Maison & Objet – Paris Design Week 2011

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Text: Norman Kietzmann


Funkelnde Kristalle und zerbrechliche Schönheiten: Vor allem die Klassiker der Tischdekoration standen im Mittelpunkt der Maison & Objet, die in diesem Jahr erstmals Zuwachs bekam: das Paris Design Festival, mit dem das Geschehen der Messe auf Ausstellungen und Showrooms in die Stadt übertragen werden sollte. Doch aller Anfang ist bekanntlich schwer.



Die Werbetrommel wurde reichlich gerührt, um das erste Design Festival an der Seine aus der Taufe zu heben. Es sei ein Skandal, ließen die Initiatoren vorab verlauten, dass bei all den Designbüros, Hochschulen und Galerien in der Stadt noch immer keine Plattform gefunden sei, um die Messe Maison & Objet mit einem Programm abzurunden, wie es zu den Möbelmessen in Mailand oder Köln längst dazugehört. Doch anders als beim Fiori Salone oder den Passagen war es diesmal keine Gruppe empörter Jungdesigner oder zurückgewiesener Aussteller, die nach einer alternativen Plattform außerhalb der starren Messestrukturen suchten, sondern die Messe selbst, die das erste Paris Design Festival in die Wege leitete.

Expansion statt Protest

Den Mittelpunkt des Programms bildet die Schau Now! Le Off, zu der 60 französische und internationale Jungdesigner eingeladen wurden, ihre Arbeiten im Docks en Seine zu zeigen. Was sich dahinter verbirgt, ist ein neuer Ausstellungs- und Veranstaltungsort, der als cité du design et de la mode auch außerhalb der Messe als Anlaufpunkt für junge Produkt- und Modedesigner dienen soll. Für den Messeveranstalter SAFI und ihren Direktoren Etienne Cochet ein kluger Schachzug, um die ohnehin etwas schwächer besuchte Septemberausgabe der Maison & Objet, deren wichtigerer Termin stets Mitte Januar liegt, mit einem Rahmenprogramm aufzuwerten.

Der Schwerpunkt der Messe selbst lag auch diesmal auf dem Thema Tischkultur und Dekoration, gemischt mit einer Sonderschau für Gartenmöbel, einem neuen Bereich für die Ausstattung von Geschäften sowie die Präsentation von Waren. Spannend wurde es vor allem in Halle 7, wo eine Dependance der Jungdesignerschau Now! Le Off mit etablierten Herstellern wie Muuto, Autentics oder Moustache zusammentraf, während sich im vorderen Teil der Halle zahlreiche Kristall- und Porzellanmanufakturen in den Scenes d‘interieur konzentrierten.

Stimmen aus dem Jenseits

Die Überschneidung aus Tradition und Gegenwart geschah dort nicht nur räumlich, sondern zog sich ebenso durch viele der gezeigten Produkte. So präsentierte die Wiener Kristallmanufaktur Lobmeyr eine Erweiterung des Trinkservice 248, die Adolf Loos vor 80 Jahren entworfen hatte – gepaart mit einer kleinen Sensation. Denn so sehr der Vordenker der Moderne dem Ornament zeitlebens absprach, vollzog er wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1933 eine überraschende Wendung. In einem Brief an den Inhaber von Lobmeyr schlug Loos eine Sonderedition seiner Gläser vor, deren Böden mit Käfern, Bienen und anderen Figuren dekorativ bedruckt werden sollten. Gefunden wurde dieser Brief während der Recherchen für eine Dokumentation zur Geschichte der 1823 gegründeten Manufaktur, die derzeit vom Grafikguru und Wahl-New-Yorker Stefan Sagmeister gestaltet wird. Dieser fertigte die bislang unausgeführten Dekore nach Loos‘ Vorgaben an und lenkt einen anderen, weit weniger strengen Blick auf das Werk des frühen Avantgardisten.

Päpstliche Kelche

Auch der französische Kristallhersteller Baccarat nahm ein rundes Jubiläum zum Anlass für einen Sprung durch die Zeit. Harcourt heißt das berühmte Glas mit dem sechseckigen Sockel und dem Schliff eines Diamanten, das in diesem Jahr sein 170-jähriges Bestehen feiert und seither auf keiner Festtafel von Päpsten, Königen, Präsidenten und Despoten fehlen darf. Dem Glas, das bereits 2005 von Philippe Starck mit eine durchgehende Schwarzfärbung einen frischen Look erhielt, widmete die Manufaktur in ihrem Pariser Stadtpalais eine Ausstellung Harcourt Toujours, deren Inszenierung die Ästhetik von Blade Runner mit barocker Opulenz verband. Gezeigt wurden neben kostbaren Einzelanfertigungen, darunter das Glas für Papst Johannes Paul II, ebenso Neuinterpretationen, die von Studenten der Lausanner Designhochschule ECAL entworfen wurden.

So verband die Französin Elisa Lambinet zwei Harcourt-Gläser zu einer breiten Wanne, deren Fassungsvermögen wohl jedem Alkoholiker sofort ein Leuchten in die Augen zaubern wird. Für die Fürsorglichen unter den Dekadenten verwandelte der Schweizer Guillaume Noiseux das Glas – das im Handel immerhin 150 Euro aufwärts kostet – in ein verschließbares Einwegglas mit praktischem Klappverschluss. Alles Unsinn? Nicht ganz, doch der Sinn dieser Übung ist leicht durchschaut: Denn natürlich sieht das originale Glas von 1841 neben seinen etwas bemühten Neuschöpfungen weitaus sinniger, würdevoller und zeitgeistiger aus. Der richtige Kaufgrund also, um seine Gäste beim nächsten Dinner mit staatstragendem Kelch zu empfangen, ohne in den Verdacht des ewig Gestrigen zu geraten.

