Mit A nach B – Mit dem Buick nach Manhattan

Text: Niklas Maak, 22.12.2018

Die Wagen, die vor der alten Autowerkstatt von Watermill auf Long Island im Gras parken, sind nicht deswegen schön, weil sie perfekt gepflegt sind. Im Gegenteil. Sie sind ziemlich heruntergekommen, das aber auf eine Weise, die einem gute Laune macht. Die Alfa Romeo Spider und die Broncos, die Mercedes Cabrios und Buick Electras haben Schrammen und Dellen und Rost, der Chrom ist matt geworden, Verdeck und Lack sind von vielen Sommern in den Dünen von Montauk und Bridgehampton ausgeblichen – und genau das macht sie aus. Sie erzählen in all ihrer Heruntergerocktheit von einem gelungenen Leben. Sie wurden von Menschen gefahren, die ihre Sommer damit verbrachten, in weißen Holzhäusern mit Blick auf weiße Segelboote den weißen Sand aus ihren weißen Hosen zu klopfen, über Schotterpisten zu donnern und seltsame Geschäfte abzuwickeln und seltsamen Ideen nachzugehen und seltsame Dinge zu tun und an der rot gestrichenen Fischbude in Napeague sehr rote Lobster Rolls zu essen und manchmal mit offenem Verdeck Richtung Westen in die Stadt zu fahren, nach Manhattan. Und jedes Jahr sahen ihre Cabrios, so wie sie selbst auch, ein bisschen versandeter und ausgeblichener und verwitterter aus, bis die ehemaligen sogenannten Traumwagen nur noch ein paar tausend Dollar wert waren und trotzdem immer noch die gute Laune endloser Sommer ausstrahlten, die sie auf eine fast magische Weise gespeichert zu haben schienen.

Als ich in Amerika lebte, habe ich mir für den Preis, den ein Mietwagen für zwei Wochen gekostet hätte, so einen Wagen gekauft, einen Buick aus den späten Sechzigerjahren. Meine damals schon sehr ökologisch veranlagten Freunde schimpften und nannten den Wagen „Midlife-Chrysler“, obwohl es gar kein Chrysler war und ich nicht die geringsten Anzeichen einer Krise zeigten. Sie jammerten, was der 7.2-Liter-Achtzylinder mit der Umwelt anstellen würde. Aber ich habe ihn so wenig gefahren, dass allein die Produktion einer der albernen selbstlenkenden Dosen, die jetzt die Stadt vor dem Abgaskollaps retten sollen, viel mehr Dreck macht, und ich habe weniger Rinderfilets von methanfurzenden Kühen gegessen und keine Kreuzfahrten gemacht. Meine Ökobilanz sah trotz Buick nicht schlimmer aus als die der Freunde - und es gibt nun mal fast nichts Schöneres, als nachts mit einem dieser alten Buicks von Water Mill nach Manhattan zu fahren, vorbei an Orten, die Utopia oder Babylon heißen, hinein in die Stadt, durch die dann leeren Avenues, in den Tunnel, der sich wie eine italienische Bergstraße auf eine abenteuerliche Weise durch die Grand Central Station bohrt, bis vor Mies van der Rohes Seagram Building, an dessen Bar ein zum Auto passender Martini serviert wird.

Ich habe das ein paar Mal gemacht. Meine Erinnerung an Manhattan hat überhaupt viel mit Nächten in Autos zu tun. Als ich das erste Mal nach New York kam, wohnte ich sogar in einem. Ich war in Orlando gewesen und wollte ein paar Tage in New York bleiben, und in diesen Tagen, hatte mein Freund Philipp gesagt, könne ich bei ihm wohnen. Ich nahm, weil wir nach Montauk fahren wollten, einen Mietwagen am Flughafen und kam am Nachmittag in Manhattan an. Philipp war nervöser als sonst und fuchtelte mit den Händen herum, und es war nicht ganz klar, ob er sich freute, mich zu sehen. Seine winzige Wohnung in der Jones Street lag in einem alten Brownstone Building, dessen Treppengeländer so oft schwarz lackiert worden war, dass man die Zierlöwen, die am Eingang des Aufgangs jeweils eine Kugel festhielten, kaum noch erkennen konnte. Es sah aus, als seien sie in einem Ölteppich geschwommen.

Überraschend, sagte Philipp schließlich, habe sich Justine angekündigt, eine Jugendfreundin, deswegen wäre es ungünstig, wenn ich bei ihm schlafe. Ich nahm also den Mietwagen – einen roten Dodge mit New-Jersey-Kennzeichen, das mich als das auswies, was die Manhattanites „Bridge-and-Tunnel-People“ nennen – und fuhr los, um mir ein Hotel zu suchen.

Es fand allerdings irgendeine Messe statt, und alle bezahlbaren Hotels waren ausgebucht, und die Zimmer in den Hotels, die nicht ausgebucht waren, kosteten pro Nacht genauso viel, wie ich im Monat für meine Wohnung ausgab.  Also parkte ich den Dodge am Park und verbrachte meine erste New Yorker Nacht auf der Rückbank des Wagens.

