Making of: Badetuch

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Text: Claudia Simone Hoff

Sommerzeit ist Badezeit! Wir wollten wissen, wie ein Frottiertuch entsteht und sind in den Norden Portugals gefahren. Hier werden traditionell Heimtextilien wie Frottiertücher und Bettwäsche gefertigt. Fátima Sousa ist die Chefin des Familienunternehmens Domingos de Sousa & Filhos und hat uns die Produktion gezeigt.

Ein Frottiertuch gehört für die allermeisten von uns zu den Dingen, die wir täglich nutzen, über die wir aber kaum etwas wissen und noch weniger darüber nachdenken. Es sei denn über Form, Farbe und Muster, jedenfalls wenn man eine Affinität zu guter Gestaltung hat. Um dem Mysterium Frottiertuch auf die Spur zu kommen, sind wir nach Portugal gereist, um zu erfahren, wie solch ein scheinbar einfaches Produkt entsteht und welche Menschen hinter der Herstellung stecken.
Von Ganderela in die Welt
Die Gegend rund um die pittoreske Stadt Guimarães nordöstlich von Porto ist traditionell ein Zentrum der Herstellung von Heimtextilien wie Handtücher, Bett- und Tischwäsche. Auch wenn die portugiesische Textilindustrie in den letzten Jahren – wie überall in Westeuropa – aufgrund der Billigkonkurrenz aus Indien, Marokko, Bangladesch und der Türkei stark gelitten hat: Noch immer gibt es hier viele, meist familiengeführte Unternehmen – von kleinen Herstellern bis zu Unternehmen, die bis zu 400 Mitarbeiter beschäftigen und wirtschaftlich sehr wichtig für die Region sind. Fast alle Betriebe stellen Kollektionen für internationale Unternehmen und Marken her: für High-End-Brands wie Marimekko und Tommy Hilfiger, für Massenlabels wie Zara Home und Ernsting’s Family sowie für Hotelbrands wie Iberostar. Und auch die (Fan-)Handtücher des FC Bayern München laufen hier über die Webmaschinen. Die wichtigsten Märkte für die nordportugiesischen Heimtextilienhersteller sind die Länder der Europäischen Union: Spanien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Deutschland.

