London Design Festival 2019: Ein Kessel Buntes

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Text: Norman Kietzmann

Auf dem London Design Festival ist für jeden was zu haben. Das Spektrum reicht von limitierten Editionen in hochpreisigen Galerien über Kleinserien und Einzelstücke von Kunsthandwerkern und Designern bis hin zu großformatigen Installationen im gesamten Stadtgebiet. Einmal mehr wurde der Schwerpunkt vom Was auf das Wie der Produktion verlegt.

In London sind die Festivaltage im September klar verteilt: Am Montag locken die Vernissagen ins noble Mayfair, am Dienstag zieht die Karawane durch die Gassen des einstigen Arbeiterviertels Shoreditch im Osten. Am Mittwoch einigt man sich mit den Quartieren Marylebone und King’s Cross auf die Stadtmitte. Am Donnerstag folgt das Finale im Londoner Westen rund um die Brompton Road und das Victoria & Albert Museum.

Militaria und Hoheitszeichen  
Für Glamour sorgte gleich am ersten Abend die Carpenters Workshop Gallery, als sie zur Vernissage von Rick Owens Solo-Ausstellung Glade lud. Der Pariser Modedesigner streckt bereits seit den Neunzigerjahren seine Fühler in Richtung Möbel und Interieur aus. In London präsentierte er großformatige Sitzinseln, die sich aus mehreren Modulen zusammensetzen und wie schützende Kokons erscheinen. Als Bezüge dienen Wolldecken der französischen Armee – ein Material, das Owens bereits mehrfach in seine Mode einfließen ließ. Die Sitzmodule verfügen über integrierte Leuchten und Ladestationen. „Sie sind definitiv kein Gegenentwurf zur digitalen Welt, sondern ein Teil von ihr“, erklärt der gebürtige Kalifornier. Dazu gesellen sich aus Aluminium gefertigte Kronen, die an die Kultur der Azteken erinnern und bei Owens Damenmodenschau am 26. September in Paris den Laufsteg passieren werden.

Lacke und Reptilien 
Nur wenige Schritte weiter in Mayfair liegt die Designgalerie Fumi. Urushi heißt die Einzelausstellung von Max Lamb, der seit 2013 mehrfach nach Wajima in der Präfektur Ishikawa gereist ist: dem Zentrum der japanischen Lackkunst. Der Brite arbeitete dort mit mehr als zwanzig Handwerksmeistern zusammen und ließ Stühle, Hocker und Kastenmöbel aus grob gespaltetem Holz mit unzähligen Lackschichten überziehen und anschließend polieren. In der Galerie werden Lambs Arbeiten zusammen mit den Entwürfen seiner Mitstreiter gezeigt, getreu dem Ausstellungsmotto „Urushi is not alone“ – ein Verweis auf den kollaborativen Arbeitsprozess des Lackierens.

Direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite musste die Dependance der Pariser Designgalerie Kreo kurzfristig umdisponieren. Noch im Programmheft des Mayfair Distrikts wurde die Ausstellung Efflorescence von Louis-Vuitton-Designer und Hipster-König Virgil Abloh angekündigt. Die Schau musste jedoch im letzten Moment auf unbestimmte Zeit verschoben werden, sodass kurzerhand die bereits im Mai gezeigte Ausstellung Vivarium des französischen Designers Jean-Baptiste Fastrez wieder aufgebaut wurde. Das Naturthema wird von ihm auf überaus wortwörtliche Weise bedient: Spiegel, die von schlangenartigen Rahmen eingefasst werden, Tische, die an Krokodile erinnern oder Leuchten in Gestalt von stilisierten Quallen.

Installation Please Be Seated von Paul Cocksedge am Finsbury Avenue Square. Foto: Mark Cocksedge

Börsenkurse als Sitzgelegenheit 
Fünf großformatige Installationen, die sogenannten Landmark Projects, waren über das Stadtgebiet verteilt. Auf interaktive Qualitäten setzte der britische Designer Paul Cocksedge mit der Installation Please Be Seated am Finsbury Avenue Square im belebten Businessviertel Broadgate. Drei konzentrische Ringe sind in dynamische Auf- und Abwärtskurven versetzt. Als Ausgangsmaterial verwendete Cocksedge gebrauchte Gerüstbohlen aus der Bauindustrie, die in einem thermischen Verfahren verformt wurden. Die wellenförmigen Bretter dienten zum Hinsitzen, Anlehnen und Liegen – und wirkten mit ihren alternierenden Höhen wie ein Echo auf die Kurse der nur wenige Blöcke entfernten Börse.

