MVRDV und die Villa VPRO: Ein Büro, das sich entfaltet

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Text: Kathrin Spohr, Foto: Rob ‘t Hart, 30.01.2018

Vor 20 Jahren gab es so etwas wie eine Art Shitstorm: Es sei das schlechteste Bürogebäude, das jemals gebaut wurde, meinten manche. Stimmte natürlich nicht. Mit Villa VPRO zeigen MVRDV, wie man Open Space in Spannung bringt.

Normalerweise, so erzählt Jacob van Rijs, einer der drei Mitbegründer von MVRDV, sei Erfahrung der entscheidende Faktor, wenn es um die Vergabe von Architekturprojekten geht. Beim Bau der neuen Zentrale des Radio- und TV- Senders VPRO war alles anders. Anarchische Idee, Experiment und kompromisslose Umsetzung standen im Vordergrund. So ist MVRDV bereits 1997 mit der Villa VPRO, dem ersten Projekt des Büros, eines der richtungsweisendsten Open Space Offices in Holland gelungen. Und heute, 20 Jahre nach Fertigstellung, ist das Konzept aktueller denn je.

Das Ganze hat einen spannenden Hintergrund. VPRO ist eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt in Hilversum. 1928 als religiöser Radiosender gegründet, zählt er heute zum alternativsten und innovativsten Broadcaster in den Niederlanden. Ungewöhnlich war der Firmensitz, den es genau genommen gar nicht gab. Denn die einzelnen Abteilungen waren teils provisorisch auf insgesamt zehn schöne Gründerzeitvillen in ganz Hilversum verteilt – in deren Salons und Gärten, und auf deren Dachböden und Balkonen. „Sehr unkonventionell“, sagt van Rijs.

Für ein Unternehmen kein idealer Zustand. VPRO suchte Anfang der Neunzigerjahre nach Architekten, die einen neuen Firmensitz entwerfen sollten, um alle Bereiche unter einem Dach zusammenführen zu können. Und entdeckte Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries, die sich gerade zu MVRDV formiert hatten. In einer Ausstellung.

„Wir zeigten nur drei Projekte. Fast die gesamte Fördersumme investierten wir in aufwendig gefertigte Architekturmodelle, die den Charakter von Kunstwerken hatten. Außerdem präsentierten wir Computerrenderings. Das war für die Zeit außergewöhnlich“, erinnert sich van Rijs. Die kompromisslosen Ideen des Start-ups gefielen dem Medienunternehmen. „VPRO sprach mit verschiedenen Architekten, aber wir kamen genau richtig mit unserem Spirit, unserem Profil. Und so hatten wir das Glück, völlig unerfahren unseren ersten großartigen Auftrag zu bekommen. Es passte auch zur anarchischen Haltung von VPRO, junge Talente zu engagieren.“

Man kann sich allzu gut vorstellen, welchen enormen Einfluss eine informelle, persönliche und lebendige Arbeitssituation wie damals bei VPRO auf die Identität des Unternehmens haben musste. Diese Atmosphäre, so war der Wunsch von VPRO, sollte im neuen Gebäude erhalten bleiben. „Es war eine große Herausforderung, diesen ungewöhnlichen Katalog der Diversität“, wie van Rijs das aufgesplittete VPRO-Büro nennt, „in eine moderne Zentrale zu transportieren. Wir fassten die Aufgabe so zusammen: Wie kann man ein Büro gestalten, das also nicht nach Büro aussieht?“

Entstanden ist eine extreme, konsequent offene und experimentelle Bürolandschaft, von der zu dieser Zeit keiner ahnte, wie wegweisend und prägend sie für die heutige Form von Work Spaces werden würde. Schon der Name, Villa VPRO, gibt einen anderen Rhythmus vor, einen der menschlich, der wohnlich getaktet ist. Und so scheint in der 10.000 Quadratmeter großen Villa der Raum zu fließen. Eine Etage entfaltet sich zur anderen. Es gibt keine effizienzgetriebene Rasteraufteilung des Grundrisses. Obwohl das Gebäude sechs Stockwerke hat, fehlt die klar durch einzelne Räume strukturierte Etage, die mit der nächsten durch ein Treppenhaus verbunden und so schnell und praktisch zu erreichen ist. „Wir haben ein dreidimensionales Büro für VPRO entworfen,  das überallhin Sichtverbindungen eröffnet“, erklärt Jacob van Rijs.

Villa VPRO ist eine kompakte, frische Struktur aus Hallen mit terrassenartig angelegten unterschiedlichsten Bereichen zum Arbeiten, gefüllt mit Sofas, persischen Teppichen, Kronleuchtern. Verschiedene Patios, Rampen und ein Dachgarten mit Trampolin sorgen zusätzlich dafür, dass hier kein Quadratmeter dem anderen gleicht. „Abgegrenzt und geschlossen haben wir nur, was unbedingt nötig war, zum Beispiel die Meet­ing- oder Editing-Räume“, erklärt MVRDV-Mitbegründerin Nathalie de Vries.

MVRDV hat hier sogar das Büro fürs Arbeiten mit mobilen Geräten antizipiert. Damals haben die Leute vor Desktopcomputern gesessen, die auf den Tischen fest installiert waren. Dank kabelloser Kommunikationsgeräte kommt man eigentlich erst heute in den Genuss, die vielen Zonen, die Patios und die Dachterrasse tatsächlich zum flexiblen Arbeiten zu nutzen.

„Die fehlende Praxis hat uns dazu gebracht, in der Villa VPRO Dinge zu tun, die erfahrene Architekten niemals tun würden“, sagt Jacob van Rijs. Etwa die Tatsache, ein extrem komplexes Bürogebäude, in dem Kommunikation und Sound zum Arbeitsalltag gehören, konsequent mit schallharten Materialien wie Beton und Glas auszustatten. Es war Akustikspezialisten nicht möglich, im Vorfeld zu bestimmen, wo akustisch optimiert werden musste. „Das war ein Risiko. Wir wollten die Ästhetik jedoch nicht dadurch ruinieren, dass überall wahllos akustische Materialien ergänzt wurden. VPRO sah das genauso.“ Also bezog VPRO das Gebäude ohne Schalldämmung. Und erst nachdem klar war, wie die neuen Arbeitsabläufe sind, wurde die akustische Optimierung kalkuliert und getestet. „Es gab so etwas wie einen Shitstorm in den Medien: Villa VPRO sei das schlechteste Bürogebäude, das jemals gebaut worden sei“, entsinnen sich die Architekten.

Heute arbeiten doppelt so viele Leute in der Villa VPRO wie 1997.  Dabei bleibt der fluide Space ein räumliches Erlebnis. Die vielen Öffnungen, Sichtbezüge, Details sind immer noch spannend, die Atmosphäre inspirierend und quirlig. „Manches würden wir heute sicherlich einfacher gestalten“, gibt van Rijs zu. „Aber die Haltung, offen fürs Experiment zu sein, bleibt. Immer wieder neue Optionen für eine Umsetzung zu finden, ist uns wichtig. Sonst wiederholt man sich.“

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