Making of... Korken

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Text: Claudia Simone Hoff

Er hält sich gern im Hintergrund. Macht er alles richtig, klappt das auch. Doch wehe, er hält sein Versprechen nicht! Dann ist der Weinliebhaber sauer. Es korkt in der Flasche! Dabei ist der Korken ein Universalgenie: gut gestaltet, funktional und nachhaltig noch dazu. Neugierig geworden auf das Wunderding, sind wir an die Algarve gereist und erfahren, wie der Kork vom Baum in die Flasche kommt.  

Dass Kork für den luftdichten Verschluss einer Flasche Wein gut geeignet ist, entdeckte man schon in der Antike. Diese Eigenschaft verdankt das Naturprodukt seinen vielen Talenten: Kork ist leicht, elastisch, wasserdicht und wirkt feuchtigkeitsregulierend. Etwa ein Drittel der weltweiten Korkproduktion – 100.000 Tonnen pro Jahr – stammt aus Portugal. Aber auch Spanien, Marokko und Algerien produzieren Kork. Über dreißig Jahre dauert es, bis eine Korkeiche das erste Mal geschält werden kann. Erst die dritte Schälung allerdings hat die Qualität, die für die Herstellung eines Korken erforderlich ist. Die Korkeiche kann bis zu 200 Jahre alt werden und darf nur alle neun Jahre geschält werden. Das wird in Portugal streng überwacht, und sollte sich jemand nicht daran halten, drohen hohe Strafen. Die Korkernte in den heißen Sommermonaten ist mühevoll und anstrengend und wird deshalb nur von erfahrenen Männern ausgeführt. Die Descortiçadores lösen die Korkrinde mit einer Axt so geschickt vom Stamm, dass sie den Baum nicht verletzen.

Korkrinde ernten
Ist die Korkrinde geschält, wird sie in die Fabrik gebracht. Davon gibt es in Portugal noch rund 600: kleine Betriebe mit einer Handvoll Arbeiter, die noch von Hand fertigen und große Fabriken, die mit moderner Technik massenindustriell produzieren. 68 Prozent des geernteten Korks werden von der Weinindustrie verarbeitet, der restliche Teil vom Bausektor. Bei der Korkenproduktion unterscheidet man zwischen zwei verschiedenen Arten von Korken: jenen, die komplett aus einem Stück Kork gefertigt sind und solchen, deren Körper aus granuliertem Kork bestehen und an beiden Enden mit Scheiben aus natürlichem Kork versehen sind.

Korken herstellen
Die einzelnen Arbeitsschritte zur Herstellung eines Korkens ähneln sich jedoch. Erst wird die Korkrinde zur Reinigung und Verbesserung der Elastizität in großen Wasserbädern gekocht. Zu großen Stapeln aufgeschichtet, sind die Korkeichenplatten nach zwei- bis dreiwöchiger Lagerung glatter, und die Feuchtigkeit hat sich reguliert. Nun erfolgt die Sortierung – nach Dicke, Porosität und Aussehen. Nur die beste Korkqualität ist zur Herstellung von Wein- und Champagnerkorken geeignet. Davon werden in Portugal vierzig Millionen Stück pro Tag gestanzt. Nicht zur Korkenproduktion geeignetes Material und Korkreste werden zu Granulat verarbeitet und zu verschieden dicken Korkplatten und -blöcken gepresst. Daraus können dann Dämmstoffe, Möbel, Leuchten und Accessoires gefertigt werden. Es bleibt kein Krümel übrig, was Kork zu einem überaus nachhaltigem Produkt macht.

Ideen finden
Korkabbau, -produktion und -handwerk sind tief in der portugiesischen Kultur verwurzelt. Unterwegs im Land der Korkeichen rund um die Kleinstadt Loulé an der Algarve, erzählt João Silvestre Ministro von seinem Hausbau. Er hat Kork für die Konstruktion der Außenwände verwendet, denn das Naturmaterial ist hervorragend geeignet als Wärme- und Akustikdämmung. Silvestre Ministro schätzt Kork aber nicht nur als Baumaterial. Als Leiter des Projekts TASA (Técnicas Ancestrais, Soluções Actuais / Altes Handwerk, zeitgenössische Lösungen) engagiert er sich für das Handwerk der Region. Die Idee: das traditionelle Handwerk wiederzubeleben mit Entwürfen junger Designer. Die spiegeln den Zeitgeist wider und schöpfen zugleich aus dem über Generationen überlieferten Wissen. Auch das von Wirtschaftskrise und Massenproduktion bedrohte Handwerk – Töpferei, Korbflechterei, Holz- und Korkverarbeitung – erhält so neue Impulse. António Luz beispielsweise war Tischler, ehe er auf das Material Kork umgestiegen ist. In seiner Werkstatt in S. Romáo im Hinterland von Loulé stellt er für das Projekt TASA in Zusammenarbeit mit einem Keramiker auch einen Weinspender her – entworfen von  Isabel Bourbon und Vanda Gábrisová. Das Objekt in der Materialkombination Kork/ Keramik fasst fünf Liter Wein und lässt sich mit seinem Henkel aus Leder leicht tragen.

Zukunft sichern
Auch wenn der Korken als Verschluss von Wein- und Champagnerflaschen noch immer beliebter ist als der Schraubverschluss aus Kunststoff oder Metall, genauso viel kostet und viel umweltverträglicher ist: Die Zukunft sieht wenig rosig aus. Denn immer weniger Menschen sind bereit, sich mit der arbeits- und zeitintensiven Korkgewinnung und -verarbeitung zu beschäftigen. Und auch die Korkeiche selbst ist bedroht – von Erosion, Waldbränden und einem Pilz namens Phytophthora cinnamomi. Allein an der Algarve hat sich der Korkeichenbestand seit den sechziger Jahren um ein Drittel reduziert und mit ihm die Zahl der Korkfabriken. Bleibt zu hoffen, dass sich die Menschen zurückbesinnen – auf die Tradition des Korkanbaus und die haptischen und visuellen Qualitäten des Materials. Dann hat auch der Korken in der Flasche eine Zukunft. Und der Weinliebhaber kann sich freuen, wenn es so schön „Plopp“ macht beim Entkorken.

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