Klarer Punktsieg
London steht nicht nur für Galerien und Installationen, sondern ebenso für die Pluralität mehrerer Messen. Auf ihr 25-jähriges Bestehen blickte 2019 die 100% Design zurück, die die lichtdurchflutete Veranstaltungshalle Olympia bespielte. Ihren zeitweise internationalen Charakter hat das Format jedoch eingebüßt und wartete diesmal nur noch mit wenigen UK-Premieren auf. Auch die zum King’s Cross zurückgekehrte Schau Designjunction hat reichlich Federn gelassen und fast alle Aussteller von Rang verloren. Gewinner dieses Dreikampfs ist mit großem Abstand die London Design Fair in der Old Truman Brewery an der Brick Lane im Londoner Osten. 

Kunsthandwerk, Autoproduktion, Kleinserien und echte Serienfertigung gehen hier Hand in Hand. Den größten Fokus erhielt die Ausstellung Second Yield mit Produkten aus Naturmaterialien oder biobasierten Kunststoffen, die zuvor Abfälle waren und nun in vielseitig einsetzbare Werkstoffe verwandelt wurden. Das Thema ist auch von der Designschau Open Cell in der Old Laundry Yard im Stadtteil Shepherd’s Bush aufgegriffen worden, wo Zersetzungsprozesse in der Natur zur Gewinnung neuer Materialien verwendet werden.

Verspielte Showrooms
Wie klein ganz groß rauskommt, bewies Lee Broom mit der Installation Kaleidoscopia in seinem eigenen Showroom in der Rivington Street. In einen nur wenige Quadratmeter großen, tortenstückartig geschnittenen Raum platzierte der Londoner Gestalter 17 seiner Orion Lights. Durch den Einsatz von Spiegeln wurde die Zahl der Lichtpunkte auf über 200 multipliziert, sodass der Eindruck eines riesigen Leuchters entstand. Sobald die Besucher näher traten, wurden auch sie in unzählige Klone gespiegelt – womit Broom zweifelsohne eine der meist fotografierten Social-Media-Stationen dieses Festivals geschaffen hat.

Verspielt ging es auch bei SCP zu. Die britische Accessoire- und Möbeldesignerin Donna Wilson hat für den Londoner Shop und Hersteller die Serie Abstrakt Assembly mit Stühlen, Bänken und Spiegeln in limitierter Auflage gestaltet. Die aus Holz gefertigten Sitzmöbel warten mit braven, vierbeinigen Sockeln auf. Darüber erheben sich Rückenlehnen aus bunt bemalten, organisch geformten Holzsegmenten. Sie erinnern an gestapelte Kinderspielzeuge und erwecken den Anschein, als würden sie bei physischer Belastung womöglich rückwärts zu Boden fallen.

Razor Bar von Tom Dixon für Harry's. Foto: Harry's

New York – London – Thüringen 
Das Fragile hat auch den niederländischen Designer Bertjan Pot in den Bann gezogen. Für den Stockholmer Möbelhersteller Hem hat er The Incredible House of Cards entworfen: ein Spiel aus farbenfrohen Papierstreifen, die zusammengesteckt die Illusion eines wirklichen Kartenhauses erwecken – ohne jedoch beim nächsten Windzug sogleich wieder in sich zusammenzufallen. Dem Spieltrieb verfiel Tom Dixon in einer Kooperation mit der New Yorker Rasiermarke Harry’s, die ihre Klingen übrigens im thüringischen Eisfeld produzieren lässt. 

Die Razor Bar ist halb Showroom und Barbiersalon und bespielt fortan einen Nebenraum in Dixons neuer London-Zentrale nahe King’s Cross. Ungewöhnlich ist ein Rasierset, bei dem unterschiedlich geformte Griff-Elemente auf eine zentrale Schraube gesteckt werden und immer wieder neue Kombinationen zulassen. Die Botschaft: Es muss nicht alles neu erfunden wurden. Doch zumindest kann alles neu sortiert und betrachtet werden. 

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