Mit A nach B – die letzte Kuppel Italiens

Text: Niklas Maak

Der Mann am Mietwagenschalter in Pisa schaute mich erst überrascht, dann misstrauisch an.

-„Sie können den neuen Polo haben“, sagt er. „Oder einen Seat! Den Ibizia. Ganz neu. 
Oder – ich kann sie upgraden auf einen Skoda.“

„Ich will keinen Skoda“, sage ich, „da laufe ich lieber. Ich hätte gern den Wagen da.“

„Den Lancia? Der ist eine Klasse drunter. Sie haben das Recht, einen Polo zu fahren.“

„Ich will aber den Lancia.“

Der Mann drehte sich Hilfe suchend um, aber es war niemand außer uns da. Also gab er mir die Schlüssel für den Lancia Y, zögernd, als müsse er mich eigentlich vor dem Auto 
bewahren.

Jemandem, dem Autos egal sind, musste der Lancia Y erscheinen wie ein aufgeblähter Fiat 500, dem man ein silbernes Wappen auf die Nase gedrückt hatte, was andererseits gar nicht so falsch ist, denn Lancia gehört zu Fiat. Und schon der erste Lancia Y basierte auf einem Fiat, er war gewissermaßen die schickere Variante des Fiat Uno: noch eckiger, kürzer und mit Alcantara ausgeschlagen – was ein schüchterner Verweis war auf die glorreiche Geschichte der Automarke Lancia, die bald zu Ende geht. Außerhalb von Italien wird die Marke Lancia nicht mehr vertrieben, nur in Italien gibt es noch den Kleinwagen Y, der sich dort aber erstaunlicherweise rasend gut verkauft. Er ist das zweitmeist verkaufte Auto in Italien, gleich nach dem Fiat Panda und weit vor dem Fiat 500 und Polo und Golf. Nicht jeder Italiener liebt es, wie der Mann am Mietwagenschalter bewies, aber doch genügend, um die Marke am Leben zu halten. Was ist das Geheimnis dieses Autos, das sich nirgendwo verkaufte, aber so gut wie fast sonst nichts in Italien? Es hat wohl auch etwas mit der Geschichte von Lancia zu tun, die 1906 von Vincenzo Lancia gegründet wurde. Er baute das erste Auto mit beleuchteten Instrumenten, den ersten Wagen mit Einzelradaufhängung, den ersten Wagen mit selbsttragender Karosserie. Lancia war teuer, aber anders als Alfa Romeo nicht extrovertiert und röhrend, sondern edel, lautlos, dunkel und mit dem Nerz nach innen auftretend. Lancia war „alta borghesia“: der Wagen, der in den Kiesauffahrten von Palladio-Villen und Landsitzen parkte, das Auto der Mailänder Anwälte, der römischen Minister und Bauunternehmer. Einer von ihnen, Cavaliere Carlo 
Pesenti, hatte 1955 die marode Firma von der Familie des Firmengründers und Rennfahrers Vincenzo Lancia gekauft und gleich einmal eine angemessene Luxuslimousine mit damals exzentrischem V6-Motor bauen lassen, die Flaminia, die teurer als ein Jaguar oder eine S-Klasse war, aber dafür mit technischen Spielereien vollgestopft: Es gab, verborgen hinter einer dezenten Pininfarina-Karosserie, ein Heckscheibenwischsystem mit je zwei Wischblättern innen und außen sowie ein Druckluftaggregat, das nur zum Öffnen des dritten Seitenfensters diente. Die Hupe konnte man von laut auf leise schalten. Solche technischen Basteleien haben, weil sie nicht immer funktionierten, Lancia später den Ruf gekostet. Die Marke wurde 1969 verkauft, wenig später waren die Wagen nur noch Edelversionen von Fiat, zuletzt hatte man sogar hässlichen Chrysler-Modellen das Wappen mit der Lanze („Lancia“) auf die Nase geklebt, alles ohne Erfolg. Nur der Y hielt sich, seit es ihn gab, in den Herzen der Italiener.

