Moden von Gestern: Der Lendenschurz

2
Text: Anne Waak, Foto: © Gucci, 24.12.2018

Eines der erfolgreichsten Modelabels des vergangenen Jahres (und des Jahres davor und dessen davor auch) war Gucci. Seit der Designer Alessandro Michele den Laden übernommen hat, steigen die Umsätze verlässlich und rekordverdächtig, im vierten Quartal 2017 waren es ganze 45 Prozent. Der französische Luxuskonzern Kering, zu dem Gucci gehört, verzeichnete damit sein profitabelstes Jahr überhaupt. Wenn einer also den Zeitgeist zu lesen und für sich zu nutzen weiß, dann ist das Michele.

Für den kommenden Frühling und Sommer empfiehlt der 46-jährige Italiener dem sich als Männer identifizierenden Teil seiner Fan-Schar (aber so genau nimmt Michele es nicht mit den Geschlechtergrenzen, Stichwort „Gender Fluidity“) Lendenschurze in verschiedenen Ausführungen: aus mit Kristallen besetzter weißer Seide oder schwarzem Leder mit aufgesetzten Nieten. „Es war“, schrieb Vogue.com „bislang Micheles sexuell geladenste Kollektion“.

Der Lendenschurz also. Reclams vorzügliches Mode- und Kostümlexikon von 1987, das ich für diese Kolumne immer wieder zu Rate gezogen habe, widmet dem „Schurz“ fast zwei Absätze. Der Name leitet sich vom althochdeutschen Wort „scurz“ für abgeschnitten oder kurz ab, es handele sich bei diesem Objekt, das „zum Schutz der Schamteile“ um die Hüften geschlungen wird, um eines der ältesten Kleidungsstücke überhaupt. In der späten Altsteinzeit, also um etwa 20.000 v. Chr., und damit lange, bevor der Mensch überhaupt sesshaft wurde, bestand der Schurz aus Fellen oder Flechtwerk, im ägyptischen Altertum handelte es sich bei ihm schon um ein dünnes, meist fein gefälteltes Leinentuch, das Männer aller Stände als Hauptbekleidungssstück trugen. Lediglich beim König und den Priestern war es mit farbigen Bordüren und Goldfäden durchwirkt. In der griechischen Antike trugen Athleten, wenn sie nicht gleich nackt herumturnten, ein durch die Beine geführtes und an der Hüfte geknotetes Tuch. Heute, so informiert uns das Lexikon, existiert der Schurz „meist in Form eines an einer Schnur befestigten Schamtuchs, (als) einziges Kleidungsstück bestimmter Naturvölker“. Im November dieses Jahres wurde der südafrikanische Kulturaktivist Thando Mahlangu, 34, der sich in Johannesburg nur mit dem Kopfschmuck und dem Lendenschurz der Ndebele-Volksgruppe bekleidet auf dem Weg zu einem Geschäftstreffen befand, vom Sicherheitspersonal des öffentlichen Fernverkehrs vom Bahnsteig geworfen und angeblich sogar verprügelt. Merke: Wer heute noch einen Lendenschurz trägt, lebt gefährlich.

Guccis aufgeglamte Schamkapseln erinnern an die lange Historie das Kleidungsstückes. Zufällig feiert aber auch gerade ein anderes, ganz ähnliches Accessoire sein Streetwear- und Laufsteg-Revival: die lange verlachte Gürteltasche, die heute statt aus neonfarbenem Nylon aus schwarzem Leder gearbeitet ist. Auch wird sie nicht mehr zwangsläufig vorm Schritt hängend getragen, sondern meist lässig um die Schulter geschlungen. Eine andere, quasi ewige Referenz des Lendenschurzes und -schutzes ist selbstverständlich der gepolsterte Mittelteil der Ausgehuniform der gewalttätigen Gang um Alex DeLarge in Stanley Kubricks A Clockwork Orange von 1971.

Sex und Gewalt im Jahr 2018 – hat da jemand #Metoo geflüstert? Kaum eine andere gesellschaftliche Bewegung hat zuletzt in großen Teilen der Welt zu mehr Verwerfungen geführt; sie wird uns (hoffentlich) noch auf Jahre beschäftigen. Alessandro Michele interpretiert den Komplex lustvoll und spielerisch und den Lendenschurz als etwas, das immer gleichzeitig verdeckt und genauso vehement auf das zu Verdeckende hinweist.

Die Kollektion ist, wie bei ihm üblich, eine wilde Mischung aus Materialien, Stilen und Verweisen: Siebziger und Achziger, Disco und Gayclub, Kreischpink zu Tiefrot, lila Pailletten, Federboas, bibogelbe Rüschen, Animalprints, Wollpullunder, Denim, Satin und Leder. Die Show fand im Pariser Nachtclub Le Palace im Stadtteil Montmartre statt, der so rattig und abgefeiert war, dass Gucci den Teppich erneuern ließ, damit die erlesene internationale Mode-Crowd sich nicht ekeln musste.

Aber auch etwas entschärft erinnerte der Ort des Geschehens an eine Ära, so formulierte es der Designer, „als du neue Lover treffen und nicht endende Nächte haben konntest“. Vermeintlich unschuldigere, sorgenfreiere Zeiten, nach denen man sich am besten im Lendenschurz tanzend zurücksehnt.


Titelbild: Gucci Spring/Summer 2019 Ready-To-Wear Collection. Foto: © Gucci

Weitere Artikel 13 - 25 von 42 Gender Design: Evolution, Revolution, Volition Ultima Thule  Formsache: Vom Ende der Dinge Mit A nach B – der Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio Elmgreen & Dragset: The Whitechapel Pool Formsache: Tagtraum California Crazy Mit A nach B – mit dem Mobius durch die afrikanische wildnis Das letzte Museum seiner Art  Mit A nach B – die letzte Kuppel Italiens Pixelkronen: Architekten machen Geld Der Dritte Daumen

Täglich neue Themen und Produkte aus Office, Living, Licht, Bad und Küche.