Mit A nach B – mit dem Mobius durch die afrikanische wildnis

Text: Niklas Maak, 20.10.2018

Mit dem ersten afrikanischen Geländewagen, dem Mobius, durch die Wildnis zum  Kenyatta Kongresszentrum, dem schönsten Gebäude in Nairobi.

Wir bleiben dabei, dass das SUV die unsinnigste Erfindung in der an Unsinn nicht armen Geschichte des Automobils ist. Das SUV ist schwer, hässlich, gefährlich für alle normalen Autos, deren Fahrer sich auf Stoßstangenhöhe des SUV befinden, und gefährlich auch für SUV-Fahrer, nicht umsonst steht in jedem amerikanischen Miet-SUV die Warnung „Higher Roll-over-Risk“.

SUVs zeugen von einem wahlweise bräsigen oder ängstlichen Verhältnis des Fahrers zur Welt: Er kauft ein SUV, weil er es bequem haben und sich nicht die Mühe machen will, sich beim Einsteigen leicht nach unten zu beugen – dafür muss er dann nachher mehr Übungen bei der Reha machen. Er glaubt, auf einer Straße, auf der drei Blätter liegen, könne man ohne Allradantrieb nicht durchkommen. Er glaubt, dass man die anderen Verkehrsteilnehmer besser mit einer rollen- den Stahlfaust einschüchtert, wenn man sicher durch die Stadt kommen will, und dass man dafür einen höheren Verbrauch in Kauf nehmen muss. Wer sich selbst der Welt als faul, ängstlich oder asozial vorstellen möchte, muss sich nur einen neuen Audi Q8 vor die Tür stellen, ein psychotisches Auto, das auf bewundernswert entschlossene Art und Weise die Nachteile eines Geländewagens im Straßenverkehr (schwer, unübersichtlich) mit denen eines normalen Autos im  Offroad-Einsatz (versinkt auf dem matschigen Acker dank breiter Sportreifen) vereint. 

All das heißt nicht, dass es nicht Gegenden in der Welt gäbe, in denen es sinnvoll ist, ein wirklich robustes Auto mit Stollenreifen und größerer Bodenfreiheit zu fahren. Zu diesen Gegenden der Welt gehören große Teile Ostafrikas – und genau dort kann sich kaum einer ein SUV oder einen Land Rover leisten. Stattdessen werden schiffslieferungsweise all die klapperigen Mittelklasse-Toyotas mit gigantischen Laufleistungen, die in Europa und Japan niemand mehr haben will, nach Mombasa verschifft und dort für nicht wenig Geld – um die 10.000 Dollar – verkauft und von den Kenianern über matschige Pisten und durch tiefe Schlaglöcher gesteuert, wo sie nicht selten komplett auseinanderfallen. 

Diese Situation erlebte auch ein junger Informatiker namens Joel Jackson, als er als junger Mann für ein Jahr nach Afrika ging, um irgendwas Gutes zu tun; nach ein paar Wochen in denkbar ungeeigneten, scheppernden Mittelklasselimousinen auf Pisten, die in der Regenzeit eher Flüssen ähneln, kam ihm eine Idee, für die er in der Forbes-30-unter-30-Liste und von Wired als Visionär gefeiert wurde und die ihn zu einer Art Elon Musk von Afrika werden ließ. Er beschloss, anders als dieser, kein Elektroauto zu bauen, das sich nur die Upper Crust von Ökohipstern in den Metropolen der Ersten Welt leisten kann, sondern ein Auto für alle, entwickelt in Afrika mit internationalen und kenianischen Ingenieuren. Ein Auto, das zum gleichen Preis eines zehn Jahre alten abgerockten Honda alles bietet, was die in Afrika verklappten rollenden Müllhalden der Industrienationen nicht haben: Einen zuverlässigen neuen Motor, starke Achsen, eine Ladefläche, auf der man acht Kinder, sechs Klimaanlagen, eine Kuh oder einen Strohballen transportieren kann und eine Bodenfreiheit, die einen auch durch die unschönsten Wasserlöcher kommen lässt. Geld kam unter anderem von der amerikanischen Lauder-Familie, die ein Kosmetikimperium besitzt, und mittlerweile arbeitet die Firma schon an einem zweiten Modell. Der erste Mobius, der erste afrikanische Geländewagen, sieht aus wie das Ergebnis einer Wette darum, was man an einem alten Land Rover alles weglassen kann. Er hat alles, was die Jeeps und Land Rover und Mercedes-G-Klassen mittlerweile verloren haben: ihren Minimalismus, das Leichte, das Werkzeughafte, das radikal Abgespeckte. Der Mobius wiegt nur 1.200 Kilo, hat einen stabilen Leiterrahmen, eine mattschwarze Karosserie und eine Plane gegen den Regen. 