Meiner war rund wie eine Betonkugel und hatte auch eine betonartige Farbe, was gut zu meinem Fahrtziel passte; ich war auf dem Weg nach Arezzo, wo ich Dante Bini treffen wollte, den Architekten des berühmten Ferienhauses von Monica Vitti und Michelangelo Antonioni auf Sardinien, einer sogenannten Binishell – es gab kein Auto, das so sehr aussah wie diese Architektur.

Die Geschichte der Binishells beginnt in den Bergen, in Cortina d’Ampezzo, wo der junge Architekt und Erfinder Dante Bini Ende der Sechzigerjahre einen Skiwettbewerb gewinnt. Die Siegertrophäe wird ihm von der Schauspielerin Monica Vitti überreicht. Bini, geboren 1932 in Castelfranco Emilia, hatte zu diesem Zeitpunkt einen preisgekrönten Faltkarton zum Tragen von Weinflaschen entworfen und ein Patent für die sogenannte Binishell angemeldet – eine Bautechnik, bei der ein hausgroßer Gummiballon mit einem Stahlgerüst bedeckt, mit Beton bespritzt und dann aufgeblasen wird, sodass die Konstruktion sich langsam anhebt. Nach ein paar Tagen, wenn der Beton ausgehärtet ist, wird der Ballon herausgezogen; anschließend werden Türen und Fenster in die so entstandene Kuppel eingeschnitten.

Vittis Lebensgefährte, der Filmemacher Michelangelo 
Antonioni, hatte damals auf Sardinien ein Grundstück gekauft und suchte einen Architekten. Bini entwarf eine poröse Betonschale, die in ein Dickicht aus Ginster, Zistrosen, 
Olivenbäumen und Pinien einsank. Die Betonschale sah aus wie eine Mischung aus einem versunkenen boulléeschen Revolutions-Kenotaphen und einem Labor für Experimente mit einem seltenen, komplizierten Gas, das schnell zu entweichen droht, oder eigenartigen magnetischen Kräften – und in gewisser Weise war sie auch genau das. Wenn man den Bau betritt, der von außen fast abschreckend einfach wirkt, gerät man in ein erstaunliches Labyrinth aus Innen- und Außenräumen: Die Kuppel ist oben offen wie das Pantheon in Rom, durch den Innenhof darunter winden sich verdrehte Treppen, die auf Terrassen und Podeste führen; das Innerste des Hauses ist zugleich wieder außen. In die Schale wurden Ideen für zwei oder drei Häuser hineingebastelt, was auch daran liegen kann, dass dieses Haus gleichzeitig von einem Architekten und von einem Regisseur erbaut wurde, deren Ideen und Raumvorstellungen im Bau ständig aufeinanderkrachen, sich überlagern und verwirren; es kollidieren dort sozusagen eine architektonische und eine cineastische Idee von Erzählung und Raum.

Das Herzstück dieses Baus ist die frei schwebende Treppe ohne Geländer, gebaut aus rohen, in die runde Innenwand gerammten Felsbrocken, über die man hinunterbalancieren muss wie draußen zur Bucht, nur dass diese Treppe vielleicht noch etwas gefährlicher ist – und genau das sollte sie sein: ein Monument der Gefahr und der Schönheit, das Konzentration, physische Körperspannung und Wachheit erfordert.

Bini verschwand bald wieder von Sardinien, nicht ohne auf der Isola dei Cappuccini vor der sardischen Küste noch sieben weitere Binishells zu hinterlassen. Mittlerweile hat er 1.600 Bauten errichtet, darunter viele Schulen und Einkaufszentren in Australien und Amerika, wo er 1989 das erdbebensichere Billigbausystem Pak-Home erfand und eine ökologisch nachhaltige Stadt für eine Million Einwohner entwarf, die statt in Autos oder Bussen auf solarstrombetriebenen Laufbändern durch die Gegend befördert werden.

Als ich in Arezzo ankam, parkte ich den Lancia auf dem Kies vor Dante Binis Haus. Privat bewohnt der zwischen Los Angeles und Arezzo pendelnde Architekt dort keine Betonschale, sondern einen alten Palast: Er schlendert wie ein jovialer Fürst die große Treppe herunter, die Zypressen biegen sich vornehm im Wind, und so gesehen passt mein kleiner, ungeliebter Mietwagen mit seinem stolzen Chromwappen auf der Nase doch wieder ganz gut ins Bild.

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