Mit der Hand gedacht

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Text: Jasmin Jouhar


Achtung, gleich wird es analog. Wer nichts übrig hat für eine nostalgische Beschwörung des Vor-Digitalen-Zeitalters, der sollte besser nicht weiterlesen und auf seinem iPad, Smartphone oder Notebook zum nächsten Text klicken. Weil es hier nämlich darum geht, mal wieder mit einem Unplugged-Eingabegerät offline auf Papier zu schreiben. Denn – und an dieser Stelle muss der für einen Früher-war-alles-besser-Artikel notwendige Stoßseufzer kommen – wann nehmen wir noch all die Bleistifte, Kulis oder Füller in unseren Schubladen in die Hand? Wir können doch nur noch tippen, posten, mailen und simsen.



Dabei täte uns ein bisschen mehr analoges Schreiben ganz gut. Denn es macht kreativ. Während das Tippen auf der Tastatur für das Gehirn ein relativ simpler Vorgang ist, verlangt das händische Schreiben weit mehr von uns. Dabei arbeiten mehrere Hirnareale zusammen, etwa die für Motorik und visuelle Wahrnehmung zuständigen Bereiche. Wir können nicht darauflos tippen und im Zweifelsfall wieder löschen, sondern müssen uns vorher überlegen, was wir zu Papier bringen wollen. All diese Prozesse laufen kaum bewusst ab, aber sie fordern uns und befördern das Denken. Deswegen lernen Kinder in der Schule das Schreiben weiterhin mit der Hand: Denn ihr Gehirn verknüpft beim Üben die Buchstaben und Worte mit der jeweiligen Handbewegung, es „fühlt“ das Geschriebene. So können sich die Anfänger beispielsweise das Alphabet besser merken. Beim Lesen wiederum ruft das Gehirn die gespeicherte Schreibbewegung ab, es schreibt sozusagen mit.

Besser im Fluss als gehackt

Eine kurze Umfrage in der Redaktion scheint die intellektuelle Bedeutung des händischen Schreibens zu belegen: Zumindest ihre Notizen, Gedächtnisstützen und Konzepte verfassen die Kolleginnen und Kollegen lieber mit der Hand. Dabei lassen sich offenbar Gedankengänge besser entwickeln, Einfälle scheinen gleichsam aus der Feder zu fließen. Vielleicht entwickeln wir ein körperlicheres, sinnlicheres Verhältnis zu unseren Worten, indem wir ihre Formen „nachmalen“. Den eigentlichen Text hacken dann aber alle mit der Tastatur in den Rechner. Einige Journalisten, die schon vor dem Einzug des Computers in die Redaktionsräume ihren Beruf erlernt haben, können allerdings bis heute einen Artikel erst dann beginnen, wenn er auf dem Papier beziehungsweise im Kopf praktisch fertig ist. Eine Nachwirkung der Arbeit mit der Schreibmaschine, die Fehler nicht so leicht verzeiht. Und an den Unis beklagen sich Professoren, dass die Digitalisierung der Studentenschaft zu immer längeren und nicht unbedingt besser strukturierten Arbeiten geführt habe. Copy and paste sei dank.

Hegen und pflegen

Das Schreiben mit der Hand macht also kreativ und diszipliniert. Aber nicht nur das, die Handschrift ist bekanntlich auch Ausdruck unserer Individualität. Von krakelig-nachlässig über zackig-forsch bis hin zu geschwungen-verträumt kann der Graphologe vermutlich so ziemlich jeden Charakterzug aus handschriftlichen Aufzeichnungen herauslesen. Allerdings will die Handschrift entwickelt und gepflegt werden. Während Schreibanfänger in der Schule sich noch abmühen, dem vorgegebenen Schriftbild nachzueifern, übertreffen sich vor allem weibliche Heranwachsende gegenseitig mit flamboyanten Ausformungen ihrer Initialen – und erproben dabei gleichzeitig, wie sie sich selbst darstellen wollen. Und beim Unterzeichnen eines Kaufvertrags oder auch nur des EC-Belegs macht es sich besser, wenn der Name ausdrucksvoll zu Papier gebracht wird – die Signatur ist wie eine Visitenkarte. Auch wenn Sie den ganzen Tag nur in die Tasten hauen, ist es doch ratsam, wenigsten die Unterschrift zu kultivieren.

