Moden von Gestern: Die Schamkapsel

Text: Anne Waak, 20.01.2018

Einer der größten viralen YouTube-Hits der letzten Zeit ist David LaChapelles Video für den Song Take Me To Church von Hozier. Mehr als 18,5 Millionen Mal wurde der Clip seit Februar 2015 aufgerufen. Darin tanzt der 27-jährige ukrainische Balletttänzer Sergei Polunin in einem sonnendurchfluteten Haus auf Hawaii ein Solo und trägt dabei nichts außer seinen Tätowierungen, einer hautfarbenen Strumpfhose und: einer Beule im Schritt. Wenn sich Polunin auf dem Rücken liegend am Boden windet, bildet sie den höchsten Punkt seines Körpers. Eine ganze Reihe von Kommentaren zum Video bezieht sich genau auf dieses Detail. „I find his bulge so distracting, nonetheless I love his dancing“, schreibt eine Frau – als könne das eine (der Körper und mit ihm der bulge) von dem, was er da tut (tanzen), getrennt werden. Die Beule ist eben mehr als nur ein Detail der Inszenierung.

Das Suspensorium, wie es auch Eiskunstläufer und Spieler einiger Mannschaftssportarten zum Schutz ihrer empfindlichsten Körperteile tragen, wird gern als der „BH des Mannes“ bezeichnet. Es soll eine einheitliche Silhouette schaffen und somit gewährleisten, dass nichts den Blick ablenkt, wie der BH ja auch verhindern soll, dass die Brustwarzen in Erscheinung treten. Gleichzeitig betont das Suspensorium (englisch: dance belt) genau das, was es schützen soll. Oder wie ein angeblicher Kollege Polunins in einem Kommentar zum Video erklärt: „It’s kind of like the men’s version of a padded push-up bra. I know guys that will double up and wear two dance belts to get even more bulking.“ Der Push-up-BH für den Mann hat einen historischen Vorläufer: die Schamkapsel. Sie war fast ein Jahrhundert lang fester Bestandteil der Männermode.

Wie die Modetheoretikerin Barbara Vinken zeigt, blieb die flamboyante Mode bis zur Französischen Revolution allein Männersache. Bevor der Anzug die Uniform der Bürger wurde, durften die Männer das schöne, geschmückte Geschlecht sein. Sie waren diejenigen, die sich körperbetont und sexy kleideten. Besonders das lange Bein wurde in der Renaissance akzentuiert, in farbigen oder weiß schimmernden Strümpfen, nach unten durch die Schuhe verlängert und bis nach oben hin sichtbar. „Für die vorrevolutionären Männer waren nicht nur die Beine Vorzeigeobjekte, auch das nützlichste Glied der menschlichen Gesellschaft inszenierte man herausragend“, so Vinken.

Auf einem Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren sieht König Heinrich VIII. im rot-goldenen Prunkgewand stolz auf den Betrachter hinab. Er trägt weiße, sich unter den Knien stauende Strümpfe, aus dem Vorderschlitz seines oberschenkellangen Rockes schaut keck die Schamkapsel hervor.

In der Armee erfüllte die Schamkapsel auch eine praktische Funktion: Lange war der Genitalbereich in Ritterrüstungen aus Gründen der Bewegungsfreiheit nur durch das Kettenhemd geschützt. Doch weil die Pikeniere bevorzugt in die Weichteile der Gegner stachen, erfand man um 1520 den metallenen, zum Pinkeln und Reiten abnehmbaren Gliedschirm. Auch für den galt: Je größer, desto besser. Daher die Bezeichnung „Renommiersuspensorium“.

Aber schon um 1600 war die Schamkapsel verschwunden, und zwar, wie es Moden zu tun pflegen: scheinbar von selbst. Das Suspensorium im Ballett, dessen Existenz wir übrigens Strumpfhosen-Fan Louis XIV. zu verdanken haben, ist eine Erinnerung an sie. An nordamerikanischen Highschools wurde vom Namen des Tiefschutzes der Baseball- oder Hockeyspieler – dem Jockstrap – die Bezeichnung für die athletischen jungen Männer, die diesen Sportarten nachgehen, abgeleitet: Jocks.

Längst hat sich eine neue, den Hintern betonende Form des Männerslips entwickelt, die dem Jockstrap nachgebildet ist. Und als Symbol sportlich-jugendlicher Virilität stand selbiger neulich im Mittelpunkt einer Strecke in einem britischen Männermode-Magazin. Auf dem Umweg über den Sport hat die Schamkapsel wieder Eingang in die Mode gefunden. Sergei Polunin gilt jedenfalls seit seinem leichtbekleideten Tanz als the hottest guy around.  

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