Moden von Gestern: Cord

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Text: Anne Waak, Foto: © Prada, 19.12.2018

Kurz nachdem Samt seine Renaissance als Stoff der Saison erlebt hat, wird ein anderes Material wiederentdeckt, das gemeinhin mit den Siebzigerjahren assoziiert wird.

Cord, ein Baumwollgewebe mit samtartigen Längsrippen, hat keinen guten Ruf. Er gilt als nerdigster aller Textilien. Eine ganze Generation hat ihn in den Farben Senf, Rost und Schlamm in schlechter Kindheitserinnerung.

Entwickelt hat sich Cord aus dem heute seltenen Barchent, einer einseitig aufgerauten Mischung aus Baumwolle und Leinen. Seit 200 v. Chr. wurde er in der ägyptischen Stadt Fustat hergestellt, woraus sich sein englischer Name  „fustian“ ableitet. Von Afrika aus kam Barchent nach Europa, wo Baumwolle noch selten war. Ab dem 14. Jahrhundert gelangte er von Spanien aus über Venedig nach Mitteleuropa, wo er das Leinen verdrängte. Städte wie Konstanz, Ulm und Augsburg verdankten ihren Reichtum den Baumwollspinnereien und -webereien, die ab 1320 überall entstanden.

Weil Barchent oft als Futterstoff verwendet wurde, hat das Wort „fustian“ seit den Zeiten Shakespeares auch die Bedeutung von „überflüssig“, „pompös“ oder „schwülstig“. König Heinrich VIII. bevorzugte die teure neapolitanische Version des Stoffes und trug so zu seiner elitären Anmutung bei.

Um diese Zeit begann sich gerippter Barchent durchzusetzen, der dem heutigen Cord gleicht. Den europäischen Adeligen diente der weiche, aber strapazierfähige und leicht zu reinigende Cord als Sportkleidung, ihre Angestellten trugen Dienstkleidung aus dem Stoff, aus weißem Cord wurden die Kleider der Damen gefertigt. Im 18. Jahrhundert ist er die erste Wahl für Militär- und Reitkleidung, aber auch bei den Ständen, die mit Tinte umgehen – wie Schreibkräfte und Schuldirektoren. Möglicherweise ist das der Grund, warum Cordjacketts bis heute als Kleidung von Geografielehrern und anderen Sonderlingen gelten.

England wurde wichtigstes Zentrum der Produktion, was sich unter anderem darin zeigt, dass Cord hier auch Manchester heißt, nach der Stadt, in der er produziert wurde. Die Gegend um den Ort Hebden Bridge wurde eine Zeit lang auch Fustianopolis genannt. Das Aufschneiden der Oberfläche, durch das die samtige Struktur erst entsteht, bedurfte eines speziellen Messers und einer ruhigen Hand. In einer 60-Stunden-Woche musste ein „fustian cutter“ mehr als 450 Meter Cord schneiden. Übernahmen Kinder diese Arbeit, wuchsen sie durch die einseitige Belastung oft mit einer höheren und einer niedrigeren Schulter heran.

Im späten 18. Jahrhundert taufte eine englische Marketingkampagne den Stoff in Corduroy um – ein Name, der sich von „corde du roi“ ableitet: der Cord des Königs. Viel half es nicht: Das Material wurde zum bevorzugten Stoff für Handwerker- und Arbeiterkleidung, sichtbar bis heute bei den Westen und Hosen von Zimmerleuten. Als „Samt des armen Mannes“ wurde Cord zum Stoff mit klarer Klassenzugehörigkeit, bevor er in den Siebzigerjahren seine vorletzte Konjunktur erlebte. Cord gilt heute als der Stoff der empfindsameren, oft ein wenig komplizierten, intellektuellen Seelen: Woody Allen und Wes Anderson sind genauso berühmte Cord-Träger, wie Frank Lloyd Wright und Walt Whitman es waren. In diesem Herbst haben es sich Labels wie Prada, Dior Homme und Marc Jacobs zur Aufgabe gemacht, dem anschmiegsamen Cord seine Würde zurückzugeben.

„Wird auch langsam Zeit.“



Titelbild: Cordhose und Jacke von Prada. Foto: Courtesy of Prada

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