Maison & Objet 2020: Pattern-Party

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Text: Norman Kietzmann

Die Pariser Einrichtungsmesse Maison & Objet gleicht einem riesigen Potpourri. Neben Möbeln und Leuchten spielen vor allem die Accessoires eine entscheidende Rolle. Dass ein Generalstreik der öffentlichen Verkehrsmittel das halbe Land lahmgelegt hatte, war hier nicht zu spüren. Mit Sinnlichkeit und Humor wurde das Wohnen auf betont leichtfüßige Weise in Szene gesetzt. 

Alles ist eine Frage der Inszenierung – vor allem in Paris. Design wird hier nicht nur mit Augen, Nase und Fingern wahrgenommen. Es nimmt mitunter sogar seinen Anlauf als Kopfkino. Um die neue Geschirrserie Passifolia zu präsentieren, hatte Hermès das Kulturzentrum Gaîté Lyrique und keinen schnöden Showroom gewählt. Die Besucher betraten zunächst einen großen, abgedunkelten Saal. Von der Decke warfen Scheinwerfer vertikale Lichtsäulen zum Boden hinab. Kaum hatte man sich darunter gestellt, weitete sich der Lichtkegel und das Singen einer exotischen Vogelart erklang. Wenn man die Augen schloss, tauchte man ein in eine fremde Dschungelwelt, war umgeben von wilder Natur. Genau die eröffnete sich einen Raum weiter, wo die von Palmen, Blättern und Blüten bevölkerten Teller auf transparenten Sockeln präsentiert wurden.

Hybrid aus Hund und Giraffe
Die Sehnsucht nach der Natur ist der rote Faden dieser Maison & Objet. Aus dem Vollen schöpfen hierbei die zahlreichen Hersteller von Stoffbezügen und Tapeten, die parallel zur Messe im Vorort Villepinte ihre Neuheiten in den Innenstadt-Showrooms von Saint-Germain präsentierten. Pierre Frey zeigte die Serien Amazonia und Les Rois de la Jungle. Letztere ist in leicht kindlichen Zügen illustriert und verbindet dichtes Blattwerk mit Löwen, Leoparden und Zebras, die ganz gewiss nicht den Eindruck erwecken, als würden sie sich gegenseitig belauern, sondern vielmehr auf einer riesigen Spielwiese vereint sein. Tieraffinität und Spiel ging auch bei Alessi Hand in Hand, wo das Sitzobjekt Doraff – ein Hybrid aus Hund und Giraffe – von UNStudio Mitbegründer Ben van Berkel präsentiert wurde. Die etwas plattgedrückten Seitenflächen sind kein Zufall. Schließlich kann das Möbel quer hingelegt werden, um als kleiner Tisch zum Essen oder Malen zu dienen. 
Japanisches Revival 
Seletti stellte in Paris die Chameleon Lamp vor, bei der die Lichtquelle von einem aus weißem Kunststoff gefertigten Reptil im Maßstab 1:1 gehalten wird und in drei verschiedenen Körperhaltungen erhältlich ist. Der US-Wohnausstatter L’Objet erweitert seine Haas-Brothers-Kollektion um weitere kleine Monsterwesen. Kaum weniger wild ist die Serie Leopard mit Tischdecken, Tellern, Schalen und Teekannen im Raubkatzen-Look. Für Aufsehen sorgte diesmal die Rückkehr eines prominenten Namens: Eigentlich hatte sich Kenzo Takada vor zwanzig Jahren aus dem von ihm gegründeten Modelabel Kenzo zurückgezogen, das heute zum LVMH-Konzern gehört und vom portugiesischen Designer Felipe Oliveira Baptista geleitet wird. Nun hat Takada in Paris das Einrichtungslabel K (K3) vorgestellt, das Blumen-inspirierte Möbel, Heimtextilien und Accessoires vertreibt, die fernöstliche mit europäischer Ästhetik verbinden.  
Das Besteck wird wieder mobil
Die Natur kommt nicht nur ins Zuhause. Auch wir gehen in die Natur hinaus. Alessi hat die  Serie Food à Porter – ein Entwurf der japanischen Designerin Sakura Adachi – um einen Lunch Pod mit ausziehbaren Fächern für warme oder kalte Speisen erweitert. Dazu gesellt sich ein Besteck mit Etui, dessen glänzende Oberfläche an traditionelle Lackarbeiten aus dem Land der aufgehenden Sonne erinnern soll. Ein Besteck im Wortsinne – im Mittelalter wurde der Begriff nur für jenes Behältnis verwendet, mit dem Messer und Löffel am Gürtel getragen wurden –  zeigte der portugiesische Hersteller Cutipol. Das Edelstahl-Set Alice wartet mit einer mattgoldenen Veredelung auf und kann mit einer Stofftasche – bei der jedes Esswerkzeug ein eigenes Fach besitzt – transportiert werden. Das ist nicht nur praktisch fürs Picknick im Grünen, sondern ebenso für die Mittagspause in der Großstadt, um den Take-Away-Salat nicht mehr mit sinnlosem Plastikgeschirr verspeisen zu müssen. 
Eine Leuchte verwandelt sich zum Stuhl
Ein weiter anhaltender Trend ist das Art Déco, das in seiner Geburtsstadt Paris natürlich einen nicht zu unterschätzenden Heimvorteil genießt. Nur wenige Meter von der Pariser Opéra Garnier entfernt, hat die neu gegründete Marke La Manufacture ihr erstes Geschäft eröffnet. Die Debütkollektion entstand unter der Art Direktion von Luca Nichetto, der die Leuchte Tima mit Quallen-inspiriertem Muranoglasschirm sowie den Wandspiegel Soufflé mit einem halbkreisförmig gebogenen Metallrahmen entwarf. 
Auf der humorvollen Schiene bewegt sich das spanische Label Houtique, das aus seiner Wink Lamp einen Wink Chair abgeleitet hat. Ein ungewöhnlicher Transfer zugegebenermaßen, der aber tatsächlich rund wirkt. Die Rückenlehne ist ein stilisiertes Auge, an dessen unterem Lid eine dichte Reihe Wimpern (in Form von Fransen) nach unten hängt. Feine Viskosefäden umringen auch die Lichtquelle der Leuchte Kiki, die die belgische Modedesignerin Ann Demeulemeester für Serax entworfen hat. Das Setting war hier nicht verspielt, sondern von einer dunklen, melancholischen Stimmung getragen – genau wie die früheren Kollektionen der längst in den Mode-Ruhestand getretenen Gestalterin. Die Botschaft: Natur und Geometrie, Humor und Dunkelheit liegen nicht nur in Paris verblüffend eng beieinander.

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