Moden von Gestern: Der Trenchcoat

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Text: Anne Waak, Foto: Thurstan Redding, Styling: Ruben Moreira, 03.11.2018

2018 wird in die neuere Fashion-Geschichte eingehen als das Jahr mit den bislang meisten, schnellsten und unerwartetsten Wechseln an den Spitzen der Luxus-Modehäuser. Die geniale und von Kritikern wie Käufern geliebte Phoebe Philo verlässt Céline, dafür kommt Hedi Slimane, der zuletzt Saint Laurent aufgemischt hat. Das Traditionshaus Louis Vuitton macht den ehemaligen Kayne-West-Stylisten und Streetwear-Designer Virgil Abloh zum Kreativdirektor der Menswear. Und bei dem vielleicht bekanntesten britischen Label Burberry wurde zuletzt der Brite Christopher Bailey nach mehr als 17 Jahren gegen den Italiener Riccardo Tisci (vorher bei Givenchy) ausgetauscht.

Die Geschichte des Labels Burberry beginnt mit dem streng gläubigen Baptisten und Herrenausstatter Thomas Burberry, der Mitte des 19. Jahrhunderts seinen eigenen Laden im englischen Basingstoke eröffnete. Burberry erfand 1879 einen sehr haltbaren, wasserabweisenden Baumwollstoff namens Gabardine, ließ ihn sich patentieren und die Marke schützen. Ein „Burberry“ wurde in der Folge zur Bezeichnung für einen bequemen, hochgeschlossenen Herrenregenmantel mit kleinem Kragen, verdeckter Knopfleiste und kariertem Wollstoff als Innenfutter, das – geniale Idee – herausgeknöpft und auf Reisen als Morgenmantel verwendet werden konnte.

Aus Gabardine ließ Burberry dann auch Sport-, Arktis-Expeditions- und Armeekleidung herstellen. Im Jahr 1917, als in England während des Ersten Weltkriegs der Stoff rationiert wurde, gab Burberry die Herstellungsrechte für Gabardine frei. Zur Armeekleidung der englischen Soldaten gehörte da schon längst der Trenchcoat, also ein „Schützengrabenmantel“, der genau dort gegen Regen, Schlamm und Matsch schützen sollte.

In seiner Urform ist der Trenchcoat geräumig (für die Bewegungsfreiheit), mit zweireihiger Knopfleiste (um die Unterkleidung möglichst gut zu schützen), seine vielen Taschen fassen allerlei militärisches Zubehör und sein breites Revers kann bei Bedarf zugeknöpft werden. Dazu kommen Ärmelspangen (zur Regulierung der Weite), Schulterklappen (um daran den Gewehrschulterriemen und Rangabzeichen anzubringen) und ein Gürtel mit Ringen zur Befestigung des Fernglases. Nach dem Krieg wurde der Trenchcoat in England auch von Zivilisten getragen und verbreitete sich auf dem Kontinent. Schließlich entdeckten den Mantel auch Frauen, Detektive und Exhibitionisten für sich.

Aus dem beigen Wollkarostoff des Futters, dem sogenannten Burberry check, wurden ab Mitte der Zwanzigerjahre dann auch Schirme, Reisegepäck und andere Accessoires gefertigt.  80 Jahre später steckte das Unternehmen ausgerechnet wegen seines Markenzeichens in einer ausgewachsenen Identitätskrise. Das Karomuster des erfolgreichen Konzerns, das kurz zuvor noch ein Statussymbol der Vermögenden gewesen war, gefiel – das ist die Magie der Mode – nun auch den sogenannten Chavs, den modebewussten Fußball-Hooligans, Troublemakern und Neureichen.

Das löste eine Aufregung aus, die rückblickend und in Zeiten ECHTER Probleme wie dem Brexit schwer nachvollziehbar ist. Der Höhepunkt der „chav panic“ – und Burberrys Tiefpunkt – war erreicht, als das frühere Soap-Sternchen Danniella Westbrook samt ihres Babys auf der Straße abgelichtet und auf die Seiten der Klatschpresse gehoben wurde – beide von Kopf bis Fuß und Kinderwagen in Burberry-Karo gewandet. Junge Frauen überall im Land übernahmen den Look, Fake-Burberry überschwemmte den Markt, Pubs und Clubs begannen, in Burberry-Karo gekleidete Gäste der Türen zu verweisen. Das Label war zum Witz geworden.

Burberry reagierte, indem das Karo aus seinen Kollektionen verschwand. Von ursprünglich 20 Prozent aller Produkte war es im Jahr 2004 nur noch auf fünf Prozent zu sehen. Man ging hart gegen Fälschungen vor. Und langsam begannen die Leute wieder, Burberry zu tragen – nur eben ohne Logo. 2014 machte Burberry unter Christopher Bailey, der in der Zwischenzeit sowohl Präsident als auch Chef-Kreativdirektor war, einen Gewinn von 2,4 Milliarden Pfund.

Im vergangenen Jahr dann heuerte Bailey den russischen Jungdesigner Gosha Rubchinskiy für zwei Kollaborationen an. Rubchinskiy ist ein Fan jugendlicher Subkulturen und überzog Bomberjacken, Fischerhüte, Shirts und Shorts mit dem berühmten Karomuster, als wolle er den Briten ein übles Déjà-vu-Erlebnis bereiten. Bailey indes sagte, das Label sei gegenüber der Liebe der Chavs niemals arrogant gewesen, „weil ich denke, dass das ein wichtiger Teil unserer Geschichte ist”. Nun ja. Mit dem richtigen Abstand kann jeder Tiefpunkt als wichtiger Teil der eigenen Historie gesehen werden. Dieser Abstand ist offenbar nun erlangt. Und Bailey passé. Aber das Karussell dreht sich weiter. Tiscis erste Amtshandlung bestand im Redesign des Burberry-Schriftzugs, dem er einen serifenlosen Auftritt verpasste, außerdem ließ er ein Logo aus dem Jahr 1908 (neu) entwerfen, das an Thomas Burberrys Monogramm erinnert.

Dem Trenchcoat selbst ist das alles ein bisschen egal. Gerade ist er in einer „re-imaginierten Heritage-Kollektion” erhältlich, in Designs, die sich aus dem Unternehmensarchiv speisen und den Klassiker in Details und Farbe behutsam modernisieren. Aus Gabardine und gefüttert mit Burberry-Karo, für Männer und Frauen und alle anderen (aber leider ohne herausknöpfbaren Morgenmantel).  „Heritage” oder „DNA” sind seit etwa zehn Jahren Stichworte, mit denen Labels auf ihre Jahrzehnte bis Jahrhunderte zurückreichenden Wurzeln verweisen, um so durch Tradition, Handwerk und Kompetenz den Kunden ihre Daseinsberechtigung zu beweisen. Interessierte man sich in der Mode früher allein für die Zukunft, schaut man derzeit umso mehr zurück, je wilder der Wandel zuschlägt. „No matter the weather.” 

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