Minimalismus aus Leder: Dieter Rams & Tsatsas

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Gerhardt Kellermann, 03.12.2018

Rasierer, Radios und Möbel – gutes Design umfasst für Dieter Rams bekanntlich das gesamte Leben. Jetzt bringt das Frankfurter Taschenlabel Tsatsas eine Damenhandtasche heraus, die Deutschlands bekanntester Industriedesigner vor über 50 Jahren für seine Frau Ingeborg Kracht Rams entworfen hat. Eine Liebeserklärung, die zeitlos bleibt.

Er war noch ziemlich jung. Als Dieter Rams die Fotografin Ingeborg Kracht kennenlernt, ist er gerade 23 Jahre alt. Sein Architekturstudium in Wiesbaden hat Rams soeben abgeschlossen, kurze Zeit später – es ist das Jahr 1955 – beginnt er, bei Braun in Kronberg zu arbeiten. Dort begegnet der junge Innenarchitekt besagter Fotografin. Auch sie arbeitet zu dieser Zeit bei Braun. Die beiden werden ein Paar. Er baut ihr ein Haus inmitten der Bungalowsiedlung in Kronberg, in dem beide seit fast 50 Jahren leben. Und er entwirft für seine Frau eine Handtasche, die Ingeborg Kracht Rams noch heute hat: reduziert, wie alle Produkte und Möbel von Dieter Rams – nichts ist zu viel, nichts fehlt. Vor allem das Innenleben ist durchdacht.

„Natürlich ist es ein sehr reduzierter und zurückhaltender Entwurf“, sagt auch Esther Tsatsas. „Es ist eine klassische Damenhandtasche, die sich im Inneren sehr schön auffächert.“ Sie redet mit Begeisterung und freut sich über das gemeinsame Projekt mit Dieter Rams. Auch Esther Tsatsas hat wie Rams zunächst Architektur studiert und landet über Umwege beim Design. 2012 gründet sie mit ihrem Mann, dem Industriedesigner Dimitrios Tsatas, das Label Tsatsas. Ihre Ledertaschen verbinden traditionelle Handwerkskunst mit zeitloser Formensprache und einer sensiblen Ausarbeitung sämtlicher Details. „Ich denke, dass wir generell etwas anders arbeiten, als man es eigentlich machen würde. Wir betrachten eine Tasche als ein Produkt, das langlebig sein sollte“, verdeutlicht Tsatsas.

Das Tsatsas-Handtaschenmodell 931 von Dieter Rams wird aus skandinavischem Rindsleder von Hand in einem traditionellen Feintäschneratelier in Offenbach gefertigt: in den zwei Varianten schwarz und grau. Fotos: Gerhardt Kellermann

Es passt also, dass Dieter Rams Anfang des Jahres das Frankfurter Duo Tsatsas anfragt, ob es nicht Interesse an der Neuauflage seiner Damenhandtasche habe. Zu diesem Zeitpunkt haben Esther und Dimitrios Tsatsas gerade eine Tasche von dem verstorbenen Architekten Ferdinand Kramer auf den Markt gebracht. „Ferdinand Kramer hatte nämlich in den Sechzigerjahren eine Handtasche für seine Frau Lore Kramer entworfen“, erinnert sich Esther Tsatsas. „Vor ein paar Jahren kam sie auf uns zu, um uns von dieser Handtasche zu erzählen. Wir haben dann mit ihr zusammen diesen nie veröffentlichten Entwurf ihres Mannes neu aufgelegt.“ Als Dieter Rams von dieser Geschichte hört, fragt auch er vorsichtig bei Tsatsas an.

Aus dem ersten Gespräch wird eine enge Kooperation. „Es war sehr konstruktiv, sehr entspannt und sehr offen“, sagen die Frankfurter Gestalter. Dieter Rams habe einen sehr hohen Anspruch an Gestaltung und seine Gestaltungsprinzipien. „Ich glaube, dass diese gut zu den unsrigen passen“, meint Esther Schulze-Tsatsas. Ihr gefällt vor allem das schön gestaltete Innenleben der Handtasche, an dem das Duo zusammen mit Dieter Rams noch mal gearbeitet, einige Details verändert und angepasst hat.

Dass die Tasche 1963 entsteht, sieht man ihr nicht an. Dabei sind seitdem 55 Jahre vergangen, vieles hat sich verändert. Der Kalte Krieg wurde beendet, Deutschland wiedervereinigt, die Rassentrennung aufgehoben, die erste Mondlandung gefeiert, das Internet erfunden: Unsere Gesellschaft zeichnet heute eine andere Realität. Dennoch könnte 931 ebenso ein aktueller Entwurf von 2018 sein. Die Handtasche von Ingeborg Rams ist somit ein Paradebeispiel für das, was man zeitloses Design nennt.

Dimitrios und Esther Tsatsas. Foto: Ramon Haindl

Damit 931 ins Heute passt, bekommt die Tasche einen Schulterriemen, der sich aber auch abnehmen lässt. „Die ursprüngliche Version hatte keinen Riemen. Es war allein eine Tasche, die in der Hand zu tragen war“, sagt Tsatsas, „was heute nicht mehr den Ansprüchen einer modernen Frau entsprechen würde.“  Die Konstruktion einer Tasche sei am Ende etwas sehr Mathematisches – „schon das Erstellen der Schnittmuster“, findet Schulze-Tsatsas. „Und man kann schon behaupten, dass eine Tasche auf ihre Art und Weise auch Architektur im Kleinen ist.“ So wundert es gar nicht, dass Dimitrios und Esther Tsatsas mit einem anderen Architekten schon lange an einem nächsten Projekt arbeiten. Was genau, möchten sie noch nicht verraten. Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit aus Leder sein. 

 

 

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