Wir fahren den Mobius durch den Stadtverkehr von Nairobi. Die Leute staunen. Der Wagen ist offen, wir fühlen uns aber nicht unsicher, im Gegenteil: Wer offen fährt, zeigt, dass bei ihm nichts zu holen ist. Der Wind weht warm von Süden und mischt sich unter den Gestank der blauen Abgaswolken, in denen die bunt bemalten Matatu-Busse verschwinden. Hinter dem Southern Bypass hört die Stadt schlagartig auf, eine rote Piste führt in den Nationalpark, der Renault-Motor brummt beruhigend, die Sonne brennt an dem Stoffverdeck vorbei auf den rechten Arm, der über eine kleine Klapptür ins Freie hängt. Das Lenkrad ähnelt dem eines Sportwagens, der Schwerpunkt des Autos ist tiefer als bei anderen SUVs, weshalb es schärfer um die Ecken geht. Wir fahren an Giraffen vorbei, die Zebras führen ihr Op-Art-Ballett auf, die Büffel schütteln ihre Hörner, vor denen jeder SUV-Kühlergrill erblassen muss, zwei Löwen dösen vor der im Dunst versinkenden Skyline von Nairobi im hohen Gras und heben erstaunt den Kopf: Da kommt was, das kann noch besser knurren als sie. Würde man jetzt immer weiter nach Süden fahren, käme man in die Dörfer, in denen sich noch heute kaum jemand ein Auto leisten kann. Um sie zu entwickeln und damit nicht alle in die ohnehin schon überfüllten Metropolen wie Nairobi drängen, wurde in Kenia viel unternommen. Das Bezahlsystem M-Pesa, mit dem man per Handy Geld überweisen kann, hat für einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt und setzt sogar die etablierten Banken unter Druck, die immer behaupteten, es gäbe überhaupt keine Möglichkeit, in den armen Dörfern der Provinz ein funktionierendes Banksystem aufzubauen. Die Chinesen haben einen neuen Schnellzug von Mombaza nach Nairobi gebaut, in dem das Ticket nicht mal zehn Dollar kostet. An der Bahnlinie siedeln sich in vergessenen Kleinstädten wie Voi plötzlich Start-ups wie Sote Hub an, der erste in ländlichen Gebieten operierende Business-Inkubator Kenias, und sogar die Bauern im Westen des Landes arbeiten mittlerweile mit Drohnen und Mobiltelefon-Apps, die über Trockenphasen und Effizienzsteigerungsmöglichkeiten informieren und so laut der Organisation Precision Agriculture for Development (PAD) zu erheblichen Ertragsverbesserungen führen. Vielleicht wird bald, nach einer Phase der Urbanisierung Afrikas nach westlichem Modell, in dem die Stadt für den Fortschritt steht und das Land immer noch als das Reich der Vergessenen (arbeitslose Männer, Rentner), der Vergangenheit (Landromantik) und der Desaster (Trump, Brexit, AfD-Wähler) angesehen wird, eine afrikanische Avantgarde das Gegenmodell vorstellen: die „Villagization“, das Gegenmodell zur One-Way-Urbanisation, die Entwicklung von Zukunftsperspektiven auch in den Dörfern, auf dem Land. Das Auto dafür ist jedenfalls schon da. Der Mobius rumpelt durch ausgewaschene Flussbetten, über sandige Pisten und Felsblöcke, die den Unterboden von 90 Prozent aller SUVs vernichtet hätten, und hüpft schließlich aus dem Gras, durch das wir abkürzen, um einem Bullen nicht sein Nickerchen zu zerhupen, auf die Piste, die zurück ins Stadtzentrum führt.

Als wir ankommen, ist es schon dunkel. Wir stellen den beruhigend knisternden Mobius am Straßenrand ab und gehen zum Kenyatta Konferenzzentrum, einem der schönsten modernistischen Gebäude Afrikas. Es besteht aus einem runden, über einhundert Meter hohen Turm mit Drehrestaurant und Heliport auf dem Dach sowie einem brutalistischen Kongress- zentrum, das aus der Ferne ein wenig wie eine gigantisch vergrößerte kenianische Superhütte aussieht. Entworfen wurde es Ende der Sechzigerjahre als Symbol für das neue Selbstbewusstsein der Ex-Kolonie Kenia von dem unterschätzten norwegischen Betonmodernisten Karl Henrik Nöstvik (1925–1992) zusammen mit jungen kenianischen Architekten; und entsprechend überzeugend verbindet es die Aufbruchsästhetik der internationalen Mid-Century-Moderne mit traditionellen Formen. Als Zugabe imitiert der rauhe Beton die Oberflächen der alten Lehmhütten. Und in gewisser Weise ist der Mobius in dem gleichen Geist gebaut: Auch er verbindet das technische Know-how der westlichen Industrienationen mit afrikanischem Erfindungsreichtum zu einer von allem Komfortschrott befreiten, wilderen, offeneren Form. Man könnte neidisch werden auf die Kenianer, dass sie mit so einem Gerät durch die warme Nachtluft über die Ngong Road brettern dürfen, während wir eingekeilt zwischen vollklimatisierten, durchgelederten, mit Assistenzsystemen vollgestopften SUVs mit unserem Elektroroller im morgendlichen Pendlerstau festsitzen. Ein Verkauf des Mobius in Europa, sagt ein Sprecher des Unternehmens, sei nicht vorgesehen. Wenn jemand vorhat, nach Afrika auszuwandern, hat er jetzt noch einen Grund mehr, es zu tun.

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