Alles Frottier oder was?
Fátima Sousa hat die Luft der Textilherstellung schon als Kind eingeatmet. Die Mitsechzigerin führt das Unternehmen Domingos de Sousa in zweiter Generation mit ihren fünf Geschwistern und hat ihr ganzes Leben in Ganderela, rund 20 Autominuten von Guimarães entfernt, verbracht. Wir treffen sie im Besprechungsraum der Firma, in dem die aktuellen Kollektionen ordentlich aufgereiht auf Bügeln an einer Stange hängen – vorwiegend Frottiertücher, in allen erdenklichen Farben und Mustern und mit verschiedenen Oberflächenstrukturen. Zwar fertigt das Unternehmen auch Handtücher aus Jacquard, doch der Großteil sind Bade- und Handtücher aus Frottier, das im Vergleich zum Frottee hochwertigere Gewebe. Frottier wird aus Baumwolle gewebt, wobei sich auf beiden Seiten des Handtuchs dichte und sehr weiche Schlingen finden. Frottee indes ist ein Glattgewebe, das durch Drehen des Garns entsteht. Alle Frottiertücher von Domingos de Sousa sind zertifiziert mit Nachhaltigkeitslabels wie OEKO-Tex Standard 100, OEKO-Tex STeP (Sustainable Textile Production) und GOTS (Global Organix Textile Standard), die für die Auftraggeber extrem wichtig sind, wie Fátima Sousa sagt.
Familiengeschichte(n)
Vom Besprechungsraum schaut man auf den kleinen Ort Ganderela, der sich über die umliegenden Hügel zieht. Rund 220 Mitarbeiter arbeiten bei Domingos de Sousa, was das Unternehmen zum wichtigsten Arbeitgeber in der Region macht. Das sei eine „enorme Verantwortung“ gibt Fátima Sousa zu. Sie hat die Geschäfte von ihrem Vater Domingos Sousa übernommen, der trotz seines hohen Alters noch immer jeden Tag in der Firma vorbeischaut. So viel Engagement erstaunt nicht, wenn man seine bewegte Lebensgeschichte kennt. Nachdem Domingos Sousa jahrelang als Weber für einen Textilproduzenten in der Umgebung gearbeitet hatte und keine Aufstiegschancen sah, machte er sich 1961 mit nur einem einzigen Webstuhl selbständig. Darauf webte er zuhause den ganzen Tag Bettüberwürfe, erzählt seine Tochter. Am Anfang reichte es kaum zum Überleben, Domingos Sousa musste sich Geld von einem Freund leihen und versuchte gar heimlich über Spanien nach Frankreich überzusiedeln – es waren ja Vor-EU-Zeiten und Portugal eine Diktatur – doch die Flucht misslang. Zum Glück fand er kurz danach jemanden, der ihm beim Vertrieb seiner Waren half, wobei in den Sechzigerjahren noch mechanische Webstühle zum Einsatz kamen, denn im Dorf gab es keine Elektrizität. 1974 war es dann soweit: Domingos de Sousa stieg ins Handtuchgeschäft ein. Seither produziert das Unternehmen Frottiertücher im mittel- und hochwertigen Segment für das Badezimmer, die Küche, den Strand, Hotels und Krankenhäuser sowie Bademäntel aus Frottier – mehrere 100 Tonnen jährlich. Das Design wird zusammen mit den Auftraggebern entwickelt, für die endgültige Auswahl werden dann Musterexemplare hergestellt.
Muster, Maschinen, Marimekko
Fátima Sousa ist mit Webstühlen, Garnen, Kett- und Schussfäden aufgewachsen. Sie interessierte sich schon als Kind für die Herstellung von Frottiertüchern und lernte alles von ihrem Vater, der sie darin bestärkte, ins Geschäft einzusteigen. Das erzählt sie, als wir durch die Produktionshallen gehen. Sieht man die turmhoch beladenen, metallenen Rollwagen mit der fertigen Ware, fragt man sich, wer all die Handtücher kauft. „Ich wundere mich auch immer wieder“, sagt die Firmenchefin und lacht. Sie habe ihre Handtücher zuhause noch nie ausgewechselt, ergänzt sie. Wir laufen vorbei an geschichteten Baumwollhaufen, die darauf warten zu Garn versponnen und anschließend gefärbt zu werden. Drei Tage dauere die Entwicklung einer neuen Farbe im Durchschnitt, erzählt Anna. Sie ist Chemikerin bei Domingos de Sousa und neben der Farbkonzeption auch für die Materialforschung verantwortlich. „Die Menschen wollen pflegeleichte Handtücher haben“, sagt sie. Mit den Farben ist es übrigens so eine Sache: Sie variieren von Land zu Land, von Markt zu Markt. Die Deutschen beispielsweise liebten Farben und Muster, sagt Fátima Sousa, wobei der weltweite Handtuchmarkt zu 70 Prozent einfarbig ist.
Rund zehn Millionen Euro hat Domingos de Sousa in den letzten Jahren vor allen in neue Maschinen investiert, die vorwiegend aus Deutschland kommen. Gerade war die Firmenchefin bei einer Maschinenmesse in Madrid und ist noch immer ganz begeistert von den neuen technischen Möglichkeiten. So denkt sie darüber nach, demnächst eine Digitaldruckmaschine zu kaufen, doch solch eine hohe Investition muss wohlüberlegt sein. Doch mit dem Digitaldruck entstünden ganz neue Möglichkeiten: Kann ein Badetuch derzeit nur in wenigen Farben gewebt werden, wäre die Auswahl an Farben und Mustern beim Digitaldruck unendlich. Fátima Sousa schätzt, dass derzeit nur rund 5 Prozent der Frottiertücher digital bedruckt werden und sieht ein entsprechend hohes Entwicklungspotential in dieser Technologie. Derzeit gibt es bei Domingos de Sousa insgesamt sechzig Webmaschinen – als wir die Produktionshallen besichtigen, wird gerade die aktuelle Frottierkollektion von Marimekko gewebt. Man sieht, wie Faden für Faden das berühmte Mohnblumen-Muster Unikko in Weiß- und Beigetönen entsteht. Faszinierend auch, welch lange Handtuchbahnen durch die Maschinen rattern, um anschließend zugeschnitten zu werden, ehe die Mitarbeiterinnen der Qualitätskontrolle nach kleinsten Fehlern suchen.
Auftritt: Guimarães Home Fashion Week
Um die lokalen Textilproduzenten zu stärken und Aufmerksamkeit bei Einkäufern aus dem In- und Ausland zu generieren, wurde 2015 die Guimarães Home Fashion Week lanciert. Sie findet jeden Juni statt und zwar nicht in einer schnöden Messehalle, sondern in einem ehemaligen Kloster aus dem 12. Jahrhundert. Die Hersteller präsentieren im historisch-atmosphärischen Ambiente ihre Neuheiten – in den öffentlichen Räumen und ehemaligen Mönchszellen des Klosters, die nun Hotelzimmer der Pousada Mosteiro de Guimarães sind. Domingos de Sousa war von Anfang an dabei, auch wenn Fátima Sousa zugibt, dass der wirtschaftliche Erfolg der Messe für ihr Unternehmen kaum relevant, sie jedoch ein wichtiger Treffpunkt der Branche sei. Für die Unternehmerin ist die Heimtextil in Frankfurt seit 30 Jahren die wichtigste Messe, hierfür produziert Domingos de Sousa sogar eigene Kollektionen, um die Fertigkeiten des Unternehmens zu zeigen. Und auch wenn sich dieses Jahr wirtschaftlich (noch) nicht so gut entwickelt, ist sie nach den zwei Messetagen auf der Guimarães Home Fashion Week positiv gestimmt. Sie hofft, dass die Frottier-Tücher von Domingos de Sousas bald auch in japanischen und russischen Badezimmern zu finden sind.

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