Zu traditionell, zu selbstbezogen und viel zu kostspielig, so lauteten die Gegenargumente der seriellen Gestalter. Von dieser Kritik ist heute nicht mehr viel zu hören. Im Gegenteil: Auf dem Londoner Designfestival mischen sich Handwerker und Kunsthandwerker unter junge oder etablierte Designmarken, als wäre dieser Schulterschluss die selbstverständlichste Sache der Welt. Gewiss liegt der Fokus auf dekorativen Dingen wie Vasen, Leuchten, Decken oder Gefäßen. Doch genau sie sind es, die dem Wohnraum mit Farbe, Haptik und Struktur die ersehnte Individualität verleihen.

Objekte des kalifornischen Bildhauers Julian Watts / Courtesy The Cold Press Gallery Norfolk
Filigrane Hölzer
Von geradezu körperhafter Eleganz sind beispielsweise die Holzobjekte des kalifornischen Bildhauers Julian Watts, die von der Galerie The Cold Press in der Designschau Tent präsentiert werden. Aus Walnuss gefertigte Schalen treffen auf Kämme, die an die Gebisse von Haifischen erinnern. Seine Gabeln lassen mit langen Forken an Haarnadeln oder traditionellen afrikanischen Schmuck denken. Und ein freistehender Löffel aus Ahorn wischt mit seinem massiven Sockel und dem langen, filigranen Schafft die Grenzen zwischen Skulptur und Alltagsobjekt endgültig weg. Dem Reiz der Oberfläche verfällt unterdessen die britische Kunsthandwerkerin Lee Borthwick mit ihren Grain and Hairy Boards. Die natürliche Maserung der aus Esche, Buche und Walnuss gefertigten Küchenbretter wird von ihr durch Brandmalerei verstärkt. Einige Hölzer sind mit unzähligen feinen Strichen übersät, die dem Naturmaterial ein Memphis-inspiriertes Gewand verleihen.

Gläserne Grenzgänger
Auf die Suche nach materiellen Allianzen begibt sich die Berliner Gestalterin Milena Kling mit ihrer Serie The Alchimist. Mundgeblasene Glasvasen werden während des Abkühlungsprozesses mit Gittern aus Kupfer in Kontakt gebracht, die sowohl farbliche wie auch haptische Spuren auf dem Glas hinterlassen. Die Verbindung aus Handwerk und 3D-Druck wird mit dem Projekt Venice >> Future unter die Lupe genommen. Das Designkollektiv Breaking the Mould arbeitete in den Werkstätten der Murano-Manufaktur Salviati mit erfahrenen Glasbläsern, während die digital gedruckten Keramikelemente von Reggiani Ceramica produziert wurden. Wie ein Ausflug in die Märchenwelt wirken die Mineral Pendants von Rothschild & Bickers. Die aus Glas gefertigten Pendelleuchten haben durch den Zusatz von Marmorstaub und Farbpigmenten eine unregelmäßig changierende Oberfläche – als wäre ein quirliger Geist in einer runden Flasche gefangen.

Weißes Gold
Seit 250 Jahre ist die Stadt Stoke-on-Trent das Keramikzentrum Englands. Dass die krisengeschüttelte Region wieder wächst, hat sie einer jungen Gestaltergeneration zu verdanken, die zeitgenössisches Porzellan und Keramik vor Ort produziert. Ein Beispiel ist die Japanerin Reiko Kaneko, die vor drei Jahren in die Region gezogen ist und ihre filigranen Porzellanobjekte längst in alle Welt exportiert. Im Londoner Elementary Store stellt sie die Vasenserie Exploring Glaze vor, mit der die Möglichkeiten unterschiedlicher Glasurtechniken auf experimentelle Weise ausprobiert wurden. Dass Porzellan richtig gute Laune machen kann, zeigen die Arbeiten der südkoranischen Gestalterin Sena Gu. Ihre Kannen und Gefäße erinnern an Vögel, Beeren oder Bohnen und sind mit expressiven Punkten, Streifen und goldenen Details dekoriert – die ein Stück Kindheit zurück in die Erwachsenenwelt holen. 
Crowned Birds von Sena Gu
Keramische Rituale 
Deutlich subtiler zeigen sich die Arbeiten der Keramikmanufaktur Tortus aus Kopenhagen. Die Vasen setzen auf das Zusammenspiel von Farbe, Form und Textur – als wären die Vasenarrangements aus einem Morandi-Gemälde mit leichten Hippie-Anklängen in dreidimensionale Form übersetzt worden. Mit einer geradezu primitiven Erscheinung kokettieren die Keramiklöffel der englischen Gestalterin Sue Pryke, die in einer Vielzahl matter Farben erhältlich sind und allein schon mit ihrer groben Erscheinung aus der Vertrautheit feingliedriger Metallbestecke ausscheren. Essen, rühren und kosten werden durch den Material- und Größensprung in bewusste Rituale übersetzt, die mit passenden Keramikgefäßen und Holzunterlagen unterstützt werden.

Textile Wärmeleiter
Für Wohlbefinden sorgen die Decken und Kissen der nordirischen Manufaktur Mourne. Bis heute werden die Entwürfe der Textilgestalterin Gerd Hay-Edie aus den späten vierziger bis fünfziger Jahren von ihrem Enkel auf handbetriebenen Webstühlen produziert. Trotz des Festhaltens an der Tradition wird das Erbe weitergetragen und mit neuen Webstrukturen an heutige Bedürfnisse und Empfindungen angepasst. Der Grund für die Wiederentdeckung des Handwerks liegt genau hier: Es geht nicht darum, die Werte der Vergangenheit um ihrer selbst Willen zu beschwören, sondern spannende gestalterische Spielarten in die Gegenwart zu transferieren. Alles andere landet bald schon in der Mottenkiste.

Mehr Architektur und Design aus der britischen Hauptstadt finden Sie in unserem Themenspecial London Calling. Zum Special bitte hier klicken.

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