Mini, slim und supertiny: Bewohnbare Möbel

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Text: Dina Dorothea Falbe

Warum sind Tiny Houses so beliebt? Antworten, Gedanken und Prototypen aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden.

Ana Rochas Slim Fit sieht gut aus: Abachi-Holz lässt den schlanken Turm edel wirken. Quadratische Fenster verstreuen sich über alle Seiten, auch die Grundfläche des dreigeschossigen Hauses ist quadratisch und dabei nur 15 Quadratmeter groß – was weniger ist als zwei Parkplätze, wie die Architektin betont. Das Slim Fit ist ein Tiny House, das nicht aussieht wie ein selbstgebastelter Bauwagen oder eine Hobbithöhle, sondern eher wie ein Designappartement. Auch im Inneren ist Ana Rocha ein ansprechender Minimalismus gelungen: Die einheitliche Materialwahl aus Birkenholzplatten verbindet Bücherregale, Treppen, Schiebetüren, Innenwände und sogar die Küche. Die Estrichböden in den unteren beiden Etagen bilden einen willkommenen Kontrast, elegante Möbel und Tierfelle wurden als stilistisch passende Staffage für die Fotos ausgewählt.

Das Slim Fit wurde nicht für einen spezifischen Nutzer entworfen, sondern ist ein Prototyp; das Ausstellungsobjekt zählt zu einem von zwölf Gewinnerprojekten des Ideenwettbewerbs BouwEXPO Tiny Houses, den die Stadt Almere 2016 ausgeschrieben hatte. Etwa die Hälfte der Projekte konnte bisher auf dem Gelände der Ausstellung realisiert werden – neben dem niederländischen Wohnungsbauministerium und verschiedenen Stiftungen zur Kunst- und Kulturförderung haben sich auch Energielieferanten und Baustoffhersteller als Partner daran beteiligt.

BouwEXPO Tiny Houses in Almere, Foto: Christiane Wirth

Die BouwEXPO ist nicht das einzige Tiny-House-Förderprojekt in den Niederlanden. Viele Gemeinden wollen neue experimentelle Wohnformen fördern. So sollten die Häuser in Almere „innovativ, nachhaltig, bezahlbar und realisierbar“ sein – Eigenschaften, die einen großen Interpretationsspielraum lassen. Am Wettbewerb teilnehmen durfte jeder, unabhängig von Alter und möglichen Vorkenntnissen. Almere verspricht sich davon positive mediale Aufmerksamkeit und interessierte Wochenendausflügler. Die Stiftung Tiny Houses Nederland verweist mit ihrem Slogan „Weniger Haus – mehr Leben“ auf eine Sehnsucht der Konsumgesellschaft, mit dem Besitz die Verpflichtungen zu reduzieren, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Warum sind Tiny Houses gerade in den Niederlanden so beliebt? Anders als in Deutschland, wo Etagenwohnen üblich ist, legt man hier großen Wert auf einen direkten Zugang von der Straße zur Wohnung. In vielen Städten findet man deshalb Häuser, die so ineinander verschachtelt sind, dass auch die oberen Etagen einen eigenen Eingang auf Straßenniveau haben. Als Alternative zum freistehenden Turm kann sich Ana Rocha auch eine Kombination mehrerer Slim Fit-Häuser vorstellen, die zusammen einen größeren Baukörper bilden. So lassen sich die Wohnungen mit ihrer kleinen Grundfläche noch platzsparender und energieeffizienter realisieren.

Ein weiteres Argument für die Beliebtheit der Tiny Houses ist die niederländische Tradition, Trends aufzugreifen und in vermarktbare Produkte zu überführen. Während in Deutschland vor dem Baumarkt noch Blechgaragen und hölzerne Hexenhäuschen als Geräteschuppen stehen, kann der niederländische Kleingärtner oder Dauercamper nun zwischen verschiedenen Modellen schlüsselfertiger, energieneutraler Tiny Houses wählen: Unter den nichttemporären Typen auf der BouwEXPO gibt es neben dem Slim Fit auch ein energetisch autarkes Nurdachhaus, das Tiny A. Daan Bakker, Polle Koks, Laura Huertas und Catherine Visser nahmen für ihren Wettbewerbsbeitrag das Dach als günstigstes Bauelement zur Grundlage und gestalteten das Innenleben als Möbelstück aus einem Guss. Hersteller wie Velux, Artigo, Quooker, Zehnder, Mosa wurden als Sponsoren für den Prototyp gewonnen. Nun können Liebhaber das energieneutrale Haus inklusive Solarpaneelen, Infrarotheizung und Eco-Dusche für 115.000 Euro kaufen.