Integration der Biertrinker


Eine Ausweitung der Kaufzone vollzog ebenso die Glasmanufaktur Theresienthal und setzte auf ein durchaus menschliches Anliegen. Ihr Ziel: Die bislang andauernde Diskrimierung von Biertrinkern aufzuheben und ihnen wohl gestaltete Krüge zu geben, die sie neben Weintrinkern nicht länger wie grobe Bauern erscheinen lassen. Entworfen wurden die eleganten Trinkgefäße der Serie Joseph vom deutschen Designer Gottfried Palatin in insgesamt sechs unterschiedlichen Dekoren, die klare geometrische Formen wie horizontale oder vertikale Streifen mit Kreisen kombinieren.

Eine Liaison zwischen Art Déco und Gegenwart zeigte unterdessen der Kristallhersteller Lalique mit der Leuchtenserie Orgue von Olivia Putman, die – als Protegé ihrer Mutter Andrée – im Januar 2011 zugleich die kreative Leitung des Pariser Traditionshauses übernommen hatte. Ihr Entwurf kombiniert schlanke Röhren aus transluzentem Kristall, die in ihrer dichten Aneinanderreihung an die Pfeifen einer Orgel erinnern und damit zum Namensgeber der opulenten Deckenleuchte mit kreisförmigen Durchmesser wurden. Könnte deren Form durchaus der Feder von Firmengrüner René Lalique in den 1930er Jahren entsprungen sein, steckt die Innovation in der Art der verwendeten Lichtquelle: Am oberen Ende einer jeden Orgelpfeife wurden leistungsstarke LEDs eingelassen, die von einem schmalen Ring getragen werden. Das Ergebnis: Ein stimmiger Hybrid, der heutigen technischen Standard mit klassischer Eleganz zu verbinden vermag.

Natürliche Figurinen


Doch nicht nur die Kristallhersteller suchten den Anschluss an die Gegenwart und damit Zugang zu neuen Käuferschichten. Auch im Porzellanbereich gab es einiges auf dieser Messe zu entdecken, auf der vor allem die deutschen Manufakturen punkten konnten. So zeigte Fürstenberg eine Erweiterung der Service-Serie Blanc, die speziell für den Einsatz in Sterne-Restaurants entwickelt wurde und mit der Kombination aus glasierten und matten Oberflächen überzeugt. Einen spannenden Fund aus den Archiven präsentierte KPM mit der Neuauflage von Figuren des deutschen Bildhauers und Porzellanmeisters Paul Scheurich. Statt fülliger Figurinen mit der Anmutung von Marzipanfiguren wirken seine Darstellungen antiker Götter in ihrer Körpersprache und Mimik erstaunlich nah aus dem Leben gegriffen.

Auch mit Dekoren und Oberflächen wurde die Vergangenheit auf zeitgenössische Weise interpretiert. So fügte die Chefdesignerin von Kahla, Barbara Schmidt, bei ihrem Service Centuries traditioneller Reliefmotive zu einer frischen Erscheinung neu zusammen. Neben klassischem Indigo kam der mittelgraue Farbton „Stone“ ins Spiel, der die Plastizität der Oberflächen besonders sichtbar herausstellt. Deutlich beeinflusst von digitalen Welt sind die Dekore, die von Studenten der ECAL für die französische Porzellanmanufaktur Bernardaud entwickelt wurden und ebenso Graffiti- und Comicmotive auf den Esstisch beförderen. Gezeigt wurden die Arbeiten sowohl im Dock en Seine als auch im Showroom von Bernardaud auf der Rue Royal, von wo aus sich der Rundgang zu den übrigen Stationen des Festivals gut starten ließ.

Auftakt der Paris Design Week

So stellte die Designabteilung von Jean Nouvel einen Querschnitt ihrer Arbeiten der vergangenen fünf Jahre vor, darunter zahlreiche Leuchtenentwürfe wie die im April in Mailand präsentierte Stehleuchte Micro Telescopic für Pallucco. Karl Lagerfeld zeigte bei Colette eine neue Gläserserie für den Kristallhersteller Orrefors, die breite, zylindrische Gefäße in schwarz, weiß und transparent mit schlanken Füßen kombinierte. Und Andrea Branzi stellte in der Galerie Mondomio eine Fortsetzung seiner Serie Nature vor, die die Anmutung von Baumstämmen mit der Materialität von verrostetem Stahl verband. Zwar war das Programm der Showrooms mit Cappellini, Cassina, Ligne Roset, Interlübke dicht gefüllt. Doch für geübte Messebesucher stellte sich spätestens hier Ernüchterung ein, da die gezeigten Arbeiten bereits allesamt auf den Möbelmessen in Mailand und Köln zu sehen waren. Damit das Paris Design Festival in Schwung kommt, muss an dieser Stelle mehr passieren. Und auch die französischen Designer – ob Bouroullecs, Massaud, Pillet, Azambourg, Sempé, Lehanneur oder Grasset oder Starck – waren bislang nicht präsent, obwohl man gerade von ihnen etwas erwartet hätte. Und so überzeugte Paris schließlich mit dem, was es ohnehin am Besten kann: sich selbst.

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