Gegen acht wachte ich auf, holte mir im L‘Express an der Park Avenue einen Kaffee und fuhr nach Downtown, um bei Philipp zu duschen. Er öffnete die Tür mit einem zerknüllten Gesicht. Er war bleich, und man sah, dass er nicht geschlafen hatte. Und, sagte ich. Philipp fuchtelte mit einem ungetoasteten Toastbrot umher und schaute grimmig. Er war mit Justine essen gegangen, sie hatte sich auf dem Heimweg bei ihm untergehakt, aber dann war sie müde gewesen und hatte sich ausgezogen und wortlos in ihr Bettlaken eingerollt; seitdem lag sie dort, eingewickelt wie eine ägyptische Mumie, und schlief. In den nächsten Tagen kam Philipp nicht nennenswert weiter, deswegen schlief ich auch die nächsten Tage im Auto. Ich entwickelte eine Technik, auf der Rückbank zu schlafen, ohne dass die Beine in den Fußraum fielen, beschloss aber mitten in der Nacht, die Rückbank halb umzuklappen und die Beine in den Kofferraum auszustrecken, was härter war, aber mehr Platz versprach. Ich sah jetzt aus wie das Opfer eines Gewaltverbrechens.

Am dritten Tag regnete es morgens. Vor dem Gramercy Park Hotel hing die Fahne nass herunter, über den goldenen Baldachin rauschte der Regen auf den Bürgersteig. Ich sah, als ich aufwachte, als Erstes das Lenkrad des Dodge und den darauf abgebildeten Widderkopf. Der Widder ist das Symboltier von Dodge, auf jedem Lenkrad sieht man die Hörner des Widders. Und dieser Widder sprach mit mir. Der Widder fragte mich: „Are you ok?“ Und es dauerte eine Weile, bis ich sah, dass die Stimme dem Polizisten gehörte, der mit einer Taschenlampe im Anschlag am Seitenfenster stand.

So was wird es, wenn man den Stadtplanern glauben darf, schon in relativ naher Zukunft nicht mehr geben, weder in New York noch anderswo. Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, die Autos so sehr hasst, dass sie sie am liebsten guillotinieren würde, hat bereits angekündigt, dass in zehn Jahren kein Auto mit Verbrennungsmotor mehr durch Paris fahren wird. Vorbei die Zeiten, in denen man seinen Citroën DS lässig am Straßenrand vor dem Café in die Knie sinken ließ, einen Pernod bestellte und dann heimfuhr. In Zukunft wird man, weil es den Autoherstellern und den Juristen zu kompliziert ist, Roboterautos und von Menschen gesteuerte Wagen zu koordinieren, die von Menschen gesteuerten Wagen im Namen von Umweltschutz und Lebensqualität ganz aus den Städten verbannen. Dann werden in Paris, Berlin und vermutlich auch in Manhattan nur noch von Algorithmen gesteuerte, selbstlenkende Dosen herumgeistern, die man mit dem Smartphone herbeiruft und die einen überall hinbringen. Nur stehenbleiben und in ihnen schlafen kann man leider nicht mehr, jedenfalls nicht zu einem Preis, der unter dem eines Hotelzimmers liegt.

Vor Kurzem wurde die Designerin Patrizia Urquiola gefragt, was sie denn, wenn sie auf dem Weg von Zu Hause zur Arbeit in einem selbstlenkenden Auto machen würde. Sie überlegte kurz. Offenbar ging der Interviewer davon aus, dass man im Zukunft immer noch von Zu Hause zur Arbeit fährt und dass diese Arbeit immer noch in irgendwelchen Bürotürmen in einem Stadtzentrum stattfindet, was ja, wenn man die Sache mit der Robotisierung ernst nimmt, gar nicht so selbstverständlich ist. Man könnte sich auch fragen, wohin einen das Roboterauto überhaupt fahren soll, wenn die Leute nicht mehr in Bürotürmen oder Fabriken arbeiten, weil diese Arbeiten von Algorithmen und Maschinen viel besser erledigt werden können, und wenn sie statt in Shoppingmalls im Internet Online-Shopping machen und sich Netflix statt Kinofilme anschauen. Urquiola umging elegant die Frage, warum man in Zukunft überhaupt noch in die Stadt fahren soll, und erklärte, man könne das selbstfahrende, lenkradlose Auto ja zu einem mobilen Gym machen. Schöne neue Roboterwelt: ein Fitnessstudio auf Rädern ... Workout, körperliche Betätigung und gleichzeitig zur Arbeit gleiten ... nicht schlecht. Andererseits kann man beides schon länger in einem Ding haben. Das Ding heißt Fahrrad. Sein Nachfolger als Massentransportmittel, das Auto, wird, wenn es so weitergeht, bald nur noch an abgelegenen Stränden zu finden sein, an Plätzen wie dem Friedhof der glücklichen Straßenkreuzer in Water Mill. Aber was heißt Friedhof.

Noch fahren sie ja, noch ist es nicht zu spät – noch kommt man sogar in die Stadt, bei Nacht, noch sind die Motoren warm.

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