Kopien der Prototypen können sie bestellen und innerhalb weniger Tage vor Ort montieren. Ein Beispieldorf entsteht in Oosterwold, das als Pilotprojekt für DIY-Stadtentwicklung in Almere gilt. Hier dürfen die zukünftigen Eigentümer selbst entscheiden, wie groß ihr Grundstück sein und wie es genutzt werden soll, sogar die Infrastruktur sollen sie selbst errichten – gemeinsam mit ihren Nachbarn. Das Tiny House ist hier ein Lifestyle-Produkt: Die von Ana Rocha vorgeschlagene Abachi-Holz-Verkleidung gilt nicht unbedingt als umweltfreundlich, doch sieht ihr Haus gut aus, ist relativ bezahlbar und verspricht die Erfüllung des Traums von einem unabhängigen, selbstbestimmten Leben in der Landschaft. Ob diese nun hippiesk unberührt sein soll oder aus gepflegtem Rasen und Blumenkästen besteht, über denen die niederländische Nationalflagge weht, wie in einem der Renderings für Oosterwold zu sehen, darf der Käufer selbst entscheiden.

Tinyhouse University, 35 Kubik Heimat, Foto: Philipp Obkircher

Die Antithese dazu formuliert der Slogan „Konstruieren statt Konsumieren“, mit dem der Hartz-IV-Möbel-Erfinder Van Bo Le-Mentzel bekannt wurde. Der Berliner Architekt hat sich in den vergangenen Jahren als Sprecher der Tiny-House-Bewegung in Deutschland etabliert. Mit dem Bauhaus Campus auf dem Gelände des Berliner Bauhaus-Archivs hat er ebenfalls eine Tiny-House-Ausstellung begründet. Weniger das perfekt designte Endprodukt als vielmehr der Gestaltungs- und Bauprozess und die gesellschaftlichen Debatten darum stehen hier im Mittelpunkt. Mit der Flüchtlingskrise 2015, als Menschen in Berlin vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (kurz: LAGeSo) kampierten, kam die Idee auf, den Geflüchteten durch Unterstützung beim Bau eigener Tiny Houses ein Stück Selbstbestimmung zurückzugeben.

In der sogenannten Tinyhouse University soll Grundlagenwissen zum Bau und zur Nutzung von Minihäusern wie der 100-Euro-Wohnung gesammelt und vermittelt werden. Mobile Architekturen, die sich schnell aus recycelten Materialien errichten lassen, schaffen ein Stück Privatsphäre, so die Idee. Auch hier geht es wieder um Innovationen: „Berlin sucht neue Wege in der Bildungs- und Baukultur“, heißt es auf der Webseite des Bauhaus Campus. Neben bezahlbaren Wohnkonzepten geht es dabei um eine bunte Themenmischung von Foodsharing und bedingungslosem Grundeinkommen über Co-Working für Geflüchtete bis hin zu Autarkie und Kryptowährungen. Man spricht über Start-ups und verbaut Kunststoff-Fenster, die der Hersteller sponsert, sodass auch hier das Konzept Tiny House eine große Bandbreite von Interessen anspricht.

Besucher solcher Ausstellungen mögen den Eindruck gewinnen, Tiny Houses lösen alle Probleme unserer Zeit. Bei einer näheren Betrachtung ist jedoch nicht zu übersehen, dass es sehr auf den Kontext ankommt, welche Versprechen das jeweilige Tiny House einlösen kann. Es klingt attraktiv, das eigene Häuschen irgendwo im Stadtraum aufzustellen und sich so eine bezahlbare Wohnung zu schaffen, wenn man sonst keine findet. Aber geht das überhaupt? Mit dieser Frage beschäftigten sich PUP Architects, als sie ihr „micro dwelling“ H-VAC (Artikelbild) auf dem Dach des Londoner Kunstzentrums Hoxton Docks bauten. Der Entwurf gewann den internationalen Wettbewerb Antepavilion der Architecture Foundation und sieht aus wie ein  Lüftungsschacht. Die Mieten in London sind noch weit höher als in deutschen Großstädten, und der bauliche Zustand der zum Teil überbelegten WG-Häuser lässt oft zu wünschen übrig. Die dünne Hülle aus silbernen Getränkekartons um die Holzkonstruktion bietet etwa genauso viel Schutz vor Wind und Wetter wie manche bestehende Behausung.

Da Minihäuser auf Dächern baurechtlich natürlich nicht vorgesehen sind, wählten die Architekten die Form eines üblichen Dachaufbaus, um dort ihre winzige Wohnung einzurichten. Können solche Aufbauten oder andere kleine Behausungen wirklich eine Antwort auf ein so strukturelles Problem wie die Wohnungsnot in Großstädten sein? Sicher scheint nur, dass allein die Kategorie Tiny House erst mal nichts darüber aussagt, ob das betreffende Objekt umweltfreundlich, nachhaltig oder kostengünstig ist, ob es ein selbstbestimmtes Leben oder die innerstädtische Nachverdichtung fördert. In jedem Fall ist es ein dem menschlichen Maßstab entsprechender Ansatz gegenüber den immer größer werdenden Investorenprojekten. Anders als bei denen kommt es bei den Tiny Houses darauf an, was man daraus macht. Genau das scheint viele Menschen zu faszinieren.


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