Stilvoller korrespondieren

Bei seiner privaten Post freut sich wahrscheinlich jeder, wenn eine handgeschriebene Urlaubspostkarte zwischen den Rechnungen steckt. Man spürt, dass man damit selbst gemeint ist. Und honoriert unwillkürlich den Aufwand, den es kostet, die Karte zu besorgen, leserlich zu beschriften und ausreichend frankiert zur Post zu bringen – zumal im Ausland. Doch auch in der Geschäftswelt gibt es neben der Unterschrift noch mehr Gelegenheiten, bei denen Handgeschriebenes angemessener und stilvoller ist. Bei Briefen an gute Geschäftspartner wirken die selbstgeschriebene Anrede und Grußformel persönlicher. Auch die Mühe eines komplett handschriftlich verfassten Briefes kann sich bei wichtigen Angelegenheiten lohnen. Heikle Schriftstücke wie Kondolenzschreiben oder Absagen erscheinen glaubwürdiger, wenn sie nicht der Drucker ausgespuckt hat. Und manchmal geht es einfach schneller, wenn man zum Stift greift statt in die Tasten: Faxdeckblätter, Vermerke und ähnliches braucht keiner elektronisch zu verfassen.

Protzkuli oder Meisterstück?

Doch nicht nur die Art und Weise des Schreibens und die Handschrift selbst bergen Potenzial für Distinktionsgewinn. Auch die notwendigen Gerätschaften können als Vehikel dienen, um guten Geschmack und/oder Finanzkraft zu demonstrieren. Etwa wenn aus der Hemdtasche der stilisierte Stern von Montblancs Meisterstück blitzt. Neben anderen Accessoires wie Armbanduhren, Mobiltelefonen, Manschettenknöpfen oder Sonnenbrillen weist der richtige Füllfederhalter seinen Benutzer als Mann von Welt aus. Oder als stillosen Emporkömmling, der zur Vertragsunterzeichnung statt zum dezenten silbernen oder schwarzen Stift zum diamantenbesetzten Protzkuli greift. Die Hersteller von Luxusfüllern wie Caran d’Ache, Waterman, Visconti oder eben Montblanc haben so einige hochpreisige Geschmacklosigkeiten im Programm. Übrigens auch für die Dame – dann gerne mit weiblich geschwungener Silhouette.

Die Design-Alternative

Rettung bietet hier wie so oft die Gestaltung: Also ein paar hundert Euro sparen und beispielsweise zu den Produkten des deutschen Herstellers Lamy greifen. Zwar sind Pico, Lamy 2000 oder die Modelle der Dialog-Reihe auch nicht gerade billig, aber sie bieten Schreibkomfort in einer ansehnlichen Hülle. Die deutsche Traditionsfirma Kaweco verkauft schöne Füllfederhalter mit altmodischer Anmutung. Der Schulfüller-Klassiker Pelikano wird in diesem Jahr fünfzig – leider hat Pelikan durch diverse Redesigns in den vergangenen Jahren die Schreiblernhilfe vieler Schülerjahrgänge bis zur Unkennlichkeit verunstaltet. Neu auf dem Markt ist eine Schreibgeräte-Serie des langjährigen Braun-Designers Dietrich Lubs, die Dietrich Pens. Produziert werden sie von dem japanischen Unternehmen Düller. Überhaupt sind Stifte aus Japan eine Alternative – wenn man sie denn hierzulande bekommt. Zum Beispiel von Ohto, Tombow oder eben Düller.

Das Angenehme mit dem Schönen verbinden

Aber das wundervollste Schreibgerät von allen besitzt ohnehin garantiert jeder von uns: den Bleistift. Er ist überall erhältlich, günstig, elegant, universell einsetzbar und macht eine schöne, fast kalligrafische Handschrift. Aber unbedingt ein weiches Exemplar nehmen, etwa mit den Härtegraden B oder 2B. Mit den harten kratzt man nur unschön rum. Denn das ist schließlich das Wichtigste beim händischen Schreiben: dass eine haptisch angenehme Tätigkeit zu einem ästhetisch ansprechenden Ergebnis führt. Fühlt sich gut an, sieht gut aus.
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Haeberli