Mit A nach B – der Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio

Text: Niklas Maak

Bevor wir dazu kommen, was mit einem passiert, wenn man dieses rote Auto auf dem Bild nachts im zweiten Gang durch einen Tunnel aus der Stadt heraussteuert und dann immer weiterfährt nach Norden, ans Meer, müssen wir aus gegebenem Anlass generell etwas zum Auto als solchem sagen. Denn seit einiger Zeit tobt um das Auto ein ideologischer Grundsatzstreit, wie man ihn in dieser Heftigkeit und auch Verbohrtheit nur aus den Debatten um das neue Berlin oder um den Umgang mit straffällig gewordenen Migranten kennt.

Auf der einen Seite stehen bei diesem Streit diejenigen, die nicht gern Auto fahren. Beim Einparken, Überholen oder Einfädeln Schweißausbrüche bekommen und für die Autos sowieso bloß Relikte aus den finsteren Tagen der fossil-analogen Hochmoderne sind, in der man die Umwelt noch nach Belieben volldieselte und den Nachbarn mit einer langen Motorhaube beeindrucken konnte. Diese Menschen predigen das Ende des Autos herbei, sie hoffen, dass es bald nur noch von Elektromotoren angetriebene, autonome, von Algorithmen gesteuerte Autos gibt, die kein Lenkrad mehr haben und miteinander kommunizieren, während sie durch die Städte und übers Land sirren. Sie sagen, selber Auto zu fahren sei unsicher, unökologisch und setze asoziale Triebe frei. Diesen Traum vom Ende des Autos teilen nicht alle: Es gibt auch diejenigen, für die ein Auto eines der allergrößten, wenn nicht das größte aller Gesamtkunstwerke ist, in dem Klang und Form und Material auf eine einmalige Weise zusammenkommen und seinen Fahrer so glücklich machen, wie es sonst nur Kunst und Musik können.

Für diese Petrolheads sind die anderen, die nach einem selbststeuernden Auto rufen, das ihnen das Steuer aus der Hand nimmt, Vorreiter einer totalitären Gesellschaft, die jede Idee von Freiheit und Selbstverantwortung aufgegeben hat und die Entscheidungsgewalt zugunsten einer deprimierenden Fetischisierung von Komfort und Sicherheit an Maschinen delegiert. Autohasser, für die ein Auto ein Objekt ist, um von A nach B zu kommen, werden nie verstehen, dass für Petrolheads Autofahren – Gas geben, runterschalten, aus der Kurve rausdriften – so etwas wie tanzen ist, und beim Tanzen geht es ja auch nicht darum, möglichst schnell von einer Ecke des Raums in die andere zu kommen, sondern darum, wie sich das anfühlt, was dazwischen passiert. Womit wir bei dem roten Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio auf dem Bild sind, der die Idee des Autos relativ energisch in Richtung irrationales Gesamtkunstwerk auslegt: Den Motor hat Ferrari entwickelt, dazu gibt es, wie früher bei Alfa, Heckantrieb, dazu Carbonbremsen, eine aktive Drehmomentverteilung und 510 Biturbo-PS, die den Wagen in 3,9 Sekunden auf Hundert katapultieren. Ja, braucht man alles nicht. Man braucht auch keine Kunst – aber es ist umwerfend, vor allem wegen des Klangs: Man hat das Gefühl, dass statt eines Motors unter der Fronthaube ein italienisches Opernhaus mit 510 Tenören und ein Mailänder Sommergewitter und eine Wolke aus Marmorstaub aus Michelangelos Atelier verbaut wurden. Wer dieser Melodie nichts abgewinnen kann, hat keine Ohren oder kein Herz. Schon der Klang eines klassischen Alfa-Romeo-Doppelnocker-Motors war italienisches Kulturgut und sollte zum Weltkulturerbe zählen – kein Wunder, dass nicht nur Dustin Hoffman in The Graduate einen Alfa fährt, sondern auch Sophia Loren einen Alfa 2600 hatte und Carl Palmer von Emerson Lake & Palmer einen GTV und John Lennon einen 2600 Sprint. Ja: Es ist Quatsch, egal mit welchem Auto, jeden Morgen in einen stundenlangen Pendlerstau zu fahren, und es ist umweltschädlich. Aber dafür war das Auto auch nie gedacht, dafür gab und gibt es Züge und Fahrräder. Das Auto wurde erfunden, um Menschen zu ermutigen, Dinge zu tun, die sie sonst nicht getan hätten, die aber ihrem Leben eine Wendung zum Besseren geben würden. Ein Gerät für den beglückenden Ausnahmefall.

Wenn man zum Beispiel in Berlin auf einer sehr, sehr langweiligen Party steht und am liebsten aus dem Fenster springen würde, um weiteren langweiligen Gesprächen zu entkommen, und dort unten steht nicht irgendein freudloser Skoda, sondern eine Giulia, und von der hat man zum Glück auch noch die Schlüssel: Dann geht man runter und fährt einfach mitten in der Nacht los. Durch einen Tunnel in Berlin auf die Autobahn. Nach Italien? Dann macht man auf der Autobahn ein Spiel: Was wäre dieses Auto, von seiner Form her, wenn es ein modernes Gebäude wäre? Antwort: Gar nicht mal Terragni, Piacentini, Gio Ponti, nichts Italienisches, eher skandinavischer Brutalismus – Jørn Utzon, dänische Moderne. Also der spontane Beschluss: Wir fahren sofort genau dorthin, nach Dänemark, nach Herning, wo, mitten auf dem Land, Jørn Utzon, der Architekt der Oper von Sydney, 1976 ein Showhouse baute, das zeigen sollte, wie eine Schule für Textilkunst und Design an dieser Stelle aussehen könnte. Bald findet dort in einem Museum, das Steven Holl in Herning baute, als Teil der Kulturhauptstadt Aarhus die von Daniel Birnbaum und Tijs Visser kuratierte Kunst- und Architektur-Biennale Socle du Monde statt. Weil dann aber das Wetter in Herning auch nicht umwerfend war, fuhren wir noch weiter nach Norden. Der Motor klang, als dröhne hinter uns ein Schwarm von Tenorsaxofonen, die digitalen Zahlen des Tachos führten ein unterhaltsames Ballett im Armaturenbrett auf, draußen flogen Kühe, Windräder, Raps und Dänen an den Seitenscheiben vorbei – so kamen wir zum brutalistischen Rathaus von Hirtshals, das die zu Unrecht unbekannten Architekten Niels Jørgen Dam und Kjeld Dirckinck-Holmfeld 1971 entwarfen. Dort, am Nordmeer, schien am Morgen die Sonne, und der Strand war leer und der Kaffee sehr warm, und der Motor knisterte – und ohne den Alfa, in einer vor sich hinsirrenden autonomen Transportbox, hätten wir nie Niels Jørgen Dam und Kjeld Dirckinck-Holmfeld kennengelernt und säßen immer noch auf einer sehr langweiligen Party statt mit Kaffee am Meer. Deshalb sind Autos so wichtig. Jedenfalls solche wie der Alfa.

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